Japan

Reiseberichte Japan

Aus dem Sanella-Album China Tibet Japan

=========================================

 

Seite 56

 

Ins "Land der Kirschenblüte"

Den Winter hat Tom in Schanghai verbracht. Seinem Vater war es endlich gelungen, nicht nur den Lieferungsauftrag für Nanking zu bekommen, sondern auch einen weiteren für Schanghai. Vater Birkenfeld hat sich einen eigenen Wagen angeschafft, und Tom ist sein Chauffeur gewesen, in Schanghai und in Nanking und auf der neuen Autostraße zwischen beiden Städten. Zu Weihnachten wären sie gerne bei der Mutter in Berlin gewesen. Im Hause Wang gab es keinen Tannenbaum. Das winterliche Fest des chinesischen Volkes - überhaupt seine einzige große Festzeit im ganzen Jahr - ist immer noch das Neujahrsfest. Dieses findet jedoch nicht in den ersten Januartagen unseres Kalenders statt; es wird nach dem chinesischen Mondkalender dann gefeiert, wenn die Natur wieder zu neuem Leben erwacht. Das geschieht auf dem 30. Breitengrad in der Zeit zwischen Ende Januar und Anfang März. Vierzehn Tage lang dauern dann die Festfreuden des ganzen chinesischen Volkes. Kein Reicher und kein Armer arbeitet während dieser Tage. Jung und alt feiert, ißt, trinkt und macht Freudenlärm.

Stichworte: Aso Vulkan, Insel Kiuschiu, Berg Unzendake

Vierzehn Tage lang hält das knallen der Feuerwerkskörper an, und dabei wird nicht weniger laut geknallt als in Berlin in der Silvesternacht. Mit der Natur ist auch Toms Reiselust neu erwacht. Auf Wunsch seiner Firma soll der Vater im Mai nach Tokio, der Hauptstadt Japans, fahren, und dort die Leitung einer Filiale der Elektrofabrik übernehmen. Wenn er in Tokio eine Familienwohnung findet, will auch die Mutter aus Berlin dahin übersiedeln. Tom möchte nun nach Japan vorausfahren. Der Goldklumpen von Dorrtsche hat ihn zu einem "reichen Mann" gemacht. Nach seinen Erfahrungen in Nanking, Peking und Tibet läßt Vater Birkenfeldt seinen Jungen ohne Bedenken allein fahren. Außerdem hat Herr Birkenfeldt an einen japanischen Freund geschrieben, mit dem er während seiner Studienjahre in Berlin eng verbunden war. Herr Nakamura, oder, wie es japanisch heißt, Nakamura=san, lebt jetzt in Unzen in der Nähe von Nagasaki. Er hat sofort geantwortet, daß er gerne bereit sei, Tom für einige Wochen in sein Haus aufzunehmen. Ende März, an einem warmen Frühlingsmorgen, geht Tom in Schanghai an Bord der "Sakura Maru", um in das Land der Kirschenblüte zu fahren. Schon der Name des Schiffes ist von glücklicher Vorbedeutung für seine Reise.

.

Bildrückseite 83

 

Tom fährt mit der Sakura Maru nach Japan

.

 

Auf dieser Seite befindet sich der Teil Japan aus dem Sanella Album:

China Tibet Japan

Wenn Sie das Sanella Album betrachten möchten, bitte hier umschalten.

Seite 57

Maru, ein japanisches Wort, das in den Namen aller japanischer Handelsschiffe vorkommt, bedeutet nicht nur Schiff. Es hat ebenso wie viele chinesische Wörter mehrere Bedeutungen, z. B. Sonnenball, Vollkommenheit und tapferer Junge. Sakura aber ist der Name für den blühenden Kirschbaum, der seiner Blüten wegen überall in Japan angepflanzt und verehrt wird. Wallfahrten zu den Kirschblütenhainen sind in diesem Land ein Volksfest wie das Neujahrsfest in China, Am Mast der "Sakura Maru" weht der Hino Maru, die Japanische Flagge mit dem roten Sonnenball im weißen Feld. Nach dem grauen Schanghaier Winter scheint die Sonne wieder vom blauen Himmel. Die See ist ruhig. Klein sind die weißen Wogenkämme des grünlichblauen Wasser. Die Zeit der Taifune ist vorbei. "Japan liegt vor den Toren von China", hat Tom einst in der Schule gelernt, aber es dauert immerhin 30 Stunden, bis die "Sakura Maru" mit ihrem 15=Knoten=Tempo das Ostchinesische Meer überquert hat. Erst am Mittag des nächsten Tages taucht die Felsenküste der großen japanischen Südinsel Kiuschiu am östlichen Horizont auf. Der freundlich Englisch sprechende Kapitän macht Tom auf einige Punkte der Küste aufmerksam. "Der höchste Berg, etwas zur rechten Hand, ist der Unzendake, 1360 Meter hoch. An seinem Abhang liegt das Schwefelbad Unzen, wo euer Freund Nakamura wohnt. Der weiße Dunst über dem Berg ist keine Wolke, das sind die Schwefeldämpfe von Unzen. Kiuschiu hat neben Schwefelquellen auch heiße Quellen und tätige Vulkane. Laß dir auf keinen Fall eine Besteigung des immer rauchenden und manchmal auch spuckenden Aso=Vulkanes in Zentral=Kiuschiu entgehen, Von dem bißchen Aschenregen hat ein Junge wie du ebensowenig Angst wie ein Seemann vor einem Taifun."

.

