Schanghai

Reiseberichte Schanghai

Aus dem Sanella-Album China Tibet Japan

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China ist mit seinen Randländern Tibet, Sinkiang, Mongolei und Mandschurei der zweitgrößte Staat der Erde. Seine Fläche entspricht der Größe ganz Europas. Die Vereinigten Staaten von Amerika einschließlich Alaska sind etwas kleiner als China. 30 mal das Gebiet der Bundesrepublik würde die Fläche ausmachen, die das "Reich der Mitte" einnimmt. Mit 476 Millionen Einwohnern ist China bei weitem das dichtbevölkertste Land der Erde. Gesamteuropa mit 396 Millionen Einwohnern, Indien mit 357, die Sowjetunion mit 200 und die USA mit 150 Millionen folgen erst mit einigem Abstand. Der weitaus größte Teil der Menschen Chinas wohnt im eigentlichen China südlich der Großen Mauer, im Gebiet der Flüsse Hoangho (4150 km), Jangtsekiang (5200 km) und Sekiang (1250 km). Die Mongolei hat nur 2 Millionen Einwohner, Tibet 3 Millionen und Sinkiang 4 Millionen. Von den Randländern ist nur die Mandschurei dichter besiedelt (45 Millionen Einwohner). Korea ist in früheren Jahrhunderten mit China verbunden gewesen. Von 1910 bis 1945 war es eine japanische Kolonie, wurde dann frei und ist heute durch den 38. Breitengrad in eine russische und eine amerikanische Besatzungszone geteilt. Das Inselreich Japan ist etwa 11/2 mal so groß wie die deutsche Bundesrepublik, aber mit 84 Millionen Einwohnern noch dichter besiedelt als Westdeutschland. Dabei ist Japan ein Bergland ohne größere Ebenen. Nur ein Siebtel des japanischen Bodens kann landwirtschaftlich genutzt werden. Doch hat Japan von allen Ländern Asiens die größte Industrie und nimmt damit in mancherlei Hinsicht eine Sonderstellung ein.

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Auf dieser Seite befindet sich der Teil Schanghai aus dem Sanella Album:

China Tibet Japan

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Fünfmillionenstadt Schanghai

Zwischen Hangtschau und Schanghai verliert sich das Bergland Südchinas in einer großen Ebene. Im Mündungsgebiet des Jangtsekiang liegt die Fünfmillionenstadt Schanghai in einer Landschaft, die so flach wie ein Tisch ist. Viele Kanäle durchziehen das fruchtbare Schwemmland, und hohe Deiche schützen es vor Überflutungen durch Flüsse und Meer. Reisfelder wechseln mit Bohnen= und Gemüse=, Hanf= und Baumwollfeldern ab. Dazwischen sind Gärten mit Maulbeersträuchern und Pfirsichbäumen und unzählige Dörfer und Städte. Nirgendwo in China wohnt die bäuerliche Bevölkerung so dicht wie in der 

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Umgebung von Schanghai. 400 Menschen kommen auf den Quadratkilometer! Dreimal im Jahr bringen die Felder eine Ernte hervor, wenn sie genügend gedüngt und bewässert werden. Bei jedem Blick aus dem Fenster sieht Tom Männer und Knaben, die Wasserschöpfräder treten. Bis zum Dunkelwerden hat Tom am Zugfenster gestanden und geschaut. Danach kann er vor Aufregung nicht sitzen. Fast ein Jahr hat er seinen Vater nicht gesehen, und gleich werden sie sich treffen, in fremdem Land. Die Lichterflut der Millionenstadt wird am nördlichen Abendhimmel schon eine Stunde vor ihrer Ankunft sichtbar. Die ersten Wahrzeichen von Schanghai sind die siebenstöckige Lungwhapagode ("die von Blumen überwachsene") und die Zikaweikathedrale, die von französischen Jesuitenmissionaren erbaut wurde. Dunkel heben sich ihre Türme vor dem Lichterschein der Stadt ab. "Von hier bis zum Stadtzentrum zieht sich die Französische Konzession hin", erklärt Wang. "Die Avenue Joffre, die schnurgerade Prachtstraße des französischen Stadtviertels, reicht von hier bis an den Rand der südlichen Chinesenstadt. Sieben Kilometer! Anderthalb Stunden zu laufen, falls du bei der Hitze Lust dazu hast."

