China

Reiseberichte China

Aus dem Sanella-Album China Tibet Japan

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China ist mit seinen Randländern Tibet, Sinkiang, Mongolei und Mandschurei der zweitgrößte Staat der Erde. Seine Fläche entspricht der Größe ganz Europas. Die Vereinigten Staaten von Amerika einschließlich Alaska sind etwas kleiner als China. 30 mal das Gebiet der Bundesrepublik würde die Fläche ausmachen, die das "Reich der Mitte" einnimmt. Mit 476 Millionen Einwohnern ist China bei weitem das dichtbevölkertste Land der Erde. Gesamteuropa mit 396 Millionen Einwohnern, Indien mit 357, die Sowjetunion mit 200 und die USA mit 150 Millionen folgen erst mit einigem Abstand. Der weitaus größte Teil der Menschen Chinas wohnt im eigentlichen China südlich der Großen Mauer, im Gebiet der Flüsse Hoangho (4150 km), Jangtsekiang (5200 km) und Sekiang (1250 km). Die Mongolei hat nur 2 Millionen Einwohner, Tibet 3 Millionen und Sinkiang 4 Millionen. Von den Randländern ist nur die Mandschurei dichter besiedelt (45 Millionen Einwohner). Korea ist in früheren Jahrhunderten mit China verbunden gewesen. Von 1910 bis 1945 war es eine japanische Kolonie, wurde dann frei und ist heute durch den 38. Breitengrad in eine russische und eine amerikanische Besatzungszone geteilt. Das Inselreich Japan ist etwa 11/2mal so groß wie die deutsche Bundesrepublik, aber mit 84 Millionen Einwohnern noch dichter besiedelt als Westdeutschland. Dabei ist Japan ein Bergland ohne größere Ebenen. Nur ein Siebtel des japanischen Bodens kann landwirtschaftlich genutzt werden. Doch hat Japan von allen Ländern Asiens die größte Industrie und nimmt damit in mancherlei Hinsicht eine Sonderstellung ein.

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Auf dieser Seite befindet sich der Teil China aus dem Sanella Album:

China Tibet Japan

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Ein neuer Freund

Aber in Hongkong wird Tom abgeholt. Wang Tschi=ping, ein gleichalteriger chinesischer Junge, der Sohn eines Geschäftsfreundes von Vater Birkenfeldt, holt Tom von der "Elbestrand" ab. Wang hat schon die Fahrkarten besorgt, mit denen die beiden auf einen englischen Dampfer nach Schanghai fahren sollen. "Daß du aber Tom heil bei seinem Vater ablieferst!" sagt Kapitän Ohlsen auf Englisch zu Wang. Der aber antwortet in fließenden Deutsch: "darauf können sie sich verlassen, Herr Kapitän! Schon morgen geht ein Dampfer der China=Navigation=Linie nach Schanghai weiter, und bis dahin werden wir in Hongkong nicht allzuviel Unsinn anstellen!" Die "Elbestrand" liegt im Hafen vor Anker. Mit dem Motorboot des Frachtmaklers, mit dem Wang an Bord gekommen ist, fahren die Beiden zur Blake Landungsbrücke. Das ist eine von vielen Anlegestellen an der Connaught Road, der drei Kilometer langen Uferstraße der Millionenstadt Hongkong. In Wangs Gesellschaft fühlt Tom sich schon nach wenigen Minuten nicht mehr fremd.

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Es ist ihm, als ob er mit Hein in einem Hafen an Land ginge. Wang ist genauso gekleidet wie er selbst. Allerdings ist der Stoff seines Anzuges heller und leichter, und er trägt keine Mütze, sondern einen weißen Tropenhelm. Der gefällt Tom gut, und er beschließt sogleich, sich in Hongkong auch einen "Topi" zu kaufen. Der Zahlmeister der "Elbestrand" hat ihm den Rest seines Taschengeldes in Hongkong=Dollar umgewechselt. Wang bestätigt Tom, daß das Geld dafür reichen wird. "Du sprichst wirklich ausgezeichnet Deutsch", lobt Tom Wang, und dieser erzählt ihm, daß er sechs Jahre die deutsche Schule in Schanghai besucht hat. Tom wünscht, daß sein Englisch ebenso gut wäre. Allerdings hat er in den Häfen unterwegs allerlei hinzugelernt. Schon in Port Said hat er sich in einem Restaurant eine Portion Fruchteis und eine Coca=Cola bestellt, ohne daß der eingeborene Ober ihm auf Deutsch antwortete, und in der Straßenbahn hat er sogar ohne Schwierigkeit eine Umsteigekarte gelöst.

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Tom, Wang und der Kapitän auf der "Elbestrand"

Der Frachtdampfer "Elbestrand" hat in Hongkong an einem Pier festgemacht. Für Tom geht eine schöne Zeit an Bord zu ende. Kapitän Ohlsen, der ihm ein väterlicher Freund gewesen ist, gibt Ihm Ratschläge mit auf den Weg. Nun wird Wang Tschi=Ping Tom nach Schanghai begleiten, "Daß Du Tom aber heil bei seinem Vater ablieferst", sagt Kapitän Ohlsen freundlich scherzend zu den. europäisch gekleideten Chinesenjungen.

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Tom freut sich auf Hongkong. Das soll nun die erste von vielen chinesischen Städten sein, die er kennenlernen wird. Chinesen gab es zu Hunderttausenden auch schon in Singapore, der englischen Kronkolonie an der Südspitze der malayischen Halbinsel. Dort hat Tom auch schon rein chinesische Straßen, chinesische Geschäfte und Restaurants, chinesische Theater und Tempel gesehen. Er erzählt Wang, daß Hein ihn in Singapore sogar vor eine chinesische Opiumhöhle geführt hat. Aber hineinzugehen hätten sie sich nicht getraut. Sie hätten an dem süßlichen Duft, der aus der perlenverhangenen Tür drang, bereits genug gehabt. "Auch Hongkong ist noch kein richtiges China", sagt Wang. "Es ist wie Singapore eine englische Kronkolonie. Dort drüben am Ufer unter den Palmen siehst du das Denkmal der englischen Königin Victoria. Nach ihr ist die vor uns liegende Inselstadt benannt. Morgen werde ich dir den Palast des britischen Gouverneurs zeigen, der in Hongkong über zwei Millionen Chinesen gebietet." Am Ufer warten Dutzende von Rikschas auf sie. Wang bringt mit wenigen, ganz leise gesprochenen chinesischen Worten das Geschrei der Rikschakulis zum Verstummen. Zwei fahren zum Einsteigen vor. Bis zum chinesischen YMCA (Vereinshaus christlicher junger Männer), wo Wang ein Doppelzimmer bestellt hat, ist nur ein kurzer Weg. In sausendem Galopp geht es um eine Ecke, an der unter einem Sonnenschirm ein baumlanger indischer Verkehrspolizist mit langem Bart steht. Die Rikschakulis machen einen respektvollen Bogen um ihn herum. Mit Wangs Hilfe füllt Tom in der riesigen Empfangshalle des YMCA sein Anmeldeformular aus. Der Empfangschef prüft, ob die Angaben über Geburtstag, Geburtsort, Paß= und Visanummer mit ihren Reisepässen übereinstimmen. Dann fährt ein kleiner, uniformierter chinesischer Liftboy sie im Fahrstuhl in den 7. Stock hinauf.

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Im Zimmer schaltet Wang sofort die elektrischen Ventilatoren ein und zieht seine Jacke aus. Vom Balkon des Zimmers sehen sie auf eine Straße hinab, die links zum Hafen hinunterführt und rechts - stark ansteigend - den Blick freigibt auf den Peak, den 600 Meter hohen Gipfel des Inselberges. Fast bis zum Gipfel empor ziehen sich die Villenviertel der Stadt. Tom möchte gleich aufbrechen, die Wunder dieser eigenartigen Stadt aus der Nähe anzusehen. Wang schlägt vor, bis zum Dunkelwerden die Queens Road, die Hauptgeschäftsstraße von Viktoria, hinunterzubummeln, dort den Tropenhelm zu kaufen und dann in ein chinesisches Theater oder Kino zu gehen. Morgen können sie mit der Drahtseilelektrischen auf den Peak fahren. "Wenn du eine Badehose mitgebracht hast, können wir auch am Strand der Repulsebucht baden. Das Vergnügen eines Freibades wirst du im übrigen China nur selten haben. Die meisten Gewässer im Innern sind durch Hakenwürmer und gesundheitsschädliche Abwässer verunreinigt und deshalb lebensgefährlich." Tom hat seine Badehose natürlich im Koffer. Er ist mit allen Vorschlägen Wangs einverstanden.

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Er hat schon erkannt, daß dieser frische und kluge Chinesenjunge ihm ein guter Führer und Freund sein wird. Tom bittet Wang, daß sie gleich aufbrechen möchten. Aber Wang läßt ihn noch einen Augenblick warten. Er kramt in seinem Koffer und verschwindet im Badezimmer. Nur einen Augenblick! Dann steht Wang Tschi=ping in chinesischer Kleidung vor Tom, in einem langen weißseidenen Gewand. "Unser Ischang ist viel bequemer und luftiger als euer Anzug. Außerdem hat er keine einzige Außentasche. Ich brauche nicht wie du fünf Taschen vor Taschendieben in acht zu nehmen ... Als Chinese im Ischang kann ich deinen Tropenhelm vielleicht auch zu einem billigeren Preis erstehen."

Bummel und Einkauf in der Queens Road

Die beiden schieben sich durch das Gedränge der Queens Road. Solch ein Menschengewimmel in einer Geschäftsstraße hat Tom noch nirgendwo gesehen. Wie auf einem Jahrmarkt drängen sich die Menschen nicht nur auf den

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Rikschas und Polizist mitten im Stadtverkehr

Am Blake Pier in Hongkong wählt Toms neuer chinesischer Freund unter Hunderten von Rikschas zwei aus. Tom und Wang besteigen sie, und dann geht es in sausendem Galopp zum Hotel. An einer Straßenbiegung steht unter einem Sonnenschirm ein baumlanger indischer Polizist und lenkt den Verkehr. Die Rikschakulis machen einen respektvollen Bogen um ihn.