Auf den Spuren eines deutschen Japanforschers

Der Hafen von Nagasaki liegt am Ende einer tiefen Bucht, die durch hohe Berge und vorgelagerte Inseln gegen alle Stürme und Meereswogen geschützt ist. Tom hat sich vorgenommen, in Nagasaki zwei Dingen nachzugehen: den Spuren der amerikanischen Atombombe, die am 9. August 1945 einen großen Teil der Stadt zerstörte und mit der japanischen Kapitulation das Ende des 2. Weltkrieges herbeiführte; dann aber auch den Spuren eines deutschen Mannes, der als einer der ersten das damals noch mittelalterliche Japan bereist und geschildert hat. Engelbert Kämpfer, ein Westfale aus Lemgo, lebte von 1690 bis 1692 in Nagasaki auf der Hafeninsel Deschima und machte von hier aus eine Reise nach Tokio, genau das also, was Tom jetzt vorhat. Aber welcher Unterschied zwischen damals und heute! 1690 war Japan für die Weißen ein verbotenes Land wie es Tibet bis in das 20. Jahrhundert hinein gewesen ist. Rund 200 Jahre lang, von 1637 bis 1854 hatten die Schogune, die damaligen Herren des Landes, jede Berührung der Japaner mit der Außenwelt verboten. Kein fremdes Schiff durfte einen japanischen Hafen anlaufen, und kein japanischer Dschunkenführer bekam die Erlaubnis, nach einem fremden Hafen auszulaufen. Nur in Nagasaki ließen die Schogune eine Ausnahme zu. Hier durfte jedes Jahr ein einziges holländisches Schiff an der Insel Deschima landen, holländisches Tuch, indische Webwaren und Gewürze von den Molukken ausladen und für die Rückreise Gold, Silber und Kupfer, Tee, Lackwaren und Porzellan eintauschen. Als Schiffsarzt auf einem holländischen Ostindienfahrer kam Engelbert Kämpfer nach Nagasaki. Mit der holländischen Gesandtschaft, die dem Schogun alljährlich einen Tribut zu überbringen hatte, durfte er nach Tokio reisen. Dabei hat der deutsche Arzt und Naturforscher das Land und seine Bewohner so gründlich studiert, daß er als erster Europäer ein fast 800 Seiten starkes Reisebuch über Japan schreiben konnte. Die "Sakura Maru" legt an einem Pier in Deschima an. Heute ist die frühere Insel ein Stadtteil von Nagasaki und durch mehrere Brücken mit der übrigen Stadt verbunden.

Bildrückseite 84

 

Japanischer Bogenschütze

Das Bogenschießen ist in Japan ein weit verbreiteter Sport. Bogenschützenvereine sind dort viel zahlreicher als in Deutschland die Schützenvereine. Auch öffentliche Bogenschießhallen gibt es in Japan in vielen Straßen. Tom stellt fest, daß das Bogenschießen nicht nur ein Sport zur Belustigung, sondern eine feierliche Handlung ist. Ein Arm des Schützen wird vom Kimono frei gemacht Und jetzt ist Tom überrascht. Der Schütze spannt den Bogen und schließt die Augen. Sein Gesicht sieht plötzlich wie eine Maske aus. Der Pfeil schwirrt durch die Luft und - trifft genau das Ziel. Die Zuschauer hocken am Boden und schweigen.

Seite 58

Ganz in der Nähe des Piers findet Tom in einem kleinen Gedenkpark tatsächlich den Erinnerungsstein für Engelbert Kämpfer. Das Explosionszentrum der Atombombe liegt dreieinhalb Kilometer vom Hafen entfernt in einem Seitental des Urakamiflusses. Pulsendes Leben erfüllt auch diesen Stadtteil wieder. Nagasaki hat seine frühere Einwohnerzahl von 250 000 fast wieder erreicht, obgleich die Atombombe 73 000 Todesopfer forderte und viele Überlebende zunächst das Weite gesucht hatten. Als Bewohner eines oft von Erdbeben heimgesuchten Landes haben die Japaner uralte Erfahrungen darin, zerstörte Städte aus Asche und Trümmern neu erstehen zu lassen. Ihre Häuser werden vornehmlich aus Holz gebaut, fast die Hälfte des bergigen Landes ist mit nutzbarem Wald bedeckt. An der Stelle, wo die Atombombe in einer Höhe von 450 Metern über den Häusern explodierte, steht jetzt ein Denkmal. Daneben sind Läden, in denen Atombombenerinnerungen verkauft werden, vor allem Ziegelsteine, die bei der Explosion verglast sind.

Stichworte: Reiseberichte Japan, Japan Reiseberichte

Wo kann man bequemer und billiger reisen ?

Eine Stunde, nachdem Tom seinen Fuß zum erstenmal auf japanischen Boden gesetzt hat, ist ihm bereits aufgegangen, daß Japan ein ideales Reiseland ist. Die Japaner sind freundlich und zuvorkommend, viele sprechen Englisch, und die Verkehrsmittel sind zahlreich und modern wie in den meisten westeuropäischen Ländern. Gleich am Pier liegt ein Bahnhof. Dort sind auch Haltestellen für Straßenbahn=, Autobus= und Motorbootlinien. An großen, sauberen Anschlagtafeln sind nicht nur die Fahrpläne und Fahrpreise aufgemalt, sondern auch bunte Landkarten von seltener Übersichtlichkeit. Noch in keinem der vielen Häfen, die Tom auf seiner Weltreise besuchte, hat er solche Reiseerleichterungen gefunden. Von Nagasaki nach Obama, dem Städtchen am Fuße des Uzendake, gibt es nicht weniger als drei Reisemöglichkeiten: mit dem Zug, mit einem Autobus oder mit einem Motorschiff. Die zweistündige Zugfahrt kostet 216 Yen (etwa 2,40 DM), die Autobusfahrt von zweieinhalb Stunden 306 Yen (etwa 3,40 DM) und die dreistündige Fahrt mit dem Motorschiff 540 Yen (rund 6 DM). Tom wählt die Autobusfahrt. Aus der Übersichtskarte ersieht er, daß die Autostraße fast immer an der Küste der Tschijiwabucht entlangläuft. Da gibt es am meisten zu sehen. Die Küstensäume sind die Lebenslinie des japanischen Volkes. Auf den Reisfeldern wächst ihr tägliches "Brot", und das Meer gibt ihnen die Zukost. Fisch ist die wichtigste tierische Nahrung der Japaner, und das "Grünzeug" des Meeres, Seetang und Seealgen, ersetzt vielfach das Gemüse.