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Am Westbahnhof am Jeßfieldpark steigen ein paar Europäer aus, die hier am Westrande der Internationalen Niederlassung ihre Wohnungen haben. Auch Tom drängt mit seinem Koffer zur Wagentür. Wang hält ihn am Arm. "Noch 15 Minuten mußt du dich gedulden .. ." Durch das dunkle Industrieviertel der nordwestlichen Chinesenstadt rollt der Zug endlich in den Nordbahnhof ein. Auf dem Bahnsteig ist entsetzliches Geschrei und Gedränge. Gepäckträger, die ihre Dienste anbieten. Hotelportiers, die freie Zimmer ausrufen. Ein Gewimmel von Chinesen, die ankommende Familienangehörige abholen wollen. Geschiebe und Gestoße. Plötzlich ein Freudenruf von Wang. Seine ganze Familie ist auf dem Bahnsteig! Vater, Mutter, Tante, drei Brüder, eine Schwester, der Chauffeur und ein Hausboy. Alle sind freudig erregt, aber niemand umarmt Wang und niemand schüttelt ihm die Hand. Tom ist verwundert... "Ist Toms Vater nicht da?" fragt Wang. Nein, der mußte gestern zu dringenden geschäftlichen Besprechungen nach Nanking fahren. Tom ist plötzlich ganz traurig. Aber auf dem Bahnhof der Millionenstadt ist dafür kein Platz.

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Er muß achtgeben, daß er die Familie Wang nicht verliert. Mit dem Gepäck finden sie nicht alle im Familienauto Platz. Die beiden jüngeren Brüder, die Schwester und der Boy fahren in einer Taxe hinterher. Tom darf im Familienwagen neben dem Chauffeur sitzen. Das Gewimmel auf den Straßen läßt Tom seine Traurigkeit vergessen. Alle Augenblicke quietschen die Bremsen, daß es ihm kalt über den Rücken läuft. Um Haaresbreite entgehen Fußgänger und Rikschas einem Unfall. Einradschiebkarren und Lastenträger zu Hunderten auch auf der Großstadtstraße. Autos in Doppelströmen rechts und links. Überholen und Einbiegen in rasendem Tempo. Dazwischen klappernde Straßenbahnen und ihr Geklingel. Quietschende Bremsen bei jeder Querstraße, wenn plötzlich das rote Licht aufleuchtet. Geschrei der Rikschakulis, die sich zwischen den wartenden Autos nach vorn schlängeln. Das Hä ho, Hä ho der Lastenträger dazwischen. Immer größer wird die Helligkeit der Lichtreklame, je näher sie dem Stadtzentrum kommen. Kaufhäuser, Restaurants, Kinos, Theater. Die Ecke Tschekiang Road/Nanking Road ist ein Teufelsspuk von Licht, Lärm und Leben. Der Pferderennplatz mitten in der Stadt liegt wie eine dunkle Oase des Schweigens mitten in diesem Getümmel. Aber das Auge kriegt auch hier keine Ruhe. Die Hochhäuser rundum sind voll unruhiger Lichtreklame. Blau und gelb, rot, lila und grün blitzt es abwechselnd auf, und Lichtschriftzeichen wechseln ohne Ende.

Im Hause Wangs

An der Avenue Road, einer etwas ruhigeren Seitenstraße der Internationalen Niederlassung, haben die Wangs ein zweistöckiges europäisches Haus mitten in einem großen Garten. Von der Straße sieht man nur eine fast doppelt mannshohe graue Steinmauer und ein ebenso hohes schmiedeeisernes Tor. Vergoldete Drachen beiderseits der Torlaterne und buddhistische

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Teegärten

In den Teegärten Chinas wird der Teestrauch ungefähr ein Meter hoch. Nur die frisch aus den Knospen tretenden Blätter werden von fleißigen Frauenhänden gepflückt und gesammelt. Zu Hause wird dann die Ernte zum Trocknen ausgebreitet. Dabei rollen sich die jungen Blätter ein, werden sortiert und sind dann für den Gebrauch in China fertig. Das fertige Getränk hat dort eine grüne Farbe. Die goldgelbe Farbe unserer Teesorten entsteht erst durch das Rösten der Tees.