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In einer Hauptstraße von Hongkong

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Bürgersteigen, sondern auch auf der Fahrbahn. Autos kommen nur mit ohrenbetäubendem Gehupe schrittweise vorwärts. Aus den oberen Stockwerken der Geschäftshäuser hängen bunte Reklamefahnen mit riesigen chinesischen Schriftzeichen tief in die Straße hinab. Tom ist doch ein wenig besorgt, daß er Wang in diesem Gedränge verliere. Nur ab und zu taucht ein weißes Europäergesicht auf. Chinesen, Tausende von Chinesen, und fast alle im Ischang, Männer, Frauen, Alte, Junge, Kinder. Und alle Ischangs haben fast den gleichen Schnitt, die weißen, grauen, blauen, braunen und schwarzen Männerischangs und die prächtigen, farbenfrohen Frauenischangs in Gelb und Rot, Lila und Grün. In den Geschäftsstraßen wird alles angeboten, was es in irgendeiner Großstadt der Welt zu kaufen gibt. Was Tom hier besonders auffällt, sind die überladenen Schaufenster der großen Seiden=, Fächer=, Elfenbein=, Silberwaren= und Porzellangeschäfte. Dann die Läden mit chinesischen Kunstgegenständen: auf Seide gemalte, geschnitzte, bronzene, silberne, goldene und aus Porzellan gefertigte Buddhafiguren, Drachen, Tiger, Elefanten. Eine Hand hat Tom immer an seiner Geldbörse. Eine halbe Stunde später ist das Gedränge nicht mehr ganz so schlimm.

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Der Strom der Angestellten aus den Büros, die nach zweistündiger Nachmittagsarbeit um fünf Uhr schließen, hat sich verlaufen. Sie blicken in Seitenstraßen, die als Treppenstraßen den Inselberg hinanführen. Tom tritt mit Wang in ein Hutgeschäft ein. Bis unter die Decke türmen sich ineinandergestülpte Chinesenkappen. Die Maotse, die krempenlose Kopfbedeckung der chinesischen Männer, ist immer schwarz. Nur der kleine Stoffknopf obendrauf hat drei verschiedene Farben, schwarz für den Alltag, weiß für Trauer und rot als Zeichen der Freude. Auf der andern Ladenseite sind auch Tropenhelme in allen Farben und Formen: rundliche, längliche, weiße, graue und khakifarbene. Der chinesische Verkäufer fragt nach Toms Hutnummer. Als Tom auf englisch "57" sagt, schüttelt sich der Verkäufer vor Lachen. "Fi=f=t=y=s=e=v=e=n?" fragt er lustig und so laut, daß die zwanzig anderen Verkäufer im Laden mitlachen. Tom wird rot. Wang wird rot. Wang sagt schnell ein paar Worte auf chinesisch. Dann legt der Verkäufer Tom ein Maßband um den Kopf und verkündet "221/4". Nun ist ein passender und auch der von Tom gewünschte Hut bald gefunden. Tom bekommt auf seinen 10=Dollar=Schein noch 21/2 Hongkong = Dollar zurück, zwei 1=Dollar=Scheine und fünf silberne 10=Cent=Stücke. Als er mit seinem neuen schneeweißen Topi den Laden verläßt, machen 21 Ladenangestellte lächelnd eine Verbeugung. Die Dunkelheit bricht früh und schnell herein. Tom wundert sich nicht mehr darüber, seitdem Kapitän Ohlsen ihm erklärt hat, warum die Tage in den Tropen kurz und fast ohne Dämmerung sind.

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Jetzt leuchten an allen Geschäften und in allen Farben die Neonröhren auf. "Da kommt selbst unser Kurfürstendamm nicht mit", gesteht Tom. Am grellsten sind die Eingänge der Kinos und Theater beleuchtet. Die Titel der Filme und Theaterstücke werden durch laufende Lichterschrift in Englisch und Chinesisch angekündigt. "Der Tod des Tigergenerals" - "Die gute Erde" - "Die Dame mit der roten Hand" - "Der Richter mit dem eisernen Gesicht".

"Der Tod des Tigergenerals"

Tom möchte den Tod des Tigergenerals sehen und dabei ein chinesisches Theater kennenlernen. Wang warnt ihn: "Das Spiel wird ungefähr fünf Stunden dauern, und von der gesungenen chinesischen Sprache wirst du so gut wie gar nichts verstehen." Tom ist trotzdem entschlossen. Er weiß schon, daß man im chinesischen Theater während der Vorstellung zu Abend essen kann und jederzeit aufbrechen darf, wenn es einem nicht mehr gefällt. An der Kasse im Vorraum hören sie schon den Lärm der Musik. Schrille Geigen, Flöten, Trommeln, Pauken, Lauten, Schlaghölzer und Schellen. Besucher kommen und gehen, während das Spiel bereits in Gang ist.

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Die Pottinger Straße

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Im chinesischen Theater

Auch während der Vorstellung spazieren Essenverkäufer durch die breiten Gänge zwischen den Zuschauersitzen und bieten ihre Leckerbissen an. Die Chinesen nehmen im Theater ihre Hauptmahlzeit ein. Bei dem Lärm der schrillen Geigen, Flöten, Trommeln, Pauken, Schlaghölzer und Schellen wird dadurch niemand gestört. Die ganze Aufmerksamkeit der Zuschauer richtet sich auf die feinen Bewegungen der Schauspieler auf der Bühne.

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Quer durch die Sitzreihen führen fünf breite Gänge und der Abstand zwischen den Sitzreihen ist so groß, daß Eßwarenhändler mit ihren dampfenden tragbaren Garküchen dazwischen herumspazieren können. Sie verwehren niemandem die Sicht auf die Bühne, weil jede vordere Sitzreihe - ähnlich wie im Zirkus - etwas tiefer aufgestellt ist und die Bühne selbst sehr hoch liegt. Zwischen Bühne und Zuschauerraum gibt es keinen Vorhang. Bühnenaufbau und Umbau gehen vor den Augen aller Zuschauer vor sich. Oft kleiden sich die Schauspieler sogar auf offener Bühne um. Die Musiker sitzen seitwärts oben auf der Bühne. Sie rekeln sich auf ihren Sitzen, wenn sie müde sind, und trinken zwischendurch ihren Tee, gerade so wie die Zuschauer. Zur Erfrischung waschen sie sich auch ab und zu, gleichfalls wie die Zuschauer. Dafür werden von Waschmännern, die mit dampfenden Kübeln durch die Reihen gehen, heiße, nasse Handtücher gereicht. Als Wang und Tom am Mittelgang zwei gute Plätze gefunden haben, erhebt sich im Zuschauerraum ein ohrenbetäubender Lärm.

Stichwörter. Malayische Halbinsel, Chinesisches Theater

Wie der Ruf "Tor!" in einem Fußballstadion braust es auf "Hao!" - "Hao!" Das heißt "Gut!" - "Gut". Mit dem Gedröhn der Pauken und dem Gebell der Schellen ist der Tigergeneral auf die Bühne getreten. Und dann ist atemlose Stille! Der Tigergeneral! Da steht er, wie ein zum Sprung bereiter Tiger. Sein Gesicht ist wie das Fell eines Tigers gestreift, schwarz und weiß, aber auch rot und blau. Die Schlitzaugen sind in den Gesichtsstreifen kaum zu erkennen. Ein breiter schwarzer Vollbart hängt bis über die Hüften hinab. Sein Gewand ist ein Krieger=Ischang, rot, schwarz und golden getigert. Auf dem Kopf trägt er eine Sonnenhaube mit einem Dutzend runder, goldener Spiegel, die bei jeder Bewegung das Licht aufblitzen lassen. Aber er verharrt jetzt ganz still. Wie ein Tiger vorm Sprung. Kinder schreien auf. Unheimlich! Ganz leicht nur zucken die kleinen Finger seiner Hände. Die eine streicht den Bart, die andere liegt an der Lanze. Dann schiebt er seinen linken, dick mit Filz besohlten Fuß drohend vor und wirft ruckartig seine Hüften halb herum. Vier auf seinen Rücken wie Flügel befestigte Fahnen erzittern. Nun schreitet er mit langsamen, gesetzten Schritten hin und her. Die Schellen bellen wieder. Die Schlaghölzer trommeln wild. Wang kann Tom, ohne einen Zuschauer zu stören, laut die Geschichte erzählen. "Der Tigergeneral ist ein Gefolgsmann des Verrätergenerals Li. Dieser hat den Mingkaiser Tschung in den Tod getrieben. Auf dem Kohlenhügel in Peking hat sich der Kaiser erhängt. Prinzessin Feh, die Geliebte des Kaisers, aber hat dem Verräter Li Rache geschworen. Sie begibt sich in seine Gewalt und hofft auf eine Gelegenheit, Li zu ermorden. Doch Li ahnt Böses, und er beschließt, Feh mit dem furchtlosen Tigergeneral zu vermählen..." Wang hält inne im Erzählen. Süße Töne der Bambusflöte künden das Nahen der Prinzessin Feh an. In prächtigen Gewändern treten drei Frauen vor den Tigergeneral hin: Feh und die beiden Kammerzofen, die der Verrätergeneral Li ihr beigegeben hat.

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Sie sind wie die Stimmen von Meisen, traurige und verführerische Lieder. Der Tigergeneral ist von den Reizen der Prinzessin überwältigt. Er läßt sich von ihrer zarten Hand ein Glas Reiswein nach dem andern einschenken. Sie plaudern und scherzen, und als er vom Wein schon berauscht ist, bittet sie ihn, doch sein Schwert und die Lanze abzulegen und den schweren Panzer, den er unter dem Tiger-Ischang trägt. Er gesteht ihr, daß er im Kampfe eine gefährliche Wunde am Arm davongetragen hat. Feh bittet ihn mit ihrer zarten Meisenstimme, seine Wunde pflegen zu dürfen. Er willigt ein, und wie ein Lamm läßt sich der berauschte Tiger von den Zofen zu Bett bringen. Als es Nacht ist, löscht Prinzessin Feh die Kerzen aus und stößt ihm den Dolch in die Brust, den sie in dem weiten Ärmel ihres Ischangs verborgen gehalten hat. Er springt auf und versucht, sein Schwert zu ergreifen. Im Dunkeln gibt es ein wildes Kampfgetümmel zwischen den beiden, bis er - durch das eigene Schwert geschlagen - sein Leben verröchelt. Die Kammerzofen eilen herbei und klagen Feh des ruchlosen Mordes an. Sie sieht ein, daß sie unrecht gehandelt hat, und gibt sich selbst den Tod.