Ein Kimono ist kein Ischang

In dem Autobus Richtung Obama ist der Platz ganz vorne, neben dem Chauffeur, glücklicherweise noch frei. Mit schneeweißen Handschuhen angetan, steuert der Japaner den alten Fordwagen sicher über die kurven= und tunnelreiche Küstenstraße. Die junge Schaffnerin trägt ein blaues Uniformkleid mit weißem Kragen und auf ihrem pechschwarzen Haar eine rote Kappe. Noch nie ist Tom einer so freundlichen und hilfsbereiten Schaffnerin begegnet. Bei jeder Haltestelle springt sie heraus und hilft den Fahrgästen beim Aus= und Einsteigen. Die meisten Männer, Frauen und Kinder tragen einen Kimono, das japanische Nationalgewand. Es hat keinen Kragen wie der chinesische Ischang, sondern läßt den Hals bis unter die Kehle frei. Die Ärmel der Kimonos sind bei Männern und Frauen viel weiter als die des Ischang. Bei den Frauenkimonos weiten sie sich zu tief herabhängenden Ärmeltaschen, in denen Geldbörse, Fächer und Einkaufstuch verborgen werden können. Taschentücher kennen die Japaner nicht. Sie halten es für sehr unappetitlich, die Aussonderungen der Nase mit sich herumzutragen. Zum Naseputzen gebrauchen sie kleine Stückchen von Seidenpapier, die nach einmaliger Benutzung fortgeworfen werden. Keinen einzigen Knopf gibt es an den Kimonos. Die Männer halten ihn mit einer Art Schal zusammen, der in Hüfthöhe um den Leib gewunden ist. Die Frauen tragen über dem Kimono ein breites Mieder, den sogenannten Obi. Das ist ein farbenprächtiges, etwa vier Meter langes Tuch aus fester Seide, das auf dem Rücken oft zu einer kunstvollen Schleife geformt wird. Obi und Schleife werden von einem weiteren, fingerbreiten Obiband festgehalten. Da der enggeschürzte und bis auf die Enkel herabreichende Frauenkimono die Bewegungen der Beine stark behindert, nahmen die meisten ein= und aussteigenden Frauen die Hilfe der Schaffnerin in Anspruch. Höflich verbeugen sich Fahrgäste und Schaffnerin voreinander. Höflichkeit ist in jedem Falle ein höheres Gebot als Geschwindigkeit. Das gilt auch für die Fahrer. Wenn die Straße für eine Begegnung von zwei Fahrzeugen zu eng ist, steigen beide Fahrer aus und verabreden unter vielen Verbeugungen, welcher Wagen bis zu einer Ausweichstelle zurückfahren soll. An den Füßen tragen die meisten Japaner Getas, Holzsandalen, die mit y=förmigen Bändern an den Füßen festgehalten werden. Da das Band zwischen der großen und zweiten Zehe hindurchläuft, muß auch der japanische "Strumpf" einen Einschnitt haben. Er ist eine Art "Fausthandschuh", meist aus weißem Leinen geschneidert. Auf schmutzigen Straßen gehen Männer, Frauen und Kinder barfuß auf besonderen Regen=Getas, die unterwärts zwei hölzerne Querleisten haben. Im Bus hocken die älteren Männer und Frauen im Schneidersitz auf ihren Plätzen. Die Getas bleiben dabei natürlich auf dem Fußboden. An der Küstenstraße reiht sich ein Reisbauern= und Fischerort an den anderen. Zur Ebbezeit liegen viele Fischerboote auf dem trockenen Strand, auf dem das Meer Haufen mit rötlich=braunem Tang angeschwemmt hat. Netze und Wäsche sind dort zum Trocknen aufgehängt. Die hölzernen, mit Ziegeln oder Blech gedeckten Häuser sind oft zweistöckig. Über die Dächer hinaus ragen sturmzerzauste Kiefern und - weniger schön - die hohen Masten der Telefon= und Lichtleitungen. Jedes Dorf und jedes Haus hat Anschluß an ein Elektrizitätswerk. "Wieviel anders als in China", denkt Tom, "in China müßte Vater noch Hunderte von Turbinen verkaufen, bevor alle chinesischen Bauern und Fischer elektrisches Licht haben können." Japan mit seinen vielen Bergen und Wasserfällen ist das einzige Land Asiens, das elektrischen Strom auch in die kleinste Bauernhütte liefert. Den Bauern und Fischern scheint es nicht schlecht zu gehen. Vor jedem größeren Ort steigen zahlreiche Landleute ein, um in die Stadt zu fahren. Aus jedem Städtchen fahren sie hinaus aufs Dorf zurück. Die Märzsonne ist schon so warm, daß einige Frauen ihre bunten Fächer entfaltet haben.

.

Bildrückseite 85

 

Tom zwischen Japanerinnen

Im Überlandautobus Nagasaki-Obama, der fast ganz von Japanerinnen besetzt ist, findet Tom den Platz ganz vorn, neben dem Fahrer noch frei. Mit schneeweißen Handschuhen angetan, steuert der Japaner den alten Fordwagen sicher über die kurven- und tunnelreiche Küstenstraße. 'Herrlich ist der Ausblick auf Meer und Inseln. Unter einer Kiefer am Wege sitzt ein Bettelmönch mit einer topfartigen Kopfbedeckung und bläst eine Bambusflöte.

Seite 59

Das Wunder der Kirschblüte

Wie ein Ort an der Riviera liegt das Fischerstädchen Tschijiwa am Südhang einer Bergkette, die jeden kalten Nordwind abhält. Hier erlebte Tom zum erstenmal das Wunder der japanischen Kirschblüte. Seewärts, unter alten, dunklen Kiefern und vor einem blendenden Strandstreifen leuchten weiße Fischersegel auf dem dunkelblauen Meer. Landwärts aber ist ein Meer von blaßroten Blüten. Über alle Gärten und Hänge flutet die rosa Pracht. Noch hat das Grün der Blätter sich nicht entfaltet, fahl sind die Berghänge, aber die Zweige der Sakura strotzen vor üppigen Blüten. Alle Gesichter der Mitreisenden sind von einem Glanz erfüllt. Sie nicken Tom freundlich zu: "Kannst du, fremder Jüngling, auch dieses Wunder begreifen?" Jung und alt verneigen sich vor der Blütenpracht, und Tom tut ein gleiches. In Obama liegt über dem Blütenmeer und den geschwungenen Dächern eines mächtigen Tempels der Dunst, der von heißen Quellen aufsteigt. An der großen Autobusstation warten Hunderte von Menschen in hellen Badekimonos auf eine Rückfahrgelegenheit.

.

"Ende Station", sagt die freundliche Schaffnerin in gebrochenem Englisch zu Tom, der als einziger noch auf seinem Platz sitzt. Sie reicht Tom eine Hand, um auch ihm aus dem Bus zu helfen. Tom verneigt sich, so schnell hat auch er das Gebaren japanischer Höflichkeit gelernt. "Du mußt umsteigen", sagt sie in ihrem stockenden Englisch und deutet auf einen anderen, zur Abfahrt bereitstehenden Omnibus. "Bist du Tom Birkenfeldt?", ruft plötzlich eine Männerstimme dazwischen. Ein europäisch gekleideter Herr steht vor Tom. "Ich bin Nakamura=san, der Freund deines Vaters. Die fürsorgliche japanische Polizei hat schon heute morgen aus Nagasaki bei mir angerufen und deine Ankunft angekündigt. Willkommen! Wir fahren zusammen nach Unzen hinauf." Herr Nakamura schüttelt Tom die Hand. Dieser bedankt sich mit tiefen Verbeugungen. Eine so aufmerksame Polizei hat er bisher in keinem Lande kennengelernt. Von der Bergstraße zeigt Nakamura=san noch einmal zurück auf das Blütenmeer von Obama. "Eine bessere Zeit hättest du, Tom, dir für deine Ankunft nicht aussuchen können. In diesen Tagen der Kirschblüte wird jeder Japaner ein Dichter. Auch unser Kaiser Hirohito hat gestern ein Gedicht auf die Kirschblüte gemacht. Es stand heute morgen in allen japanischen Zeitungen, und ich habe es dir zu Ehren übersetzt, so gut ich kann.