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Seidenraupenzucht

Seit 2000 Jahren ist die Seide Chinas in Europa bekannt. Auf den Seidenstraßen zogen schon zur Zeit der alten Römer Karawanen, die chinesische Seide nach Europa brachten. Als Folge der chinesischen Bürgerkriege ist der Seidenbau Chinas in den letzten hundert Jahren zurückgegangen.

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Lebenszeichen zeugen von dem Reichtum des Erbauers. Als die Hupe des Familienautos dreimal in kurzen Abständen ertönt, stürzt der Kaimendi aus seinem Wärterhäuschen hervor. Erst als er im Scheine des inneren Wagenlichtes die Familie erkannt hat, öffnet er schnell das Tor. Nach der Durchfahrt wird es noch schneller wieder geschlossen. Auch auf den Straßen von Schanghai gibt es Kidnapperbanden! Oft liegen sie vor den Häusern wohlhabender Geschäftsleute auf der Lauer und holen aus wartenden oder langsam fahrenden Wagen ihre Opfer heraus. So geschah es dem Eigentümer des Hauses, in dem die Wangs jetzt billig zur Miete wohnen, weil kein Reicher mehr hineinzuziehen wagt. Vater Birkenfeldt und Herr Wang haben verabredet, daß Tom solange im Hause Wang in Schanghai bleiben soll, bis der Geschäftsauftrag in Nanking erledigt ist. Wie lange das dauert, weiß kein Mensch, denn wer mit Chinesen Geschäfte machen will, darf sie nicht zur Eile drängen. Vater Wang wird von seinem Chauffeur morgens und nachmittags ins Büro gefahren und zum Mittag= und Abendessen wieder heimgeholt. Zwischendurch steht der Wagen Tom und Wang zur Verfügung. Sie können sich fahren lassen, wohin sie wollen. Der Chauffeur ist ein freundlicher Mann. Auf wenig belebten Straßen läßt er auch einen Jungen mal ans Steuer. Wang ist schon so sicher im Fahren, daß er jederzeit seine Fahrerprüfung machen könnte. So kommt Tom um so häufiger dran. Gelegentlich fahren sie auch mit einem Autobus oder mit einer Familienrikscha in die Stadt. Zu Fuß gehen ist kein Vergnügen. Im Juli und August zeigt das Thermometer fast mehr als 300. Die Schuhe der Fußgänger bleiben nicht selten im weichgewordenen Asphalt stecken. Mindestens zweimal am Tage nehmen Tom und Wang ein Brausebad und wechseln die verschwitzten Hemden. Am angenehmsten sind die Abendstunden zwischen 9 Uhr und Mitternacht. Bis dahin sind ganze Familien mit ihren Kindern auf den Straßen und in den Parks. Eines Mittags bringt Vater Wang aus seinem Büro die Nachricht heim, daß Tom am Abend zu Hause bleiben soll. Herr Birkenfeldt will aus Nanking anrufen und Tom wenigstens telephonisch begrüßen. Das ist für Tom eine große Freude. Ihm verschlägt es fast die Stimme, als das Telephon einige Minuten nach der verabredeten Zeit klingelt. Bei der Entfernung von mehr als 300 Kilometern ist die Verständigung gut, nur sind manchmal merkwürdige chinesische Sprechlaute in der Leitung. Tom berichtet seinem Vater über die Fahrt von Kanton und was er indessen in Schanghai alles schon gesehen hat: die Hochhäuser der