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Theaterszene mit dem Tigergeneral

Mit furchterregender Maske steht der verwundete Tigergeneral auf der Bühne. Sein Gesicht ist wie das Fell eines Tigers gestreift. Drohend flattert der lange, schwarze Vollbart. Plötzlich verstummt das laute Spiel der Musikanten im Hintergrund. Unter den süßen Tönen einer Bambusflöte kniet Prinzessin Feh vor ihm hin. Furchtbare Racheplane verbirgt sie in ihrer Brust.

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Eßwarenhändler auf der Straße

Peng! - Peng! - Peng! Durch die ganze Straße und bis in die hintersten Höfe tönt der Gong des Speisenhändlers. Mit schriller, singender Stimme preist er die Erzeugnisse seiner tragbaren Küche an: "Frischer Reis mit Sojasoße!" - "Leckere Fleischpasteten!" - "Heißer Tee!" Der Rikschakuli d der Lastenträger haben schon auf ihn gewartet. Sie, die nicht an einem eigenen Tisch essen können, kaufen ihm das eine oder andere seiner Gerichte ab und nehmen es, auf der Straße hockend, während kurzen Arbeitspause ein. Eine Schale Reis kostet nur ein paar Kupfermünzen. Trotzdem kann sich mancher Kuli nur eine tägliche Mahlzeit leisten.

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Mit ihrem eigenen Dolch im Herzen klagt sie, daß es ihr nicht vergönnt war, den Tod des Kaisers an dem schuldigen General zu rächen. Tom hat die gesprochenen und gesungenen Worte nicht verstanden. Aber er hat alles so sehr miterlebt, daß er darüber das Essen ganz vergessen hat. Wang zeigt auf seine Armbanduhr. Nach zehn Uhr ist es schon. "Wir werden in der Snack=Bar des YMCA noch etwas zu essen bekommen!" - "O ja, Bratkartoffeln mit Garnelen, die habe ich auch einmal in Singapore in einer Snack=Bar gegessen . . ." Sie machen sich schnell auf den Heimweg. Die Straßen sind fast leer. Nur vor den englischen Klubs parken lange Autoreihen.

Chinesisches Frühstück mit Stäbchen gegessen

Am andern Morgen ist Tom früh wach. Der Lärm der Straße dringt bis in das Zimmer hinauf. Die Schlaghölzer der Straßenhändler erinnern Tom an die Geschichte von dem Tigergeneral. Er wundert sich, nicht davon geträumt zu haben. Die Jungen beschließen, chinesisch zu frühstücken. Jede chinesische Stadt hat ihre eigenen Gerichte, und jeder Chinese ißt am liebsten die Gerichte seiner Heimat. In jeder Großstadt gibt es Restaurants für alle Geschmäcker. Die Familie Wang stammt aus Kanton.

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Obwohl Wangs Vater schon zehn Jahre in Schanghai ansässig ist, ißt die Familie Wang immer noch nach kantonesischer Art. In Schanghai haben sie einen kantonesischen Koch, und wenn sie auf Reisen sind, gehen sie in ein kantonesisches Restaurant. So führt Wang seinen Freund nun auch in ein kantonesisches Restaurant neben dem YMCA. Der Boy legt jedem ein Paar Eßstäbchen und eine Speisekarte vor. "Versuche, ob du damit fertig wirst!" fordert Wang Tom auf. Die Speisekarte ist ein Büchlein mit 22 Seiten. Auf jeder Seite stehen zehn bis zwanzig Gerichte. "Das alles kannst du in einem kantonesischen Restaurant zu jeder Tageszeit haben!" Die Karte nennt die Namen der Gerichte in Englisch und Chinesisch und gibt für jedes Gericht eine Bestellnummer an. Die Preise sind erstaunlich niedrig. Reis wird allein in neun verschiedenen Zubereitungsarten angeboten, aber Milchreis ist nicht dabei! Eine Portion Reis, einfach gekocht, kostet 6 Cents (=5 Pf), gebratener Reis "ä la Canton" 30 Cents, Reis mit zerkleinertem Rind= oder Schweinefleisch 40 Cents, Reis mit gewürztem Hühnerfleisch 50 Cents.

Stichwörter: mit Stäbchen essen, kantonesisches Restaurant

Wang rät, die Seite 7 der Karte aufzuschlagen und unter "Zeitsparenden Gerichten" (Time=Saving-Meals) eine Nummer zu wählen. ",Specially recommended' heißt ja wohl besonders empfohlen. .., ich nehme Nr. 150", sagt Tom. Wang wählt Nr. 146, gebratenen Reis mit Suppe. Das ist von frühester Kindheit an sein Lieblingsgericht gewesen. Dann übt Tom erst mal, wie man die Eßstäbchen handhabt. Wang macht es ihm vor. "Man muß die Stäbchen so zwischen Daumen, Zeige= und Mittelfinger der rechten Hand nehmen, daß sie eine Art Pinzette bilden. Die Hauptsache ist, daß die vorderen Enden der Stäbchen genau aufeinanderliegen. Am besten stellst du sie beim Ergreifen senkrecht auf den Tisch, dann wird es schon gehen." Tatsächlich, es geht! In wenigen Minuten sind die Gerichte serviert. Nicht auf Tellern, sondern in Schalen, die etwa so groß sind wie zwei hohle Männerhände. Außerdem stellt der Boy vor jeden eine Teetasse ohne Henkel, in der ein paar grüne Teeblätter liegen. Das Wasser dazu bringt ein besonderer Boy in einem dampfenden Wasserkessel. Der Tee kostet im Restaurant nur 10 Cents für jede Person, einerlei ob man eine Tasse trinkt oder zehn. Mit seiner Stäbchenpinzette führt Tom die Hühnerfleischstückchen seines Reisgerichtes tadellos von der Schale in den Mund. Allerdings verkürzt er den Weg, indem er sich tief über die Schale beugt. Aber soll er auch die einzelnen Reiskörnchen so mühsam zum Mund befördern? Wang lächelt. "Das geht viel einfacher! Sieh her!" Er hebt seine Schale mit Reissuppe an den Mund, saugt die Suppe ein und schiebt die Reiskörner mit dem Doppelstäbchen nach. Im Nu ist die Schale leer.

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Haarschneider auf der Straße

"Nehmen Sie auf meinem weichgepolsterten Sessel Platz und lassen Sie Ihren wohlgeformten Schädel von meiner federleichten Hand rasieren!" - Wie der Eßwarenhändler seine Küche, so trägt der Barbier sein Handwerksgerät an einer Bambusstange durch die Straßen. Hat er einen Kunden gefunden, entnimmt er der Schublade unter dem Stuhl das nicht immer weiße Tuch, Seife und Messer und läßt das Rasierwasser in der Schüssel über dem Holzkohlenfeuer dampfen. Je verkehrsreicher die Ecke, an der er sich niederläßt, desto aussichtsreicher das Geschäft - für den Barbier und für den Kunden.

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Chinesisches Frühstuck

In einem kantonesischen Restaurant ißt Tom seine erste Mahlzeit mit chinesischen Eßstäbchen. Das geht viel leichter, als er es sich gedacht hat. "Man muß die Stäbchen so zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger nehmen, daß sie eine Art Pinzette bilden", belehrt ihn sein chinesischer Freund. "Beim Reisessen hebst Du die Schale an den Mund und schiebst die Reiskörner mit dem Doppelstäbchen hinein!"

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"So kann ich das auch", meint Tom. "Nun also, so machen es alle Chinesen." , Der Preis für das Frühstück der beiden Jungen beträgt 1,10 Hongkong-DolIar einschließlich Trinkgeld. "Billig", meint Tom, "und dabei bin ich ganz satt!"

Mit der Drahtseilbahn auf den Peak

Vom Palast des britischen Gouverneurs ist Tom enttäuscht. Es ist ein altmodischer, zweistöckiger Bau, der hinter hohen eisernen Gittern inmitten weiter, herrlich grüner Rasenflächen und roter Tennisplätze liegt. Das sechzehnstöckige Hochhaus der Hongkongbank, ein blendendweißer Betonbau, macht auf ihn einen imposanten Eindruck. Mit der Drahtseilelektrischen fahren sie in zehn Minuten zum Peak hinauf. 600 Meter! Immer weiter wird die Aussicht: auf den Gouverneursgarten, die Marinewerft, das Hafenviertel, den Hafen, ganz Viktoria und auf den gegenüberliegenden Festlandstadtteil Kaulun. Herrlich! Wie angenehm die Luft hier oben ist nach der Treibhaushitze da unten!

Stichwörter: Drahtseilbahn auf den Peak

An den Endstationen der Drahtseilbahn sind große Thermometer angebracht. Unten zeigte es 450 C, oben 370 C! Kein Wunder, daß der Gouverneur von Mai bis Oktober in seiner Sommerresidenz auf dem Peak wohnt. Vom Bahnhof bis zum höchsten Gipfel sind nur noch zehn Minuten Weges. Sie sehen Kasernen, Befestigungsanlagen und große Wassertanks für die Trinkwasserversorgung der Stadt. Von einer Ruhebank der Aussichtsterrasse halten sie lange Ausschau nach allen Seiten. Wie ein Spielzeug liegt da auch die "Elbestrand" - Tom erkennt ihren rotweißgestrichenen Schornstein. Wang zeigt über Kaulun hinweg in nordwestliche Richtung. "Dort hinter den Bergen liegt Kanton, die Stadt meiner Väter. Sie ist mehr als zweitausend Jahre alt, Hongkong dagegen nur gut hundert Jahre." Bevor die Engländer nach Hongkong kamen, war Kanton der große Hafen Südchinas. Als der Tigergeneral dem Mingkaiser Tschung in den Tod folgte (1644), gab es auf der ganzen Hongkonginsel noch kein einziges europäisches Haus. Viktoria ist erst nach 1842 von den Briten aufgebaut worden.