"Seh ich in der Ferne unten auf der Erde Wolken ziehn? Blütenwolken sind's des Kirschbaums, zwischen Kiefern dort sie blühn."

Ein richtiges japanisches Tanka oder Kurzgedicht ist ohne Reim; es muß genau 31 Silben haben. In meiner Übersetzung sind es nur 30, sonst kam es mit dem deutschen Rhythmus und Reim nicht aus. Auf einer breiten, hervorragend geplanten und gut unterhaltenen Bergstraße geht es in 40 Minuten auf 800 Meter Höhe hinauf, durch Reisfelder und dichte Kiefernwälder. Nach Osten zu ist über der inselreichen Schimabarabucht für einen Augenblick die 180 km entfernte Rauchfahne des Aso=Vulkans zu sehen. Noch ein dunkler Kiefernwald, dann liegt Unzen, das Schwefelbad, vor ihnen: hölzerne Familienhäuschen mit Blechdächern, mehrstöckige in Holz und Stein gebaute Hotels, Badehäuser, Tempel. Vor dem Hintergrund noch kahler, höherer Berge steigen wohl ein Dutzend weißer Rauchfahnen von den Schwefelquellen auf. Tom schaut aus seine Armbanduhr und kriegt einen Schreck. Der Silberrand der Uhr ist ganz schwarz geworden. "Die Schwefelluft macht das Silber schwarz", lächelt Nakamura=san.

 

Bildrückseite 86

 

Japanische Ringkämpfe

Seite 60

"Das ist ein kleines Übel unseres wohltätigen Bades. Das Silber kann unten wieder blankgeputzt werden, aber die Rheumaschmerzen, die wir hier kurieren, kehren nicht wieder." Von der Busstation haben sie nur einen kurzen Weg zu Herrn Nakamuras Haus. Es ist mitsamt dem dazugehörigen Garten von einem übermannshohen Holzzaun umgeben; er hat nie einen Farbanstrich getragen, man sieht deutlich die Maserung der sonnengebleichten Kiefernbretter. Das Haus dahinter ist nicht viel höher als der Zaun; sein flaches Dach ragt nach allen Seiten weit über die hölzernen Wände hinaus. Ein paar Schritte durch den mit sauberen Felssteinen und bizarren Zwergtannen geschmückten Vorgarten, dann stehen sie vor der Haustür, die ebenso wie das Gartentor weder Schloß noch Griff hat. Nakamura=san klatscht in die Hände, dann wird die Schiebetür zur Seite geschoben. Das Hausmädchen hat geöffnet. Frau Nakamura kniet im Vorraum des Hauses vor einer weiteren Schiebetür auf einer kniehohen, glänzend polierten Stufe und verbeugt sich vor ihrem Mann und seinem Gast. Die Herren verbeugen sich gleichfalls. Hände werden nicht geschüttelt. Vor der hölzernen Stufe ist der Vorraum betoniert, hier stehen wohl ein Dutzend Paare Getas und Schuhe.

.