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City, den "Bund", d. h. die berühmte Hafenuferstraße am Wangpufluß, das Teehaus mit der siebenzackigen Geisterbrücke in Nantao und das neue Rathaus von Großschanghai in Kiangwan. "Heute nachmittag haben wir am Bund eine große Polizeirazzia auf Opiumschmuggler miterlebt. Ein am Ufer festmachender Jangtsedampfer war von Hunderten von Polizisten umringt. Polizei am Pier und Polizei in Hafenbooten. Alle Polizisten hatten kugelsichere Westen an und Maschinenpistolen in den Händen. Mehrere Schmuggler wurden gefesselt abgeführt und viele Kisten mit Opium auf Polizeilastwagen verladen. Wir glaubten, jeden Augenblick würde die Knallerei losgehen. Wir hatten hinter dem Denkmal des britischen Zolldirektors Robert Hart schon Deckung bezogen." Tom verschweigt seinem Vater auch nicht, daß er Autofahren lernt und daß ihm das eigentlich am meisten Spaß macht. Vater Kleinermann hat nichts dagegen. "Wenn du versprichst vorsichtig zu sein, darfst du auch deine Führerscheinprüfung machen. Damit kannst du mir später einen chinesischen Chauffeur ersetzen!" Freudig gibt Tom das Versprechen und wünscht seinem Vater eine baldige Rückkehr nach Schanghai. "Gute Nacht, Vater!" - "Gute Nacht, Tom!"

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Tom vor dem dicken Buddha

Als der indische Prinz Gautama Buddha 500 Jahre vor Christus die Religion den Buddhismus begründete, hat er es sich gewiß nicht träumen lassen, daß seine Anhänger in China ihn einmal in dieser Form darstellen würden.. Er lehnte die Vergänglichkeit alles Irdischen. Im dicken Buddha von Hahgtschau aber wird Buddha als Inbegriff der Freude am leiblichen Wohl verkörpert. "Du mußt lachen wie der Buddha", ruft Tom seinem Freund zu, als er ihn vor dem riesigen Felsenbild photographiert.

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Das Abenteuer mit dem Opiumschmuggler

Tom macht seine Fahrversuche am liebsten in Kiangwan. Da sind von einem geplanten neuen Stadtteil vorerst nur die Straßen gebaut worden, schöne, breite, gerade Betonstraßen. Außer dem neuen Rathaus und einigen öffentlichen Gebäuden, Hospital und Museum, Bibliothek und Stadion, sind nur wenige Häuser da. Alle Straßen sind übersichtlich und nur wenig belebt. Nur selten taucht eine Polizeistreife auf. Vom "Straßenschachbrett" führt eine zehn Kilometer lange, schnurgerade Straße mitten durch grüne Felder in das Ostende der Internationalen Niederlassung am Hafenfluß. Hier besuchen Tom und Wang nach einer "Fahrschule" das Elektrizitätswerk, in dem Vater Birkenfeldt die neue Turbine aufgebaut hat. Sechs Kohlenschiffe werden gleichzeitig entladen. Mehr als ein Dutzend mächtiger Schlote verdunkeln die Gegend mit ihrem Rauch. In der Turbinenhalle kann Tom nun einmal seinem Freund die Erklärungen geben. Als Sohn eines Elektroingenieurs ist er nicht zum erstenmal in einem solchen technischen Wunderwerk. Hinterher sitzen sie eine Zeitlang an der Steinböschung des Hafenflusses und beobachten den Schiffsverkehr.