Der "Opiumkrieg"

Damals verwehrte das kaiserliche China europäischen Schiffen das Anlaufen des Kantoner Hafens. China, das "Reich der Mitte", wollte sich in seiner Abgeschlossenheit nicht stören lassen. Die Chinesen mit ihrer tausendjährigen Kultur schauten auf die Europäer herab und nannten sie Barbaren. Als der kaiserlich=chinesische Machthaber in Kanton, ein Vizekönig, englischen Kaufleuten die Einfuhr von indischem Opium verbot, kam " es zum Opiumkrieg. Das war im Juli 1839. "In den Gewässern dort unten", erzählt Wang, "standen britische Fregatten und chinesische Kriegsdschunken im Kampf. Mittelalterliche Vorderladekanonen aus Bronze feuerten gegen moderne Stahlkanonen." Das Ende war eine Niederlage Chinas. Am 29-Mai 1842 wurde die Insel Hongkong "für ewige Zeiten" an Großbritannien abgetreten . .. Wie klein die Insel ist, erkennt Tom, als sie eine Stunde später im Autobus an die Inselküste fahren, die der offenen See zugekehrt ist. Hier ist der herrliche Sandstrand der Tiefwasserbucht mit einem Strandhotel, das aussieht wie ein Märchenschloß. In der prallen Mittagssonne badet natürlich kein Mensch. Nur früh morgens und abends und in Mondnächten ist der Strand belebt, zu Weihnachten und Ostern ebenso wie im Sommer. Nie sinkt das

CHINESISCHER SPEISEKARTEN- UMSCHLAG

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Kriegsdschunke

Der Opiumkrieg wurde mit recht ungleichen Waffen ausgefochten. Britische Fregatten mit Stahlkanonen feuerten auf chinesische Kriegsdschunken, die mit mittelalterlichen bronzenen Vorderladern ausgestattet waren. Doch die Chinesen waren harte Gegner, die sich erbittert zur Wehr setzten und auf ihren Holzdschunken aushielten, bis auch die letzte Kugel verfeuert war.- im Frieden von Nanking wurde dann China gezwungen, die Insel Hongkong "für ewige Zeiten" an Großbritannien abzutreten.

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Thermometer unter 22 Celsius. Auch auf die Gefahr hin, einen Sonnenstich oder einen Herzschlag zu bekommen, stürzt Tom sich in die blauen Fluten. Der Sandstrand ist heiß wie ein Backofen, und das warme Wasser erscheint ihm kühl. Wang bleibt im Schatten einer Bambushütte sitzen und bewacht die Kleider. Tom schwimmt auf eine Dschunke zu und hat sie fast erreicht, als ein stechender Schmerz seinen Leib lähmt. Eine Qualle? Er möchte schreien. Aber er beißt die Zähne zusammen und dreht bei. Mit letzter Kraft kommt er zum Ufer zurück. Er legt sich neben Wang in den Schatten. Seine Ohren sausen, vor seinen Augen wird es schwarz... "Tom!!" ruft Wang, aber Tom antwortet nicht mehr. Als Tom wieder zu sich kommt, ist es fast schon drei Uhr nachmittags. Dunkle Wolken haben den Himmel bezogen. Ein chinesischer Arzt mit heißen Handtüchern und rosa Pillen steht bei ihm. Und viele chinesische Kinder. Es ist höchste Zeit für den Dampfer. Tom hat nur einen Wunsch: eine Flasche Coca=Cola zu trinken. So kommt er auch noch in das Hotel, das aussieht wie ein Märchenschloß.

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Mit einem "Apfelsinendampfer"

Nachdem Tom und Wang ihr Zimmer bezahlt haben, zählen sie ihr Geld. Es reicht noch für ein Telegramm nach Schanghai. ANKOMMEN FREITAG MIT SUIVO. Tom bezahlt mit seinem letzten Hongkong-Dollar. 10 Cents bekommt er noch zurück. Die reichen gerade für das Boot, mit dem sie sich an die "Suiwo" rudern lassen müssen, nicht aber für eine Rikscha. Gut, daß der Weg die Peddarstraße hinunter zum Blake Pier nur kurz ist. Mit ihrem Gepäck schwitzen sie wie die halbnackten Träger= und Rikschakulis. An der Landungsbrücke schaukeln Dutzende von kleinen Ruderbooten, die auf chinesisch Sampans heißen. Aus jedem schreit ihnen ein Sampanmann oder eine Sampanfrau entgegen. "Master, Master, nehmt mein Boot - nur 20 Cents!" ruft der eine. "Master, Master, nur neunzehn Cents!" ein , anderer und "Master, nur siebzehn Cents!" ein dritter. - Wang verhandelt mit dem, der seine Dienste für 17 Cents angeboten hat. Aber sie steigen in sein Boot erst ein, als er mit 10 Cents Fährgeld einverstanden ist.

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Der Sampanmann kennt die Namen und Liegeplätze all der großen und kleinen Dampfer im Hafen. "Suiwo ... Ankertonne Nr. 27", sagt er. Dann wriggt er los. Schade, die "Elbestrand" liegt am andern Ende des Hafens. Jeder Dampfer ist von einem Schwarm von Dschunken und Frachtkähnen umringt, die ihm seine Ladung abnehmen oder zubringen. An den hochaufragenden Bordwänden der "Suiwo" ist die Ebbeströmung ungeheuer stark. Der Sampanmann muß alle Kraft aufbieten, sein Boot an dem Fallreep so lange festzuhalten, bis Tom und Wang überspringen können. Als sie mit ihrem Gepäck die schwankende Treppe emporsteigen, werden sie von oben jubelnd begrüßt. Fünfzig Köpfe gucken über die Reling und schreien ihnen "Come on, boys!" entgegen. Tom und Wang sind einigermaßen verwundert. Aber bald wissen sie, warum die fünfzig Jungen an Bord sind. Neben einer Ladung von Stückgut und Apfelsinen für nordchinesische und japanische Häfen soll der Frachter "Suiwo" diese Jungen der Viktoria=Heimschule nach Japan bringen. Sie wollen dem heißen und schwülen Hongkongsommer entgehen und reisen zu einem Ferienaufenthalt in die kühleren Berge Japans. Die Sommerferien dauern in Hongkong länger als drei Monate. Da lohnt sich schon eine Ferienreise über 1300 Seemeilen. Außer den Jungen und ihren beiden Heimleitern ist kein erwachsener Passagier an Bord. Sie haben alle Kajüten für sich. Tom und Wang sind mit ihrer Kabine nicht ganz zufrieden. Es ist die letzte an dem Backbordkorridor unter Deck. Durch die Nähe der Maschine wird es dort noch heißer sein als in allen anderen Kabinen. Die Schutzventilatoren laufen erst, wenn das Schiff Fahrt macht. Bis zur Abfahrt sehen sie an Deck zu, wie das Schiff beladen wird. An jedem Mast sind zwei Ladebäume wie schräg hochstehende Äste beweglich angebracht.

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Sampans am Pier

An. den Landungsbrücken schaukeln Dutzende von kleinen Ruderbooten, die auf chinesisch "Sampan" heißen. Die Sampanmänner - manchmal sind es auch Sampanfrauen - preisen laut schreiend ihre Boote und Fahrkünste an. "Nur 20 Cents! - Nur 19 Cents! - Nur 17 Cents!" so unterbietet einer den anderen. Die Sampanleute kennen die Namen und Liegeplätze aller Dampfer im Hafen, sie sind die Rikschakulis der Wasserstraßen.

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Palisadengitter auf der "Suiwo"

Wozu das Oberdeck des Schiffes durch ein Palisadenzaun vom Passagierdeck abgetrennt sei, fragt Tom den Kapitän der "Suiwo". Dieser lächelte sauersüß. "In der chinesischen Küstenschiffahrt wird nämlich alle paar Tage ein Dampfer von Seeräubern gekapert. Als harmlose Deckspassagiere kommen sie an Bord, und auf hoher See entpuppen sie sich dann! Und wir wollen diesen Burschen doch ihr Handwerk nicht allzu leicht machen."

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Dar über laufen Ladetrossen wie bei einem Kran. Die Ladebäume schwingen in großen Netzen jedesmal 40 Kisten Apfelsinen aus den Bäuchen der Dschunken in die Ladeluken der "Suiwo". Einmal schlägt eine Kiste hart gegen den meterhohen Lukenrand und zerbricht. Da regnet es Apfelsinen auf das Deck. Die Jungen stürzen sich darüber her. Nicht jeder hat eine abbekommen. Nun warten sie darauf, daß sich das Spiel wiederholen soll. Die Besatzung der "Suiwo" besteht aus Chinesen. Nur der Kapitän, der Steuermann und der erste Ingenieur sind Europäer. Sie freuen sich über ihre "Ladung" Jungen und geben auf alle Fragen freundlichen Bescheid. Wozu die Deckaufbauten mit der Kommandobrücke gegen das Vorder= und Hinterdeck mit eisernen Palisadengittern, Stacheldraht und Stahltüren gesichert seien, will einer wissen, den sie Billy nennen. Der Kapitän lächelt sauersüß. Die andern Jungen lachen ihn aus. "So ein Greenhorn hat noch nichts von der Biasbucht gehört?!" - "Nur fünfzig Meilen von Hongkong entfernt, und beinahe in der ganzen Welt bekannt!" - "Seit Hunderten von Jahren betreiben die Männer von der Biasbucht das Seeräuberhandwerk, und noch kein Kaiser und kein Präsident von

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China hat die daran hindern können!" - "Sie haben schon viele große und kleine Handelsschiffe mit ihrer gesamten Ladung und Besatzung in die Schlupfwinkel ihrer Felsenküste entführt. Vor allem haben sie es auf reiche Passagiere abgesehen. Sie halten sie so lange gefangen, bis die Angehörigen ein hohes Lösegeld zahlen. "Und wenn die Angehörigen das nicht tun?" fragt Billy. - "Dann wird ihnen erst ein Finger, einige Tage später noch ein Finger und endlich ein Ohr zugeschickt - dann zahlen sie schon", antwortet der Steuermann. Als Billy ein bedenkliches Gesicht macht, sagt der Kapitän: "Für diese Reise ist nichts zu befürchten. An der Biasbucht wachsen auch Apfelsinen, und Jungen sind bekanntlich keine Millionäre." Außerdem seien er und der chinesische Zahlmeister des Schiffes eingetragene Mitglieder des Seeräuberklubs und mit ihren Monatsbeiträgen nicht im Rückstand. Billy starrt den Kapitän an. "S-s-sind Sie denn auch ein Seeräuber?" Der Kapitän schüttelt lachend den Kopf. "Durch unsere monatlichen Zahlungen an den Geheimklub der Seeräuber machen wir nur den

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CHINESISCHER HOTELPROSPEKT

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Apfelsinenregen

Die Jungen stehen an Deck herum und schauen der Verladearbeit zu. Aus den Bäuchen der Dschunken heben die Ladebäüme Apfelsinenkisten in die Luken der "Suiwo". Eine Kiste schlägt irgendwo hart an, und es regnet Apfelsinen auf das Deck. Die Jungen stürzen sich darüber her.