Die Magd, die beim Türöffnen in ihre Getas geschlüpft war, stellt diese wieder zu den übrigen Paaren und kniet, sich verbeugend, nun neben der Hausfrau. "Mein lieber Tom!" sagt Nakamura=san, "ich will dich gleich richtig in die Sitten eines japanischen Hauses einführen. Bis auf wenige Mietskasernen in den Großstädten sind alle japanischen Wohnungen fast gleicherweise eingerichtet, und was du hier lernst, wird dir in ganz Japan von Nutzen sein. - Stell, bitte, deinen Koffer auf den Steinfußboden, bis das Mädchen ihn vom Reisestaub gereinigt hat. Dann setze dich wie ich auf die Stufe und zieh deine Schuhe aus. Die erhöhte Stufe und die Mattenfußböden des Hauses dürfen unter keinen Umständen mit Straßenschuhen betreten werden. So! Und nun komm herein!" Die Magd schiebt die innere Schiebetür wieder zu, und Tom befindet sich mit dem Ehepaar in einem großen, das ganze restliche Haus einnehmenden Raum, der auf zwei Seiten von feingegliedertem Holzgitterwerk umgeben ist. Der glänzend saubere Fußboden ist in gleich große, etwa zwei Quadratmeter messende Mattenrechtecke aufgeteilt. Die wohl drei Meter hohe, ungestrichene Holzdecke besteht aus spiegelglatt gehobelten, schöngemaserten Brettern. Außer einem nur fünfzig Zentimeter hohen Tisch befindet sich kein einziges Möbelstück in diesem Raum. Durch das Seidenpapier, welches über das Holzgitterwerk der Außenwände geklebt ist, fallen die letzten Sonnenstrahlen ein. Rundum ist Garten: Kiefern rauschen, und ein Brunnen plätschert. Durch die auch verschiebbaren Außenwände kann man auf die Veranda und in den Garten hinuntergehen. Auch dort stehen Gartengetas auf den Stufen bereit. Der große Innenraum läßt sich durch Schiebetüren in vier Zimmer unterteilen. Leicht und fast geräuschlos geht das vor sich. Als Tom und der Hausherr von der Veranda zurückkehren, sind bereits zwei Zimmer abgeteilt. Für jeden Herrn liegt ein Hauskimono zum Umkleiden bereit. "Mach dich für das Bad fertig", bittet Nakamura=san, "die heißen Qellen Unzens versorgen uns zu jeder Tages= und Nachtzeit kostenlos mit heißem Badewasser." Im Kimono gehen sie in den Baderaum, der sich ebenso wie die Küche in einem Nebengebäude befindet. In dem gekachelten Becken hätten wohl zehn Männer Platz. "Erst säubern, dann einsteigen!" sagt Nakamura=san. Holzkübel, Seife und Bürsten stehen zum Abschrubben bereit. "Jede japanische Familie hat eine Badegelegenheit, und sei es nur ein großer Holzkübel. - Vorsicht beim Einsteigen! Das Wasser hat eine Temperatur von ungefähr 40 Grad!" Tom hätte seine Füße auch ohne Warnung wieder zurückgezogen. So weit er im Wasser war, läuft die Haut krebsrot an. Ganz langsam muß sich der Körper an solche Hitze gewöhnen. Toms Herz klopft gewaltig. Eine Minute ist für das erstemal genug. Nakamura=san bleibt wohl zehn Minuten im Becken und gießt sich hinterher viele Kübel eiskalten Wassers über den Körper. Als Tom in das für ihn bereitete Zimmer zurückkehrt, ist sein Bett schon gemacht. Unmittelbar auf dem Mattenboden liegt eine Steppdecke als Lager, eine zweite ist zum Zudecken darübergebreitet. Das Mädchen bittet Tom zum Abendessen. Herr und Frau Nakamura sitzen schon mit untergeschlagenen Beinen auf dem Fußboden am niedrigen Eßtisch. Als guter Turner kann auch Tom so sitzen, aber bald schmerzen seine Knie dabei. Nakamura=san schiebt ihm ein dickes Kissen unter. Auf dem schwarzen Lackholztisch steht vor jedem Esser ein schwarzes Lackholztablett mit je sieben gefüllten Schüsseln und einer Teetasse. Neue hölzerne Eßstäbchen und ein Porzellanlöffel liegen daneben. "Das Essen mit den Stäbchen hast du in China gelernt, aber an unsere andersartigen Gerichte wirst du dich erst gewöhnen müssen. Guten Appetit! Zuerst kommt die Suppe in der Lackholzschüssel." Die Suppe ist so klar, daß die elektrische Zimmerlampe sich in dem Lackboden der vollen Schale spiegelt. Nur ein kleines grünes Blatt und ein Fettauge schwimmen oben darauf. Die Flüssigkeit hat fast keinen Geschmack, aber sie erfrischt merkbar. In den sechs Porzellanschalen sind je drei Bissen roher Fisch, gekochter Fisch, gebratener Fisch, rohes Rettichgemüse, Eierkuchen und Reis. Tom ißt wie der Hausherr alle Schüsseln leer, jedoch bereitet ihm der rohe Fisch einige Schwierigkeiten. Er ist froh, daß er sich mit einem Schälchen Sakeh (Reiswein), das der Hausherr ihm anbietet, den Geschmack von der Zunge spülen kann. Nach dem Essen erzählt Tom stundenlang von seinen Eltern, von Berlin und seinen Reisen. Nakamura=san wird nicht müde, zuzuhören und immer neue Fragen zu stellen. Seine Frau, die keine fremde Sprache versteht, hört bis zum Ende geduldig zu. Nur hin und wieder verdolmetscht Nakamura=san ihr einen Satz. - "O=hayo, Tomsan!" (Guten Morgen, Herr Tom!"). Sumiko=san, die Magd steht vor seinem Lager und zeigt auf ihre Armbanduhr. Es ist schon nach zehn! Hurtig springt Tom auf und läuft im Schlafkimono in das Badehaus zum Waschen. Wunderbar hat er geschlafen in dieser kühlen Höhenluft. In den Gärten von Unzen ist noch keine Blüte aufgesprungen. Herr Nakamura hat das Haus schon um sieben Uhr früh verlassen. Vor dem Dienst pflegt er eine Runde Golf zu spielen. Für Tom hat er eine Mitteilung hinterlassen, er möge sich heute in Unzen umsehen, bei den Schwefelquellen, im Zen=Tempel und in der Schule. Herr Tanaka, der Rektor, sei bereit, Tom beim Unterricht zuhören zu lassen. In der Sportstunde könne er auch selbst mitmachen. Frau Nakamura ist auf den Markt einkaufen gegangen. Toms Frühstück steht auf dem Lackholztisch: Reis, Sojatunke, Sojamehlsuppe und eine eingemachte Pflaume. Diese ist so sauer, daß Tom beim Essen das Gesicht verzieht. Aber die Magd sagt "Yoroschi!" ("Gut!") und klopft dabei auf ihren Leib. Tom versteht richtig, daß die sauer eingemachte Pflaume gut für die Verdauung ist.

.

Bildrückseite 87

 

Frau Nakamura empfängt Tom

Seite 61

 

Aso - größter Vulkankrater der Erde

Zum Wochenende macht Tom mit dem Ehepaar Nakamura und ihrer einzigen Tochter Sumiko einen Ausflug zum Aso=Vulkan. Sumiko besucht in Kumamoto, der größten Stadt auf der Südinsel Kiuschiu, eine Heimschule. Früh um sechs Uhr ist der Autobus nach Schimabara, der Hafenstadt an der Ostseite der Unzenhalbinsel, schon vollbesetzt. Bis auf wenige Männer tragen alle Fahrgäste einen Festtagskimono. Auf unerhört steiler und kurvenreicher Straße geht es in einstündiger Fahrt zum Hafen hinab. Auch hier stehen die Kirschbäume in voller Blüte. Zwischen zahlreichen, kiefernbewachsenen Felseninseln der Bucht leuchten unzählige weiße Segel von Fischerfahrzeugen auf. Welch ein liebliches und friedliches Bild! Und doch ist es erst 160 Jahre her, daß sich hier eine furchtbare Erdbebenkatastrophe ereignete. 1792 versackte ein Teil eines Berges in der Tiefe, der Hafen Misumi bildete sich, und die vielen kleinen Inseln tauchten aus dem Meer auf. Der schmucke kleine Dampfer, der sie in eineinhalbstündiger Fahrt über die Bucht nach Misumi bringen soll, ist beängstigend voll von Ausflüglern. Ganze Familien - und das heißt in Japan bis zu zehn Köpfe -, ganze dörfliche und städtische Wohngemeinschaften sind auf der Reise, um irgendwo eine besonders schöne Kirschblütenschau zu erleben. In Misumi ragt aus der Kirschblütenpracht ein hohes Schloß auf. Es wurde im 16. Jahrhundert von dem christlichen japanischen General Yukinaga erbaut. Yukinaga drang 1592 im ersten koreanischen Feldzug der Japaner bis nach Keijo vor, der Stadt, die heute unter dem Namen Seoul in der ganzen Welt bekannt ist. Für eine Besichtigung des Schlosses ist heute keine Zeit. Auf dem Bahnhof steht der Zug bereit, der sie in weiteren zweieinhalb Stunden Fahrt über Kumamoto an den Fluß des Aso bringt. Auch Kumamoto, die Großstadt, wird von den Resten einer mittelalterlichen Burg überragt. Sie wurde in den Kämpfen zwischen Kaiser= und Schogunatsanhängern 1877 teilweise zerstört. Bei dem Gedränge auf dem Bahnhof haben die Nakamuras einige Mühe, ihre Tochter Sumiko zu finden. Sie hat sich Tom zu Ehren ein Kleid nach europäischer Art angezogen. Sumiko=san ist ein fröhliches Mädchen mit zwei langen schwarzen Zöpfen. Sie spricht gut Englisch. Tom versteht sich mit ihr von Anfang an ebensogut wie mit Wang. Lachend erzählt sie von harmlosen "Dummheiten", wie sie Mädchen im Pensionat zu machen pflegen. Sie weiß aber auch über ihr Land und seine Geschichte gut Bescheid. Am Bahnhof von Botschu füllen sich vier große, stromlinienförmige Autobusse mit Ausflüglern, die alle die Rundfahrt zum Aso=Vulkan machen wollen.