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Der Wangpufluß ist hier, 15 Kilometer vor seiner Mündüng in den Jangtsekiang, etwa 800 Meter breit. Ganze Flotten von Dschunken kreuzen darauf herum. Dazwischen flußauf und flußab Fracht= und Passagierdampfer, Hafen= und Fährboote, Barkassen, Sampans, Kanonenboote, Zollkreuzer und die schnellen Boote der Wasserpolizei. Ein stadtwärts fahrender Jangtsedampfer warnt die Dschunken vor seinem Bug mit einem langgezogenen Wu=u=u. Er muß seine Fahrt verlangsamen. In diesem Augenblick stürzt aus der Seitenluke des Dampfers ein Mann mit einem großen Koffer in den Fluß. An Bord werden sie es gar nicht bemerkt haben. Aber Tom und Wang haben es genau gesehen. Der Mann schwimmt, ebenso sein hölzerner Koffer, an dem er sich festhält. "Er hat Glück", sagt Wang, "daß in dieser Stunde zwischen Ebbe und Flut die Strömung nicht so stark ist." Nicht weit von den Jungen erreicht der Schwimmer das Ufer. Ganz erschöpft. Tom und Wang ziehen ihn mit seinem Koffer an Land. Ohne ein Wort zu sagen, holt der Gerettete ein Stück Papier aus der Innentasche seines Ischangs und gibt es Wang. Dann bricht er halb bewußtlos zusammen. Mit Mühe entziffert Wang die verlaufene Tuschschrift auf dem Zettel "Tschien Kiang Lu, Nummer 13". Wang ruft seinen Chauffeur heran. Der kennt wie alle Chauffeure alle Straßen in der Millionenstadt. "Die Tschien Kiang Road ist eine Seitenstraße von der Tschun Kung Road, nicht weit von hier, hinter der Schule der Baptistenmission." Sie tragen den Mann und seinen Koffer in das Auto. Der Chauffeur gibt Gas. Vier Minuten später sind sie vor dem Haus Nr. 13 auf der

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Wasserschöpfräder

.Jeder Tritt ein Liter Wasser, und jedes Liter Wasser zehn Reiskörner" - das ist eine alte, weise Erkenntnis, die diesen beiden Chinesenjungen ihre harte Arbeit erträglicher macht. Von früh bis spät und oft die Nacht hindurch muß diese Wassertretmühle bedient werden, sonst gibt es auf den Reisfeldern eine Mißernte und im Lande Hungersnot und Hungertod. Auch mehrere gute Ernten bringen dem Reisbauern nicht so viel Geld ein, daß er sich dafür eine mechanisch betriebene Pumpe kaufen könnte. Zudem wäre auch der Treibstoff für eine Pumpe teurer als die menschliche Arbeitskraft.

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Tschien Kang Lu. Es ist das letzte Haus an einem Feldweg, der sich in nassen Reisfeldern totläuft. Ein einsames Haus, rundum von einem hohen, aus Bambuszweigen geflochtenen Zaun umgeben. Der vom Wangpuwasser noch triefende Mann ist wieder ganz zu sich gekommen. Er will Wang und Tom, die hinten im Auto sitzen, ein Trinkgeld geben. Sie sollen ihm nicht weiter behilflich sein. Nur der Chauffeur darf seinen Koffer ins Haus tragen. Indessen wendet Wang mit Mühe den Wagen um. Fast wäre er dabei in einen tiefen Graben geraten. - Der Chauffeur kommt immer noch nicht wieder. Plötzlich ein lauter Schrei aus dem Haus. Beide Jungen rennen auf die Tür zu. Aber Wang hält Tom zurück. "Hier stimmt etwas nicht! - Ich gehe allein! - Wenn ich in einer Minute nicht wieder draußen bin, holst du Hilfe!" Tom klopft das Herz. Er horcht... Noch ein Schrei? Wang? Tom wirft sich ans Steuer und jagt auf die Tschun Kung Road zurück. Ein Schuß knallt hinter ihm her. Soll er den Pförtner der Baptistenschule alarmieren oder gleich zur Polizeistation an der Grenze der Internationalen Niederlassung fahren? Der Kilometerzähler zeigt 80. Er jagt an dem Tor des Schulparks vorbei. 85! In der Kurve der Hauptstraße ein Gefährt mitten auf der Straße. Tom tritt auf den Bremshebel, daß er fast durch die Scheibe fliegt. Polizeistreife!! Drei chinesische Polizisten mit Panzerwesten und Maschinenpistolen auf Motorrad mit Beiwagen. "Tufei", schreit Tom, "Tschien Kang Lu". Er klettert einfach zu dem Mann in den Beiwagen. Mit 90 geht es zur Ecke des Feldweges zurück. Dann schleichen sie sich mit entsicherten MP.s an. "I ko tufei", flüsterte Tom und hebt dabei den Daumen hoch. "Nur ein Tufei!" Tom und zwei Polizisten nehmen hinter dicken Weidenbäumen Deckung. Der dritte geht auf die Haustür zu. Da wird sie aufgerissen, der Chinese mit dem Koffer will sich davonmachen.