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Versuch, die Gesellschaft gegen die ,Suiwo' günstig zu stimmen." Das Schiff sei bis jetzt noch nie überfallen worden, und es würde bestimmt auch diesmal gut gehen. - Die Ladearbeit ist beendet. Das Rattern der Winden und das Geschrei der Ladekulis und Aufseher verstummt. Die Deckluken werden geschlossen und mit Segeltuch überzogen. Glutrot sinkt die Sonne hinter den Inselbergen. Es hat leider nicht noch einmal Apfelsinen geregnet. Zum Trost für die hungrigen Jungen läutet der Gong zum Abendessen. "Gut, daß der Preis für das Essen in das Fahrgeld eingeschlossen ist", sagt Wang zu Tom, als sie in den Speiseraum gehen. Die "Suiwo" beginnt mit einem langgezogenen Wu=u=u der Schiffssirene ihre Fahrt. Dschunken und Sampans sollen sich in acht nehmen. Bevor das Fallreep hochgezogen wurde, sind noch sechs mit Maschinenpistolen bewaffnete englische Soldaten an Bord gekommen. Sie sollen die "Suiwo" - wie jedes englische Schiff im Chinaküstendienst - bewachen. Die Soldaten haben die höchsten Deckkabinen neben der Kapitänskajüte bezogen.

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Billy kann nun beruhigt essen. - Tom und Wang lassen sich nicht viel Zeit für das Diner. Sie stehen bald wieder an der Reling und schauen. Es wird schnell dunkel. Das Lichtermeer von Viktoria leuchtet auf. Ein Lichterband ist auch die Straße, die zum Peak hinaufführt. "Der ganz helle Punkt oben muß die Endstation der Drahtseilelektrischen sein", sagt Wang. Die andern Jungen streiten sich darum, ob Hongkong oder Rio de Janeiro als Lichterstadt den schöneren Anblick bieten. - Bald hat die "Suiwo" den inselgeschützten Hafen hinter sich gelassen und stampft und rollt nun in einen Sturm hinein. "Hoffentlich kommen wir nicht in einen Taifun", meint Billy, der neben Tom und Wang an der Reling steht. Taifune haben im süd= und ostchinesischen Meer schon viel größere Schiffe zerbrochen, als es die "Suiwo" mit ihren 3000 BRT ist. Der Wind und das Schlingern des Schiffes werden den Jungen bald zu ungemütlich. Sie ziehen sich in ihre Kabinen zurück. Da ist es noch scheußlich heiß. Nackt und ohne Decke liegen sie auf ihren Betten. Die Ventilatoren summen sie bald in tiefen Schlaf.

Nächtlicher Überfall

Was war das? Tom ist wach geworden. Vor dem Bullauge ist bereits grauer Tag. Die Schiffssirene tutet dumpf. Wang im unteren Bett scheint nichts gehört zu haben. Sein Atem geht ruhig und tief. "Fischerboote in der Fahrtrichtung", denkt Tom und dreht sich um. Er möchte noch ein paar Stunden schlafen. Aber gleich darauf klingelt der Maschinentelegraph aufgeregt. "Stopp!" "Volle Fahrt zurück!" Die Maschine stampft im Gegentakt. Dann bummst es heftig gegen die Backbordwand. "Wang, hörst du?" Ehe er in den Hosen ist, wird ihre Kabinentür aufgerissen.

Eine Sekunde lang starren Tom und Wang in das finster blickende Gesicht eines Seeräubers. Dann knallt die Tür wieder ins Schloß. "Tufei" flüstert Wang zitternd, und dieses chinesische Wort versteht auch Tom schon, "Räuber!". Sie horchen hinter ihrer Kabinentür. Es ist kein Schuß gefallen. Es sind nur ein paar aufgeregte Worte gewechselt worden. Wieder einmal ist es den Bias="Fischern" in Zusammenarbeit mit Komplizen unter der Mannschaft gelungen, ein Schiff in ihre Gewalt zu bringen. Die beiden wachthabenden englischen Soldaten sind als erste überrumpelt worden. Als das Schiff seine Fahrt verlangsamte, haben zwei Dutzend verwegene Tufeis die "Suiwo" geentert. Gleichzeitig mit den Wachen ist das Gerät des Bordfunkers ausgeschaltet worden. Den Steuermann haben sie mit einer vorgehaltenen Pistole gezwungen, den Kurs zu ändern und in Richtung Biasbucht zu steuern. Es wird noch Stunden dauern, bis die Seefahrtssicherung der britischen Regierung in Hongkong die Kursänderung bemerkt.

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Lichterstadt "Hongkong"

Märchenhaft schön ist abends der Anblick der Lichterstadt Hongkong, bis zum 600 Meter hohen Peak hinauf ziehen sich die Lichtbänder der Autostraßen -"Der ganz helle Punkt oben muß die Station der Drahtseilbahn sein", sagt Wang zu Tom. Die beiden stehen an der Reling der "Suiwo", bis diese aus dem Hafen hinausgleitet. Die anderen Jungen streiten sich herum, ob Hongkong oder Rio de Janeiro als Lichterstadt den schönsten Anblick bietet.

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Fischerboote? - Seräuber!

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Bis dahin aber wird die Lösegeldforderung der Seeräuber in Hongkong bekannt sein: "Für jeden Jungen 10 000 Hongkong=Dollars Lösegeld. Die Summe ist bei der portugiesischen Bank in Macao zu hinterlegen." Wang hat ähnliche Geschichten oft genug in Schanghai in der Zeitung gelesen. Er erzählt Tom, daß es nur dann blutig zugeht, wenn sich jemand wehrt. Das wissen auch die andern Jungen, und darum bleibt alles ganz still. Auch die Heimleiter werden die Anweisungen der Seeräuber befolgt haben, andernfalls sind sie geknebelt und an Händen und Füßen gefesselt worden. Wang steht ein Bild vor Augen, das er kürzlich in einer Schanghaier Zeitung gesehen hat. Da liegen zwei Gefesselte neben den Bordkanonen einer Seeräuberdschunke. Die beiden Jungen legen sich wieder auf ihre Betten und beraten. "Wir gehören ja gar nicht zu dieser Schule, und unsere Eltern wohnen auch nicht in Hongkong", sagt Wang. "Ob die Seeräuber die Passagierliste durchgesehen haben? Vielleicht stehen unsere Namen gar nicht in der Liste. Wir bekamen ja erst wenige Stunden vor der Abfahrt der "Suiwo" die Erlaubnis, dieses Schiff der Reederei benutzen zu dürfen, weil zwei andere Fahrgäste ihre Fahrkarten zurückgegeben hatten.

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"Zu dumm, daß ich noch telegraphiert und die ,Suiwo' erwähnt habe", antwortet Tom. "Mit den Radionachrichten zu Mittag werden nun auch unsere Väter und deine Mutter in Schanghai in derselben Sorge sein wie die Eltern all der anderen Jungen." Wang holt tief Atem und pfeift ausatmend die Luft durch die Zähne "s=s=s=s=a=a!" Das tun die Chinesen immer dann, wenn sie weder ein noch aus wissen. Tom sagt nach einer Weile: "Kannst du nicht den Zahlmeister bitten, daß er uns als Schiffsjungen ausgibt? Dann kommen wir mit dem Schiff wieder frei, und unsere Väter haben überhaupt kein Lösegeld zu zahlen." Wang glaubt nicht, daß dies ein Ausweg ist. "Bei den Zahlmeistern weiß man nie, ob sie zu den Seeräubern oder zu den Passagieren halten. Aber ich will es versuchen, wenn sich eine Gelegenheit bietet." Um 7 Uhr ruft der Gong die Jungen zum Frühstück, als ob nichts geschehen wäre. Einigen Jungen stehen Tränen in den Augen. Sie haben bis jetzt gar nicht gemerkt, was vor sich gegangen ist, und eben erst davon erfahren. Billy setzt sich neben Tom an den Frühstückstisch und fragt ihn im Flüsterton: "Werden sie uns nun auf Dschunken packen und in ihren armseligen Fischerhütten gefangenhalten oder gar in die Berge verschleppen!?" Wang tröstet ihn. "Dir und mir und den andern wird nichts geschehen, wenn wir uns nur ruhig verhalten. Wenn du schon etwas länger in China gelebt hättest, dann wüßtest du, daß in China das Sprichwort gilt: ,Abwarten und Teetrinken'. Mir machen nur meine und eure Eltern Sorge." Billy schluchzt und rührt den Porridge nicht an, den der Boy vor ihn auf den Tisch gestellt hat. Er horcht auf die Gespräche der andern Jungen. Die Tischplätze der beiden Heimleiter sind leer.