.

Neben Tom sind zwei junge amerikanische Soldaten die einzigen Nicht=Japaner. Der 1592 Meter hohe Aso=san soll von allen Vulkankratern der Welt den größten Umfang haben. Das gilt nicht für den gegenwärtig tätigen Nakadakekrater, sondern für ein urzeitliches Kraterloch von 138 Kilometer Umfang, in dem die Lavamassen vor Jahrtausenden eine große Ebene bildeten. Auf dieser liegen heute drei Städte und elf Dörfer mit 70 000 Einwohnern. Mitten auf der Ebene haben sich fünf jüngere Vulkangipfel gebildet, von denen der Nakadake bis heute tätig ist. Seine Rauchwolke steht wie der "Pilz" einer Atomexplosion vor ihnen. Schon rieselt Asche durch das geöffnete Dach des Autobusses auf ihre Köpfe. Die Frauen spannen ihre Regenschirme aus Ölpapier auf, um ihr Haar zu schützen. Bis auf zwei Kilometer fahren die Autobusse an den Kraterand heran. Dort steht neben einem Opferschrein ein aus Steinen erbautes Rasthaus. Die meisten Besucher gehen zu Fuß so weit an den Kraterrand heran, wie ihr Mut es zuläßt. Dann kehren sie mit den Bussen nach der Bahnstation zurück. Herr Nakamura hat einen anderen Plan: Er will mit Tom einen günstigen

.

Bildrückseite 88

 

Beim japanischen Essen

Zu Herrn und Frau Nakamura setzt Tom sich an den niedrigen Lackholztisch auf den Mattenfußboden. Obgleich Tom ein guter Turner ist, bereitet ihm diese Sitzart doch einige Pein. Seine Knie schmerzen bald, und das Hausmädchen schiebt ihm ein dickes Kissen unter.

Seite 62

Augenblick abwarten, um bis an den Rand des Kraters vorzudringen. Dann wollen sie in dem Rasthaus die Nacht verbringen, um auch einen nächtlichen Ausbruch mitzuerleben. Bei einer Tasse Tee beobachten sie mehrere Stunden den "Atem" des Vulkans. Alle halbe Stunde erhebt sich ein gewaltiges unterirdisches Donnern und Brodeln, einige Zeit darauf pufft eine dunkle Wolke empor, die mit blendend weißem Wasserdampf und giftig gelben Schwefeldämpfen vermischt ist. Etwa dreißig Sekunden später setzt dann der Aschenregen ein. Bald wissen sie, wie sie ihre Zeit einteilen müssen, um in "Atempause" bis an den Rand vorzudringen. Auch Sumiko=san, die sich ein Tuch um den Kopf gewickelt hat, schließt sich den Männern an. Der rissige Lavaboden nimmt das Schuhzeug arg mit. Er scheint unter ihren Füßen zu beben. Sumiko=san bleibt zehn Meter vom Rand entfernt zurück. Die Männer aber gehen bis hart an die Abbruchkante vor und blicken hinab in die brodelnde Tiefe. Seitwärts sind viele Schichten ausgebrannter Lavamassen zu erkennen, helle und dunklere, rötliche und schwärzliche. Unheimlich ist die augenblickliche Stille, fürchterlich die Hitze.

.