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So schnell hat er keine Polizei erwartet. Als er drei Pistolenläufe auf sich gerichtet sieht, läßt er den Koffer fallen und hebt beide Hände. Zwei Polizisten fesseln ihn, der dritte untersucht den Koffer. Dreißig Pfd. Opium, pfundweise in Ölpapier verpackt! Das Haus scheint unbewohnt zu sein. Zimmer ohne Möbel. Im Keller liegt der Chauffeur, in der Küche Wang auf dem Boden. Beide gefesselt und geknebelt, aber beide unverletzt. Zehn Minuten später fahren das Polizeikraftrad und der wieder vom Chauffeur gesteuerte Wagen bei der Polizeistation vor. Der Tufeischmuggler wird eingeliefert. Der Chauffeur und die Jungen müssen ein Polizeiprotokoll unterschreiben. Davon, daß Tom mit 80 und ohne Führerschein die Schun Kung Road entlangbrauste, ist gar nicht die Rede. Im Gegenteil. Tom erhält von dem Polizeioffizier ein hohes Lob. Am nächsten Morgen steht die Geschichte unter dicken Überschriften in allen Zeitungen Schanghais. Chinesisch, englisch und französisch:

DEUTSCHER JUNGE ENTLARVT OPIUMSCHMUGGLER, RETTET CHINESISCHEN FREUND UND CHAUFFEUR.

Am Abend ruft Vater Birkenfeldt unerwartet wieder aus Nanking an. Auch er hat die Geschichte in der Zeitung gelesen. Er gratuliert Tom und Wang und dem Chauffeur, aber er rät Tom noch einmal, vorsichtig zu sein. "Mach schnell die Fahrerprüfung und komm dann zu mir nach Nanking!"

Letzte Tage in Schanghai

Schon am nächsten Tage lassen Tom und Wang sich an das Südende der Route Ghizi fahren. Dort ist das Büro der chinesischen Stadtverwaltung, das für Führerscheine zuständig ist. Sie melden sich für einen der nächsten Tage an und sehen dann im Hof eine Weile zu, wie andere Anwärter im "Irrgarten" ihre Prüfung versuchen. Das Schwierigste ist eine Durchfahrt durch ein enges "Tor", das durch zwei gewöhnliche Literflaschen angedeutet ist. Fällt eine der Flaschen bei der Durchfahrt um, so ist der Prüfling durchgefallen. Er darf sich aber gleich für eine neue Prüfung anmelden. Die aufgestellten chinesischen Verkehrszeichen gleichen größtenteils den international üblichen. Anders sind nur ein Zeichen für Brücke sowie die für Parken und Parkverbot. Zwei Tage später bestehen beide Jungen ihre Prüfung ohne Schwierigkeiten. Die Durchfahrt durch das Flaschentor haben sie in Kiangwan bei jedem Tempo geübt. Gegen acht Dollar Vergütung können sie ihren neuen Führerschein gleich mit nach Hause nehmen. Tom steuert den Wagen zurück, quer durch die Französische Konzession und ein Stück über die Avenue Joffre. Es ist seine zweitletzte Fahrt mit dem Wangschen Familienwagen. Morgen fährt er zu seinem

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Lichtreklame in Shanghai

Die Ecke Nanking Road Tschekiang Road ist ein Teufelsspuk von Licht, Lärm und Leben. Straßenbahnen klingeln, Autobusse hupen, Bremsen quietschen. Schreiende Rikschakulis huschen mit ihren Gefährten kreuz und quer durch den Strom der größeren Fahrzeuge. Auch die chinesischen Schriftzeichen lassen sich mit Neonröhren und bewegter Lichterschrift nachbilden.