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In Hongkong werden die Eltern vielleicht schon beim 0=Uhr=Frühstück durch das Radio hören, daß ihre Söhne entführt worden sind. Wie ein Lauffeuer wird die Nachricht durch Hongkong gehen: "Suiwo mit 50 Jungen gekidnappt." Die britische Regierung in Hongkong wird natürlich Gegenmaßnahmen ergreifen. Sie wird Kanonenboote und die schnellen Zerstörer aufbieten, die gekaperte "Suiwo" zu verfolgen. Sie wird Aufklärer und vielleicht Bomber der RAF einsetzen, um die Seeräuber zur Vernunft zu bringen. Es wird auch einige Väter und Mütter geben, deren Nerven stark genug sind, auf die Wirkung solcher Gegenmaßnahmen zu hoffen. Viele aber werden das Lösegeld telegraphisch an die Bank in Macao überweisen. Und dann wird das geschehen, was die meisten Jungen erhoffen: Die Seeräuber werden, ohne einen Jungen mitzunehmen, die "Suiwo" wieder verlassen und den Kapitän die geplante Reise fortsetzen lassen. Als Billy halbwegs getröstet seinen Löffel ergreift, verstummen die Gespräche der Jungen. Ein Mann in ärmlicher Chinesenkleidung ist an den Tisch getreten, an dem gestern beim Abendbrot die Heimleiter saßen.

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Gefesselt auf der Seeräuberdschunke

"Ein Lösegeld oder Dein Leben!" - Das ist der Wahlspruch der chinesischen Seeräuber. An Händen und Füßen gefesselt werden die Gefangenen in die Schlupfwinkel der Seeräuber gebracht. Geschossen wird bei diesen Überfällen möglichst wenig; das könnte die Fahrzeuge des Küstenschutzdienstes aufmerksam machen und bringt kein Geld ein. Nur wenn feindliche Schiffe in bedrohliche Nähe kommen, treten die alten Bordkanonen in Tätigkeit.

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Der Seeräuberführer hält eine Ansprache

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Er bleibt dort einen Augenblick stehen, bis lautlose Stille herrscht, dann hält er in fließendem Englisch eine Rede. "Ihr Jungen habt euch gut gehalten und nicht durch unnötige Aufregung unseren Plan gestört. Zum Dank dafür bekommt jeder von euch sofort eine Kiste Apfelsinen und als Nachtisch zum Mittagessen eine halbe Apfeltorte. Auch sonst steht euch alles zur Verfügung, was der Koch in seiner Kombüse hat. Ihr könnt an eure Eltern telegraphieren, wenn ihr sie um eine Beschleunigung der Überweisung eines kleinen Lösegeldes bitten wollt. Eure Heimleiter dürft ihr darum nicht befragen. Sie sind im Zwischendeck in Haft gesetzt." Er verbeugt sich und geht wieder hinaus. Die Jungen sind jetzt allein im Speiseraum. Wang flüstert Tom zu: "Die haben gar nicht gemerkt, daß wir nicht zu der Schule gehören." Der Sprecher der 6. Klasse nimmt das Wort: "Was sollen wir tun?" Smith aus der 5. und der dicke Jonny aus der 6. Klasse schlagen vor, ein Telegramm an die Handelskammer in Hongkong zu richten, weil die meisten Väter ihr angehören. Black, der Kapitän der Fußballmannschaft, aber spricht gegen jedes Telegraphieren und erntet starken Beifall.

Sie gehen auseinander mit dem Beschluß, daß jeder einzelne tun soll, was er für richtig hält. Indessen ist der Anker der "Suiwo" in die Tiefe gerasselt. In einer Felsenbucht, die von unbewohnten grünen Berginseln gegen die See geschlossen ist, liegt das Schiff still. Die Feuer unterm Kessel sind erloschen. Keine Rauchfahne soll das Schiff verraten. Es ist unerträglich heiß an Deck, aber noch heißer in den Kabinen. Mit Tropenhelmen und Sonnenbrillen angetan, machen die Jungen es sich in den Deckliegestühlen so angenehm wie möglich. Wang und Tom beobachten genau, ob einer der Jungen sich an den Tufei wendet, der ihnen die Rede gehalten hat. Er geht jetzt ab und zu über das Deck, scheinbar ganz uninteressiert. Keiner der Jungen meldet sich. Die meisten lesen die Reisebücher, die sie sich für Regentage in Japan mitgenommen haben. Der Tag schleicht entsetzlich langsam dahin. Zum Mittagessen gehen einige überhaupt nicht in den Speiseraum. Sie haben zu viele Apfelsinen gegessen. Mit der halben Apfeltorte wird nur Jonny ganz fertig. Nach Mittag ist die schwüle Hitze unter und über den eisernen Deckplatten unvorstellbar.

Niemand hat den Jungen Ruhe geboten, aber sie sind so still geworden wie die Natur rundum. Über den Gräsern und dem Bambusdickicht auf den Berghängen flimmert die Luft. Das Schiff dreht sich mit dem Gezeitenstrom allmählich um den Anker, und der Schatten der Sonnensegel rückt langsam wie der Schatten einer Sonnenuhr weiter vor. Spätnachmittags hat Wang eine Idee. Er leiht von dem Quartiermeister für sich und Tom je eine Hängematte aus. Die hängen sie so auf, daß sie bei jeder Drehung des Schiffes etwas von dem abendlichen Seewind abbekommen. In den Hängematten wollen sie die Nacht verbringen. Ein Teil der Jungen macht ihnen das nach. Beim Abendessen kommt der Tufeisprecher wieder in den Speiseraum und fragt, ob sich jemand zum Telegraphieren entschlossen habe. Keiner meldet sich. Danach liegen sie wieder alle in den Hängematten und den Liegestühlen. In die Abendbrise mischt sich das ferne Zirpen von Millionen Grillen. Auch einzelne Moskitos tauchen auf. Die Jungen horchen auf ein leises Rollen fernen Donners. "Hoffentlich kommt kein Unwetter!" Das würde sie in die heißen Kabinen treiben und doch keine richtige Abkühlung bringen. Plötzlich hat Billy einen anderen Ton entdeckt: "Ein Flugzeug?" Eine Maschine der RAF, ausgesandt, sie zu suchen? Das Motorengesumm kommt näher. Eine Maschine zieht zwei Schleifen um die "Suiwo". Alle Jungen stehen an der Reling und recken die Hälse. "Wollen wir alle fünfzig schreien und winken?" fragt Jonny. Aber plötzlich sind fast ebenso viele mit Flinten und Maschinenpistolen bewaffnete Tufeis zwischen ihnen. - Die Maschine braust wieder davon. Jetzt wispern die Jungen wie die Grillen:

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Ein Flugzeug der Royal Air Force entdeckt uns

Eine Maschine der RAF umkreist die von den Seeräubern gekaperte "Suiwo". Die gegen Lösegeld gefangengehaltenen Jungen möchten vor Freude jubeln. Ob das Flugzeug ausgesandt ist, sie zu suchen? Wird es die Seeräuber wohl durch einen Bombenabwurf einschüchtern? Hingen überhaupt Bomben unter den Tragflächen? So gehen die Fragen hin und her. Und dann ist die Maschine plötzlich wieder verschwunden.

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Mit verbundenen Augen die Gangway hinunter

Der Seeräuberführer befiehlt Tom und Wang, die Gangway hinunterzusteigen in sein Motorboot. Auch ihr Gepäck ist schon dort. In der kleinen Kabine verbindet der Chinese ihre Augen und läßt sich die Armbanduhren der Jungen geben. Mit ratterndem Motor fährt dann das Boot ein paar Kreise, und die Jungen haben keine Ahnung mehr, wo sie sind und wohin es geht.

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"Haben sie uns entdeckt?" - "Ja" - "Nein!" "Ich glaube nicht" - "Hast du die Bomben unter der Tragfläche gesehen?" - "Die RAF wird doch auf uns keine Bomben werfen!" Das Unwetter bleibt aus. Nach Sonnenuntergang sind die Jungen teils in fröhlicher, teils in ängstlicher Stimmung. Nachts dreht sich die "Suiwo" weiter um ihren Anker, und die Jungen wälzen sich unruhig auf ihrer Schlafstelle. Hin und wieder klatscht eine Hand nach einem Moskito. Am nächsten Morgen jagt ein Motorboot vom Ufer des Festlandes auf die "Suiwo" zu. Unter den Seeräubern an Bord herrscht große Aufregung. Wang versteht wenig von dem Dialekt, den die Tufeis sprechen. Aber soviel errät er: Die Flugzeugbesatzung hat den Seeräubern durch Funkspruch mitteilen lassen, daß sie das Schiff und den Fischerort an der Küste bombardieren werden, wenn die "Suiwo" nicht innerhalb 12 Stunden wieder ihren alten Kurs aufgenommen hat. Gleichzeitig hat der Anführer der Tufeis nun aus Macao erfahren, daß bereits 320 000 Dollar Lösegeld überwiesen worden sind. - Das ist mehr, als die Bande erwartet hatte. Der Anführer befiehlt, daß seine Leute die "Suiwo" zu verlassen haben, ohne sich an Gepäck, Uhren und Taschengeld der Jungen zu vergreifen.

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Sie sollen die Jungen freundlich und höflich behandeln. Der Reederei will er die 52 Kisten Apfelsinen bezahlen. Nur eine Forderung hat der Räuberhauptmann an den Kapitän: "Die beiden Jungen, deren Namen nicht mit in der Passagierliste stehen, müssen mit an Land!" Der Kapitän weigert sich. "Die Jungen haben niemandem irgendein Unrecht getan. Sie sind die Söhne von Leuten, die ihr Geld hart verdienen!" Der Räuberhauptmann besteht auf seiner Forderung. "Auch wir wollen ihnen nichts zuleide tun, wenn das wahr ist, was Sie sagen. Aber das müssen wir erst noch feststellen. Wir vermuten, daß die beiden Jungen Angehörige des Multimillionärs sind, der zuerst die zwei Kabinenkarten bestellt hatte. Wenn das nicht der Fall ist, werden die Jungen sofort freigegeben. - Ich werde dann dafür sorgen, daß sie heil zu ihren Vätern nach Schanghai kommen." Unter diesen Umständen willigt der Kapitän ein. Er ist überzeugt, daß der Tufei sein Wort halten wird. Ebenso sicher weiß er aber auch daß die Jungen mit dem Multimillionär gar nichts zu tun haben. Nun läßt der Kapitän Tom und Wang zu sich in seine Kajüte kommen. Sie ahnen nichts Gutes.