Der Schwefeldampf beißt in die Nase und verschlägt Tom fast den Atem. Bei einem plötzlichen heftigen Grollen geht er unwillkürlich einen Schritt zurück. Später wagt er es, auch bei einem Auspuff unmittelbar am Rand stehenzubleiben. Dabei kann er weder Herrn Nakamura noch Sumiko=san sehen. - Überwältigend ist der Anblick eines Ausbruches bei Nacht. Die feurigen Gluten in der Tiefe lassen die Dampfwolke hell aufleuchten; der Widerschein der Wolke aber erhellt das riesige Gestein am Kraterrand. - Trotz des immer wiederkehrenden donnerartigen Grollens und Aufblitzens und ungeachtet des Aschenregens auf dem Blechdach des Rasthauses sind die Nakamuras und Tom frisch und ausgeschlafen, als sie vor Tagesanbruch geweckt werden, um das Schauspiel eines Sonnenaufganges zu erleben. Wie der rote Ball in der japanischen Flagge erhebt sich die Sonne aus dem weißen Nebelmeer. Nach zweistündiger Wanderung bergab sind sie zum Frühstück in Toschita, einem einzigartigen Badeort am westlichen Fuß des Aso-Massivs. Unter dem rauschenden Bambusdickicht eines Berghanges plätschert ein kühler Wasserfall in ein großes Freischwimmbecken, das jahraus, jahrein mit dem Wasser heißer Quellen gefüllt ist. Sogar eine Wasserrutschbahn gibt es in dem Becken. Bald nach Mittag müssen sie aufbrechen - leider! - der weite Weg zurück nach Unzen mit Eisenbahn, Schiff und Autobus läßt sich sonst bis zum Abend nicht mehr schaffen. Herr Nakamura muß morgen früh wieder im Dienst, Sumiko=san in Kumamoto in der Schule sein. Auch von ihr trennt Tom sich ungern. Sie war ihm ein guter Kamerad. - Zwei Wochen später kommt sie zum Wochenende nach Hause. Nun ist Tom kein Fremder mehr in Unzen und seiner Umgebung. Er hat die Hochzeit der Kirschblüte auf den malerischen Amakusa=Inseln erlebt und eine Fahrt nach dem Kirischima=Berg in Südkuischiu gemacht. Die Kraterlöcher dieses erloschenen Vulkans und ihre kahle Umgebung kommen ihm wie eine Nordlandschaft vor. In ihrer Nähe ist der Geburtsplatz des Jimmu=Tenno, des ersten japanischen Kaisers, den das Volk als Urenkel der Sonnengöttin Amateratsu verehrt. Von ihr überkamen ihm Spiegel, Schwert und Juwelen als die drei Kleinodien des Reiches, die sich bis heute auf die Nachfolger vererbt haben. Jimmu=Tenno bestieg im Jahre 660 v. Chr. den Thron; der gegenwärtige Kaiser Hirohito gilt als sein 124. direkter Nachkomme. Im Jahre 1940 feierten die Japaner die 26oojährige Wiederkehr ihrer Reichsgründung. Dabei wurde Hirohito noch als Gott=Kaiser verehrt. Nach der Niederlage Japans 1945 aber erklärte Hirohito in einer Rundfunkansprache an das japanische Volk, daß er seiner Göttlichkeit entsage. Das Volk möge den Kaiser fortan als einen Menschen seinesgleichen ansehen und nicht mit abgewendetem Blick in tiefer Verbeugung verharren, wenn der Kaiser durch die Straßen fahre oder reite. Am Schrein des Jimmu=Tenno in Kirischima aber verbeugen sich die Japaner auch heute noch in der Verehrung eines Gottes. Nach dieser Reise drängt es Tom, nach Tokio zu kommen, um dort den Kaiserpalast und, wenn möglich, den entgotteten Kaiser selbst zu sehen. Bald danach ist ein Brief von seinem Vater aus Tokio da. Vater Birkenfeldt hat seine neue Stellung als Leiter der Elektrofirma angetreten und auch eine Familienwohnung gefunden. Die Mutter ist schon an Bord eines Dampfers nach Japan. Ende Mai wird die ganze Familie in einem Haus in Schibuya, einem Vorort von Tokio, vereinigt sein. Nach der Beschreibung des Vaters muß das Haus dem Nakamuroschen in Unzen recht ähnlich sein. Zwei Tage später fährt Tom nach Unzen ab. Der Expreßzug legt heute in 29 Stunden die Strecke von Nagasaki nach Tokio zurück, für die Engelbert Kämpfer 1691 zu Pferde, mit der Sänfte und im Schiff genau einen Monat gebrauchte. Tom hat eine Schulausgabe von Kämpfers Reiseabenteuern in der Tasche; er hat sie mehrmals mit großem Interesse gelesen. Wie anders aber sieht das moderne Japan aus. In Nord=Kiuschiu fährt Tom fast eine Stunde lang durch das japanische "Ruhrgebiet": Zechen, Hochöfen, Eisen=, Stahl= und Walzwerke. Die vier Kilometer breite Wasserstraße zwischen Kiuschiu und der Hauptinsel Hondo, die Straße von Schimonoseki, ist seit einigen Jahren untertunnelt. Reisende von Nagasaki nach Tokio können die über 1300 km lange Strecke durchfahren, ohne auf eine Fähre umzusteigen. Zwischen Schimonoseki und dem großen, durch Bomben schwer mitgenommenen Hafen Kobe folgt die Bahnlinie meist am Südufer von Hondo. Herrlich sind die Ausblicke auf die Inselwelt der Inlandsee. Immer wieder geht die Fahrt durch Tunnels. Bei Mijajima steht ein großer rotlackierter Torbogen (Tori) im Wasser. Hiroschima ist wie Nagasaki schon weitgehend wiederaufgebaut. In den Millionenstädten Osaka und Nagoja ragen Wolkenkratzer und mittelalterliche Burgen über die im ganzen flach gebauten Städte hinaus. Hinter Nagoja zwingt der Bergriegel der japanischen Alpen die Bahnlinie scharf an das Südufer von Hondo. Hier verliert sich der Blick nach Süden auf die unendliche Weite des Großen Ozeans. Der schneebedeckte Gipfel des Fudschijama, des höchsten und heiligsten Berges Japans, taucht schon auf, als der Zug noch hundert Kilometer von seinem Fuß entfernt ist. Der Fudschi hat sich seit Kämpfers Zeiten nicht verändert. " ... 3800 Meter erhebt sich sein Gipfel. Die um ihn liegenden Gebirge scheinen nur niedrige Hügel zu sein. Seine Hänge steigen so gleichmäßig an, daß man ihn für den schönsten Berg der Welt ausgeben kann, obwohl er ohne Pflanzendecke und die meiste Zeit des Jahres fast völlig mit einem weißen Schneemantel bedeckt ist. Die Sommerhitze nimmt zwar vieles von dem Schnee hinweg, aber die oberste Spitze bleibt beständig weiß." Nachdem der acht Kilometer lange Tannatunnel und fünfzehn weitere kleine Tunnels durchfahren sind, tritt die Bahn bei Odawara in die einzige größere japanische Ebene ein. An der Bucht von Tokio liegen Japans wichtigster

.

 Bildrückseite 89

 

Am Krater des Aso-Vulkans

Alle halbe Stunde erhebt sich ein gewaltiges unterirdisches Donnern und Brausen. Dann schießt der Aso eine Rauchwolke empor, die wie der Pilz einer Atomexplosion über dem Krater steht. Blendend weißer Wasserdampf und bläuliche schwefelige Gase vermischen sich mit der dunklen Rauchwolke. Sumikosan muß ihr Haar gegen den Aschenregen schützen. Aber sie hat Mut, mit den Männern dringt sie hart bis an den Rand des Kraters vor. Der Schwefeldampf reizt ihre Nasen und verschlägt ihnen fast den Atem.

Seite 63

Hafen Jokohama - und fast damit zusammengewachsen - die Reichshauptstadt Tokio. Der Hauptbahnhof der Sechsmillionenstadt ist einer der verkehrsreichsten Punkte der Welt, Hier läuft zu jeder Minute des Tages mindestens ein Zug ein oder aus. Auf dem Bahnsteig hat Tom seinen Vater schon erkannt, bevor der Zug hält. Sie sind froh, wieder vereint zu sein und bald auch die Mutter bei sich zu haben. Bevor sie mit der elektrischen Vorortbahn nach Schibuya weiterfahren, werfen sie einen kurzen Blick auf den Platz vor dem Hauptbahnhof. Hier liegen das Geschäftszentrum Marano=utschi und der weite Park des kaiserlichen Palastes unmittelbar nebeneinander. Achtstöckige Betonblocks der Banken, Hotels, Verkehrsunternehmungen und Besatzungsmacht überragen den von Gräbern und Mauern eingehegten einstöckigen Kaiserpalast im altjapanischen Stil. Das Gebiet von Tokio, welches man auch die Stadt der hundert Dörfer genannt hat, zieht sich über eine Fläche hin, die fast dreimal so groß ist wie die von Berlin. Die neue Wohnung der Birkenfeldts in Schibuya liegt ungefähr sechs Kilometer vom Zentrum entfernt am südwestlichen Rande der Stadt. - Wochen vergehen, bis Vater Birkenfeldt mit Toms tatkräftiger Hilfe die Wohnung so eingerichtet hat, daß auch die Mutter sich darin wohl fühlen wird. Vielleicht ist ihr der Sommer in Tokio zu heiß und feucht. Dann mag sie, wie viele andere europäische Einwohner Tokios, in die kühlere Bergwelt von Karuizawa übersiedeln. Tom ist nach seinen Reisen in China an das feuchtheiße Klima gewöhnt. Noch vor der Ankunft der Mutter wird ihm eine Stellung angeboten, wie er sie sich besser nicht hätte träumen können. Ohne Zögern nimmt er sie an. Als Reporter einer namhaften europäischen Nachrichtenagentur kann er an allen wichtigen Begebenheiten der Weltstadt teilnehmen. Das erste ganz große Ereignis seiner Reporterlaufbahn ist die Feier zur Mündigkeitserklärung des achtzehnjährigen japanischen Kronprinzen Akihito und seine feierliche Investitur (Einsegnung) als Thronfolger.