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Vater nach Nanking. - Lange hat er mit den Wangs überlegt, ob er besser einen Dampfer oder die Eisenbahn nimmt. "Denke an die "Suiwo!" warnt Frau Wang. Auch Herr Wang rät zur Bahnfahrt. "Vom Zug aus kannst du über 100 Kilometer lang das Leben und Treiben auf dem Kaiserkanal beobachten!" - "Und Sutschau sehen!" ruft Hsi=ping dazwischen, "Sutschau, das vielleicht noch schöner als Hangtschau ist." - So entscheidet sich Tom für die Bahnfahrt. Wenn er den frühen Morgenzug nimmt, kann er die Fahrt in Sutschau drei Stunden unterbrechen und doch noch bei Tage in Nanking sein. Nach einem großartigen Abschiedsessen im Hause Wang verbringen die Freunde den letzten Abend im Freilichtkino im Jeßfield=Park. Dort läuft ein abenteuerlicher Film, eine Darstellung aus der chinesischen Geschichte. Tom ist überrascht, wieviel besser er nun schon das fremdartige chinesische Leben versteht als damals in Hongkong, wo er den Tigergeneral sah. Hung Hsiu Tschüan, der Titelheld dieses Films, ist auch ein chinesischer General.

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Er war der Anführer der "Haarrebellen", die 1851 gegen die Mandschukaiser in Peking aufstanden und nicht länger den verhaßten Zopf tragen wollten. Er gründete in Nanking ein Königreich des "Großen Friedens" ("Tai Ping"), das sich zeitweise über 16 Provinzen ausbreitete und 11 Jahre lang dem Ansturm der Mandschuheere widerstand. Hung Hsiu Tschüan nannte sich selbst den zweiten Sohn Gottes und einen jüngeren Bruder Christi. Was er aber dem Lande brachte, war kein großer Friede, sondern furchtbare Verheerungen und Metzeleien. In Hangtschau wurden 600 000, in Nanking 100 000 Menschen erschlagen. Da der Film auf und vor den Mauern von Nanking aufgenommen ist, hat Tom die Stadt schon kennengelernt, bevor er dahin gekommen ist. "Den Spuren der Taipingrebellion wirst du in Sutschau und Nanking noch oftmals begegnen", sagt Wang, als sie in der kühlen Nachtluft langsam nach Hause schlendern. "Schade, daß ich nicht mit dir fahren kann." Eines aber versprechen sie sich ganz fest, bevor sie sich gute Nacht sagen. Mit den 600 Dollars wollen sie gemeinsam eine Flußreise auf dem Jangtsekiang machen. "Bis an den Rand von Tibet!!"

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Nach Nanking!

In dem guten alten Familienauto haben Wang und der Chauffeur Tom zum Nordbahnhof gebracht. Sie haben sein Gepäck und den Eßkorb über einem guten Fensterplatz verstaut und lange Abschied gewinkt. Tom fährt nun zum erstenmal allein! Er sitzt in dem Zug, den er in dem Film "Schanghai=Expreß" in Berlin schon einmal gesehen hat. Aber jetzt erscheint ihm alles ganz anders als damals. Tom ist der einzige Fremde in einem Zug voller Chinesen. Die Mitreisenden in seinem Abteil werfen ihm freundliche Blicke zu, aber unterhalten kann er sich mit ihnen kaum. In wenigen Wochen ist die chinesische Sprache nicht zu erlernen. Die Mitreisenden sprechen durch ihre Augen und Gebärden zu ihm. Sie machen ihn auf manche Sehenswürdigkeit aufmerksam. Dort sind die hohen Stahlmasten des Großsenders Tschenju, der Schanghai mit der Welt verbindet. Da ist wieder die fruchtbare Ebene mit ihren Feldern und Kanälen, Dschunkensegeln und Wasserschöpfrädern. Wo diese nicht von Menschen getreten werden, besorgen Göpelräder, von Büffeln gezogen, den Betrieb. Mit verbundenen Augen trotten die Büffel ohne Treiber rundum.