Reiseberichte China, China Reiseberichte

Er blickt ihnen scharf in die Augen und fragt, ob sie irgend etwas mit einem Millionär zu tun hätten, der ursprünglich ihre Kabine belegt hatte. "Nein? - Dann gebe ich euch hiermit das Fahrgeld nach Schanghai zurück!" 75 Dollar für eine einfache Fahrkarte an Tom und 57 1/2 Dollar für eine halbe Rückfahrkarte an Wang! Sie staunen. "Es tut mir leid, daß ihr Unbequemlichkeiten habt, aber ihr müßt noch einen oder zwei Tage in dem Küstenort hier bleiben. Wenn ihr die Wahrheit gesagt habt, wird man euch sicher nach Schanghai geleiten. Euren Vätern werde ich Nachricht schicken, sobald mein Funker wieder senden kann. - Wenn ich selbst noch ein Junge wäre, würde ich mich auf das Abenteuer freuen, das euch jetzt bevorsteht." Er drückt beiden die Hand, dann werden sie in das Motorboot der Seeräuber geführt. Ihr Gepäck steht schon auf dem Tisch der kleinen Kabine. Wieder stehen fünfzig Jungen an der Reling. Aber sie jubeln nicht. Viele haben Tränen in den Augen. Billy schluchzt laut.

In unbekanntes Land entführt

Der Bandenführer heißt sie in der Kabine des Motorbootes Platz nehmen und verbindet ihre Augen. Ihre Uhren bittet er für einige Zeit in Verwahrung nehmen zu dürfen. Mit ratterndem Motor fährt das Boot ein paar Kreise, dann wissen Tom und Wang nicht mehr, wo sie sind. Mit ihnen sitzt ein bewaffneter Tufei in der Kabine. Glücklicherweise klopft der Motor lauter als ihr Herz. "Wird das gut ausgehen?" fragt Tom. "Ich hoffe", antwortet Wang, aber seine Stimme ist nicht so frisch wie sonst. - Wang versucht sich auszudenken, wie man wohl aus dem Küstenort wieder fortkommt.

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In einer Sänfte entführt

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Der Pförtner des Seeräuberhauses

Mit verbundenen Augen sind Tom und Wang in einer Sänfte davongetragen worden. Als ihnen die Binde von den Augen genommen wird, stehen sie im Innenhof eines prachtvollen Gebäudes.

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Dampferverbindung gibt es nicht. Bestimmt auch keine Eisenbahnverbindung. In ganz China gibt es ja nur ein paar große Eisenbahnlinien. Die kann jeder chinesische Junge aus dem Kopf hersagen. Kaulun-Kanton, Kanton-Hankau, Hankau-Peking, Tientsin-Nanking, Nanking-Schanghai, die Lunghaibahn - Wenn sie in irgendeinem Küstenort der Biasbucht gebracht werden, müssen sie mindestens 250 Li (125 km) von irgendeiner Station der Kaulun-Kantonbahn entfernt sein. Auch von Autostraßen in diesem Teil der Kwangtungprovinz hat Wang nie etwas gehört. Er sieht die Karte seiner Heimatprovinz vor sich, wie sie damals vor ihnen hing, als er noch in Kanton in eine chinesische Schule ging. An der Küste zieht sich eine Bergkette entlang. Kailungschan, das heißt das Drachentorgebirge! Es wird in vielen Geschichten genannt. Von dort kommen die Bergräuber, die die kantonesischen Reisdschunken auf dem Ostfluß überfallen. Auch Tom denkt an die Weiterreise nach Schanghai. Ihm ist es klar, daß das Seeräuberboot sie nicht nach Hongkong zurückbringen wird, damit sie dort einen andern Dampfer nach Schanghai besteigen können. "Können wir nicht auch mit der Eisenbahn bis Freitag in Schanghai sein?" fragt er, "vorausgesetzt, daß diese Herren uns nicht länger als einen Tag festhalten .. ." Wang muß lachen, obgleich er keineswegs in freudiger Stimmung ist. "Nein, Tom, du hast von den Verkehrsverhältnissen und der Weite Chinas noch keine rechte Vorstellung. Die Provinz Kwangtung allein ist ungefähr so groß wie Deutschland, sie hat 40 Millionen Einwohner, aber nicht mehr als 400 Kilometer Eisenbahnen. Die Bahnfahrt nach Schanghai, über 1500 Kilometer durch fünf Provinzen, dauert mindestens 72 Stunden. Das ist schon mehr als die planmäßige Fahrzeit der "Suiwo". Bis wir aber eine Bahnstation erreichen, werden mindestens drei weitere Tage vergehen.

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Auf schmalen Bergpfaden werden wir über 100 Kilometer zu Fuß gehen müssen. Denn unser Geld wird für eine Sänfte kaum reichen. .." "Eine Sänfte? So etwas hat es in Deutschland im Mittelalter gegeben." - "In China ist sie noch heute allenthalben in Gebrauch. Die Bergpfade und die Wege zwischen den Reisfeldern sind so schmal, daß keine Wagen darauf fahren können. Wer es sich leisten kann, nimmt eine Sänfte mit zwei oder vier Trägern. Sie laufen bis zu fünfzig Kilometer am Tag. - "Merkwürdiges Land", denkt Tom. Seine Neugier, es kennenzulernen, ist größer als die Furcht vor dem Ungewissen.

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Der Seeräuberführer

Die Räuberhöhle sieht anders aus als Tom sie sich vorgestellt hat. Um mehrere Höfe herum liegen Wohnräume. Zwischen den blumengeschmückten Höfen sind runde und vieleckige Durchgänge. Wang will Tom gerade den Goldfischteich in einem Hofe zeigen, da kommt der Bandenführer aus der Tür der Ahnenhalle. Die große dunkle Brille verdeckt wie immer seine Augen, aber sein Mund lächelt freundlich.

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Im Seeräuberdorf

Jetzt übertönt ein Ruf des Bandenführers den Motorenlärm. "Lauda, haula!" - "Bootsführer, anhalten", übersetzt Wang. Das Boot legt an. Die Jungen werden an Land geführt. Tom erkennt unter seiner Binde den schmalen Steg. Es riecht nach Seetang, Fischernetzen und Opiumrauch. Hunde kläffen. Einer jault auf. Jemand wird einen Stein auf ihn geworfen haben. "Versucht nicht, eure Binden zu lockern!" warnt sie der englischsprechende Anführer, "in einigen Minuten werde ich sie euch selbst abnehmen." Tom wird auf einen Sitz gedrückt, dann angehoben. Er greift unwillkürlich nach einem Halt. Seine Finger umklammern eine Bambuslehne. Dann bewegt sich der Sitz rhythmisch schwingend vorwärts. Ein komisches Gefühl! So ähnlich war es, als Tom in Berlin im Hippodrom zum erstenmal auf einem Pferderücken saß. "Aha", denkt er, "eine Sänfte!" Schon stimmen die Träger ihr Traberlied an. "Hä, ho, hä, ho, hä, ho..." Dazwischen knarren die Bambusstangen, an denen sein Stuhl getragen wird. "Nicht übel", denkt Tom, aber plötzlich hat er das Gefühl, in einer Luftschaukel zu sitzen. "Wang!!" schreit er. Als Wang antwortet, ist alles wieder gut. Eine Weile später hört das rhythmische Schwingen ruckartig auf. Toms Füße stehen wieder auf festem Boden. Seine Augenbinde ist naß von Schweiß. Lautes Rufen und Klopfen an einem Tor, das sich knarrend öffnet. Tom. wird hineingeführt. Wieder Knarren und das Bumsen eines schweren Riegels. Unter seinem Tropenhelm wird es Tom unerträglich heiß. Er nimmt den Hut ab und fächelt sich damit Luft zu. Im selben Augenblick wird ihm auch die Binde abgenommen. Da ist Wang, Gott sei Dank! Auch er ist von seiner Binde befreit, auch er hat einen hochroten Kopf. Ein alter Chinese in grauem Ischang verbeugt sich tief vor ihnen. "Ich bin der Kaimendi, der Pförtner. Mein Gebieter heißt die jungen Herren herzlich willkommen. In einer Viertelstunde erwartet er die ehrenwerten Gäste im Empfangszimmer.

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Wollen Sie es sich bis dahin in unserem bescheidenen Gastzimmer bequem machen!" Er verbeugt sich wieder und geht nach dem Gastzimmer voran. Tom kommt aus dem Staunen nicht heraus. Das ist keine Räuberhöhle, sondern eine neue Art von Märchenschloß, ein Märchengarten mit Wohnzimmern ringsum. Orangenbäume mit Blüten und goldgelben Früchten im Außenhof - ein sechseckiges Tor -, dann die Blütenpracht des Innenhofes, blühende Bäume, Palmen, Ziersträucher in kostbaren Steintöpfen, Lotosblüten auf einem Goldfischteich, grünglasierte Dachziegel über roten Säulen, goldene chinesische Schriftzeichen über allen Eingangstüren. Für Wang ist das alles nichts Neues. Ganz ähnlich ist das Haus seiner Väter in Kanton, in dem jetzt sein Onkel wohnt. Ähnlich sehen die Wohnanlagen aller reichen Chinesen aus. Im Gastzimmer, gleich links am Innenhof, stehen ihre Koffer vor diwanartigen Ruhelagern. Auf der roten Marmorplatte des Ebenholztisches prangt eine kostbare gelbe Vase. Der Wohlgeruch von Blüten erfüllt das Zimmer. Der Pförtner klatscht in die Hände und ruft "Lo!" Darauf erscheint ein Diener und bringt ihnen duftende heiße Handtücher zum Waschen. Als die heiße Feuchtigkeit auf ihrer Haut trocknet, empfinden sie eine angenehme Kühle. Die Türen aller Räume am Innenhof stehen offen, gegenüber sind Schreib= und Arbeitszimmer. "In diesem Gefängnis werde ich es schon einige Tage aushalten", sagt Tom zu Wang. Am meisten interessiert ihn die geschlossene große Tür gegenüber dem sechseckigen Durchgang. "Das ist die Ahnenhalle der Familie. Dahinter ist der Hinterhof mit Küche und ..." In diesem Augenblick kommt der Hausherr, der Bandenführer, mit einem himmelblauen Ischang angetan, aus der Tür der Ahnenhalle. Seine Augen sind von einer großen Hornbrille mit dunklen Gläsern verdeckt, aber sein Mund lächelt freundlich. "Ich hoffe, daß ihr euch in meinem armseligen Haus wohl fühlt", sagt er, wie es die chinesische Sitte vorschreibt. Er bittet sie, in das Empfangszimmer einzutreten. Hier stehen um einen großen runden Ebenholztisch ein halbes Dutzend Hocker, wie Tom sie noch nie gesehen hat: blaue Porzellantonnen mit Drachenmustern. Er setzt sich nur zögernd darauf nieder, empfindet aber bald die angenehme Kühle auf dem Sitz.