.

Sei 2600 Jahren haben solche Feiern immer nur im engsten Rahmen der kaiserlichen Familie stattgefunden, nur die allerhöchsten Hof= und Regierungsbeamten durften daran teilnehmen. Nun sind erstmalig 322 Gäste zu der feierlichen Zeremonie in den Kaiserpalast eingeladen: japanische Regierungs= und Volksvertreter, fremde Diplomaten und Männer der in= und ausländischen Presse. Einer von ihnen ist Tom. Der mit ihm im gleichen Alter stehende Prinz Akihito wurde im Kaiserpalast in der Nähe des Hauptbahnhofes geboren, aber nach alt japanischer Sitte schon nach seinem 3. Geburtstag von seinen Eltern getrennt und in einem eigenen Palast erzogen. Zu seinem Hofstaat im Prinzenpalast in Schibuya gehörten ein Oberhofmeister, vier Hofmeister, drei Ärzte, drei Leibdiener, elf Mann Leibwache und eine Anzahl von Haus= und Küchenangestellten. Nur einmal jede Woche durfte er seine Eltern im Kaiserpalast besuchen und mit seinem jüngeren Bruder, Prinz Joschi, und seinen Schwestern spielen. Abgesehen von den Hausmädchen gab es in seinem Hofstaat kein weibliches Wesen; keine Frau hatte Einfluß auf seine Erziehung.

.

Alle seine Privatlehrer waren Männer. Der Umsturz in Japan 1945 brachte auch eine Veränderung in sein einsames Leben. Amerikanische Erzieherinnen übernahmen seine Ausbildung in der englischen Sprache, und an je drei Tagen der Woche nimmt er seitdem am Unterricht in einer Abendschule in Tokio teil. In dieser Heimschule teilt er den Schlafraum mit sechzehn anderen Schülern. Er darf sich seine eigenen Freunde wählen und mit ihnen seine Freizeit verbringen. Seine Lieblingsbeschäftigungen sind Reiten, Tennis= und Pingpongspielen, Schwimmen und Schilaufen. Als er zu der Feier der Mündigkeitserklärung vom Prinzenpalast in Schibuya in den Kaiserpalast fährt, in einer schwarzlackierten, mit der goldenen Chrysantheme geschmückten Staatsdroschke, stehen die Einwohner in zehn bis fünfzehn Reihen hintereinander an den Straßen und jubeln ihm lachend und winkend zu. Im Thronsaal, in dem die festlich gekleideten Gäste Aufstellung genommen haben, erscheint zunächst Prinz Akihito in seinem prinzlichen Knabengewand mit der Knabenkrone auf dem Haupt und nimmt auf einem goldgeschmückten Schwarzlackstuhle Platz. Dann treten Kaiser Hirohito und Kaiserin Nagako in ihren Jahrhunderte alten Zeremonialgewändern ein. Der Kaiser nimmt die Knabenkrone von Akihitos Haupt und setzt ihm die Krone des manngewordenen Prinzen auf. Darauf zieht Akihito sich einige Minuten in einem Umkleideraum zurück und nimmt in den Gewändern eines erwachsenen Prinzen wieder auf dem Stuhle Platz. In das weite Seidengewand, das tief herabhängende Kimonoärmel hat, sind goldene Chrysanthemen eingewebt. Die "Krone" ist eine schwarzseidene Kappe mit einem weit nach hinten gebogenen steifen Seidenbandkamm", die von einem "Kinnband", einer weißen Seidenschnur, gehalten wird. Nun tritt der Kaiser von neuem vor den Kronprinzen hin und überreicht ihm das Schwert des Kronprinzen, das ihn zum Projektor (Beschützer) des Reiches macht.

.

Damit ist er feierlich zum Thronfolger des Reiches bestimmt. Als solcher zeigt er sich auf dem flachen Dach des Palastes dem Volk, das gegen alle Jahrhunderte alte Regeln der Zeremonie in den Palastgarten eingedrungen ist, um ihm zu huldigen. Nicht nur die Einwohner Tokios, das ganze japanische Volk wartet jetzt auf das nächste wichtige Ereignis in Akihitos Leben, seine Vermählung. Wird der Hofrat ihm nach alter Sitte eine Frau bestimmen oder wird er sie sich selbst erwählen? Tom ist der Meinung, Akihito solle sich seine Frau selbst erwählen. Er denkt an die chinesischen Studenten und an ihren Streit um die Lehre des Konfuzius. In wenigen Tagen wird Tom mit Vater und Mutter zusammen wieder in einem Haus wohnen. Er ist glücklich darüber. Denn seine Eltern haben ihm vertrauensvoll immer seine Freiheit gelassen. Und er glaubt, er hat die Freiheit gut genutzt.

.

Bildrückseite 90

 

Inthronisierung des japanischen Kroprinzen

 

 

Japan ist ein Inselstaat mit einer Fläche von 377.835 kmē und besteht im Wesentlichen aus einer Inselkette, die sich entlang der Ostküste Asiens erstreckt. Die Hauptinseln sind Hokkaidö im Norden, die zentrale und größte Insel Honshü, sowie Shikoku und Kyüshü im Süden. Dazu kommen 6.848 kleinere Inseln. 2010 lebten in Japan 127.360.000 Einwohner. Die Hauptstadt ist Tokio.

Über dem gesamten Archipel verläuft eine Gebirgskette, die mehr als zwei Drittel der Landmasse Japans ausmacht. Der höchste Berg Japans ist der Fujisan der auf der Hauptinsel Honshü mit 3.776 m über dem Meeresspiegel liegt. Landwirtschaft, Industrie und Besiedlung sind auf rund 20 % der Landfläche beschränkt. In den großen Ebenen haben sich die Hauptballungsgebiete entwickelt. Auf Grund des Mangels an Flachland werden Berghänge durch Terrassenfeldbau kultiviert.

 

Counter