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Im Verkehrsgewimmel von Shanghai

Straßenbahnen, ein- und zweistöckige Autobusse, Autos, Schiebekarren, Rikschas, Fahrräder und sorglose Fußgänger ergeben oft ein tolles Durcheinander. Der Ton quietschender Bremsen mischt sich in das Geschrei der Rikschakulis und das Hä ho, Hä ho der Lastenträger. Der Verkehrspolizist mit dem Knüppel erreicht oft eine bessere Ordnung als das rot-gelb-grüne Licht.

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Das Auto fährt durch das Tor des Wanghauses

Auch auf den Straßen der Großstadt gibt es Menschenräuber, die sogenannten Kidnapper. -"Tut - Tut - Tut" tönt das Horn des Wangschen Familienautos. Der Torhüter hat auf den wohlbekannten Ton, den er von allen anderen unterscheidet, schon gewartet. Eilends stürzt er an das Tor und öffnet es. Die Sekunden zwischen dem Halten des Autos und seiner Durchfahrt durch das Tor sind der gefährliche Augenblick.

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Nicht alle Bauern haben ihnen ein Sonnenschutzdach gebaut. Zweimal kreuzt die Bahn den Sutschau=Creek, auf dem Tausende von Dschunken und Sampans die Erzeugnisse dieses fruchtbarsten chinesischen Landes nach Schanghai bringen. Auf spiegelglatten weiten Seenflächen glitzert die Morgensonne. Fischer mit Netzen und abgerichteten Kormoranvögeln gehen ihrem friedlichen Handwerk nach.

Sutschau

Vor dem Bahnhof von Sutschau wird Tom von Rikschakulis und Eseltreibern umdrängt. Er mietet sich zur Abwechselung einen Reitesel, der ihn in schnellem Zuckeltrab an sein Ziel, die 80 Meter hohe Poh=Sz=Pagode trägt. Dreißig Schellen klingeln am Halse des Esels. Der Treiberjunge mit der Peitsche rennt zu Fuß hinterher. Wie bei den meisten chinesischen Städten liegt der Bahnhof außerhalb der Stadtmauern. Durch das "Himmelstor" geht es in die rechteckig ummauerte Stadt hinein. Sutschau wird auch das "Venedig Chinas" genannt, weil viele Kanäle alle Teile der Stadt durchziehen.

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Neben sechs Straßentoren gibt es auch fünf Schleusentore in der 20 Kilometer langen Stadtmauer. Vor 2500 Jahren wurde die Stadt gegründet. Mehr als achtzig Generationen von Chinesen haben das holperige Kopfsteinpflaster schon getreten. Stadtgründer war der General und spätere König Sun. Er hat auch den Tempel bei der Poh=Sz=Pagode gegründet und ihn der Amme, die ihn säugte, geweiht. Er ehrte das Alter, wie es der große Sittenlehrer der Chinesen Kungtse (Konfuzius), fünfhundert Jahre vor Christus gelehrt hat, - Mit dem Treiberjungen steigt Tom bis zum neunten Stockwerk der steinernen Pagode hinauf. Da jedes Stockwerk einen äußeren Umgang mit einem hölzernen Geländer hat, kann Tom ohne schwindelig zu werden, die Aussicht nach allen Seiten genießen, auf die Ebene im Osten, den hügelumrahmten "Großen See" (Tai Hu) im Westen und das Stadtviereck im Süden.

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Polizeirazzia am "Bund" von Shanghai

Der "Bund" ist die Uferstraße von Shanghai, wo zu Füßen der Hochhäuser kleinere Dampfer, Barkassen, Dschunken und Sampans anlegen. Auch der harmloseste Weltenbummler kann hier plötzlich mitten in eine wilde Schießerei geraten. Durch Spitzel benachrichtigt, brausen motorisierte Polizisten in kugelsicheren Westen auf Krafträdern und in Hafenbooten heran, um auf einem anlegenden Dampfer eine Schmugglerbande festzunehmen.

 

 

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