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Andacht vor der Ahnentafel

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Diener bringen Tee und einen großen Lackholzkasten, der viele Fächer hat. Darin sind Süßigkeiten, kandierte Früchte, Ingwer und Leitschies. An der Decke bewegt sich geheimnisvoll ein großes Tuch hin und her und erfüllt den Raum mit einem angenehmen Luftzug. Sie trinken ihren Tee und unterhalten sich mehr mit Verbeugungen und freundlichen Mienen als mit Worten. Ob Tom wohl die Leitschies möge, die es nur in der Provinz Kwangtung gibt, und ob er schon mit Stäbchen essen könne, fragt der Hausherr Wang auf Chinesisch. "Frag ihn, wann wir weiterreisen können", bittet Tom, aber darauf geht Wang überhaupt nicht ein. Der Hausherr entschuldigte sich, daß er dringender Geschäfte wegen nicht mit ihnen essen könne. Er steht auf und zieht sich in das Arbeitszimmer zurück. Ein Diener folgt ihm. Andere Diener tragen nun auf dem großen runden Tisch das Essen auf, viele, viele kleine Schüsseln mit Suppen, Fisch=, Fleisch= und Gemüsegerichten. Zuletzt stellen sie vor Wang und Tom je eine Schale Reis und legen Porzellanlöffel für die Suppe und Stäbchen aus Elfenbein daneben. Nur ein Diener bleibt im Raum. Er ist bereit, aus einem dampfenden Holzkübel Reis nachzufüllen. Die Jungen langen tüchtig zu, mit dem Eßlöffel in die Suppenschüsseln und mit den Stäbchen in vierundzwanzig andere Gerichte. Die Schüssel mit Hummerfleisch wird halb geleert, aus den andern nehmen sie nur einige Häppchen. Sie haben Mühe, ihre Reisschale zu leeren, wie es die Höflichkeit verlangt. Die Schüsseln mit den Resten gehen in die Küche zurück. In den 13 Räumen des Hauses gibt es ja auch noch andere Esser. Nun ist der letzte Diener hinausgegangen. Tom schaut sich nach allen Seiten um, bevor er Wang leise fragt: "Warum hast du ihn nicht nach der Weiterreise gefragt?" Wang antwortet ernst: "In China ist es sehr unhöflich, jemand zur Eile zu drängen." Dann setzen sie sich im Innenhof auf die Mauer, die den Goldfischteich umgibt. Die dicken Goldkarpfen schwimmen träge darin herum oder stehen regungslos im Schatten der großen Lotosblätter. "Man sagt in China, solche Goldfische würden über hundert Jahre alt", erzählt Wang. Aber er scheint selbst nicht recht daran zu glauben. Tom möchte lieber frei wie ein Seefisch sein. Er schaut sehnsüchtig über die Dächer des Innenhofes. Nur an einer Seite ragen die Dächer von Nachbargebäuden herüber. Sonst ist nur ein viereckiges Stück Himmel zu sehen. Die ganze Wohnanlage ist von einer hohen Mauer umgeben. Kein einziges Zimmer hat ein Fenster, welches nach außen führt. Es gibt nur eine Tür, und die bewacht der Kaimendi.

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Langeweile und Zeitvertreib

Der Hausherr läßt sich nicht wieder sehen. Keine Frau, keine Kinder scheinen hier zu leben. Tom möchte weitere Räume des Hauses kennenlernen, will aber nicht wieder unhöflich sein. Als Gäste des Hauses können sie die Ahnenhalle jederzeit betreten. Sie ist ein Durchgangsraum zum hinteren Hof. Aber sie enttäuscht Tom. Sie ist ein Raum wie Gast= und Empfangszimmer auch, nur größer und höher, dunkler und leerer. Sie enthält nichts als den Altar, einen schlichten Tisch, auf dem die Ahnentäfelchen aufgestellt sind, schlichte Holzbrettchen mit den Namen teurer Verstorbener. An der Wand dahinter hängt ein auf Seide gemaltes Bild eines erlauchten Ahnen, rechts und links davon Spruchbilder: je vier chinesische Schriftzeichen, mit schwarzer Tusche auf rote Seide gemalt. "Kannst du das lesen?" fragt Tom. Wang zeigt mit dem Finger auf die einzelnen Bildzeichen und liest: Kin yü man tang Goldfische füllen den Teich Kin yü man tang Gold, Edelsteine füllen die Halle. "Bitte, noch mal!" sagt Tom. Wang liest noch mal. "Aber du sprichst zweimal dieselben Wörter, und die Bildzeichen rechts und links sind verschieden!" "Das ist das Geheimnis der chinesischen Sprache.

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Dasselbe Wort, mit einem andern Ton gesprochen, hat eine andere Bedeutung. Die Nordchinesen haben vier, wir Kantonesen neun verschiedene Töne. Yü kann Fisch heißen; mit einem leicht veränderten Ton gesprochen bedeutet es aber auch Edelstein oder Edelsteine. Tang heißt - mit verschiedenem Ton gesprochen - entweder Teich oder Halle!" "Wer das lernen will, muß wohl sehr musikalisch sein", meint Tom. "Anders ist es mit unserer Schrift. Ihre Zeichen sind eindeutig. Es sind Bilder. Sieh her! Dieses Zeichen Tang ist eine Halle = der Fußboden, das Zimmer und ein Dach." Tom staunt. Solange er nichts Besseres zu tun hat, will er diese beiden Sprüche lernen. Die Aussprache und die Schrift. Kin yü man tang. Kin yü man tang. Er läßt sie sich von Wang so oft vorsprechen und vorschreiben, bis er sie kann. Nicht nur mit Bleistift, zuletzt auch mit Pinsel und Tusche, die sie im Schreibzimmer finden. Der Hausherr ist nicht mehr in diesem Zimmer. Ob er das Haus verlassen hat? Als sie in ihr Zimmer zurückkehren, liegen ihre Uhren auf ihren Betten. Es ist schon nach 17 Uhr. Bald wird es dunkel werden. "Und dann...?" fragt Tom. "Dann werden wir mit den Hühnern zu Bett gehen. Elektrisches Licht gibt es in chinesischen Dörfern nicht. Die Öllampen brennen allzu trübe ..." Der Diener ruft sie in den Speiseraum an den gedeckten Tisch. Nun sind es dreißig Gerichte. Das leckerste sind Bambusschößlinge und gebratene Haut vom Spanferkel. Sie trinken einige Gläschen lauwarmen Reiswein dazu. Um halb sieben liegen sie auf den Bambusmatten ihrer Diwane. Der Mond scheint in den Innenhof. Ab und zu bellt in der Ferne ein Hund. Sonst ist es ganz still. Tom sagt noch immer die Sprüche vor sich hin. Kin yü man tang. Kin yü man tang. Wenig später liegen beide Jungen in tiefem Schlaf.

Nächtliche Überraschung

Heftiges Klopfen an der Außentür und laute Rufe "Kaimendi! Kaimendi!" bringen die Dienerschaft des ganzen Hauses auf die Beine. Auch Tom und Wang liegen horchend wach. Jemand eilt mit einer Sturmlaterne über den Innenhof, in den der Mond noch lange Schatten wirft. "Ich glaube", sagt Wang freudig erregt, "wir werden..." "Ihr seid frei!" Der Hausherr steht plötzlich mitten in ihrem Zimmer. Die Sturmlaterne des nachfolgenden Dieners wirft gespenstische Schatten auf sein Gesicht. Auch zu dieser nächtlichen Stunde trägt er seine dunkle Brille. "Ihr müßt sofort aufbrechen! Meine Sänftenträger sollen euch an den Ostfluß bringen. Von dort könnt ihr mit einem Flußboot bequem weiterreisen." Die Jungen springen von ihren Betten auf. "Nun paßt gut auf, was ich euch sage! Wenn ihr bis an den Fluß mit keinem Menschen sprecht, niemanden fragt, wie die Orte am Wege heißen und niemandem sagt, woher ihr kommt, so sollt ihr für eure Unbequemlichkeiten jeder 300 Dollar haben. Nur eine Bedingung müßt ihr noch erfüllen: Bis der Tag anbricht, müßt ihr wieder eine Augenbinde tragen. Ich werde sie euch selbst anlegen.

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Tom lernt chinesisch schreiben

Was man in China schreiben nennt, ist in Wirklichkeit ein Malen mit Pinsel und Tusche. Haardünn ist die Spitze des Pinsels. Man mahlt damit nicht nur die dicken Striche der chinesischen Zeichen, sondern auch die ganz feinen Nebenstriche und Pünktchen. Am besten geht es, wenn Du den Pinsel genau senkrecht hältst". ,,Das Malen von Schriftzeichen gilt in China als die höchste Kunst. Schönschreiber ist ein hochangesehener Mann."

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Der Vormann der Träger wird sie euch beim fünften Trägerwechsel wieder abnehmen." Tom weiß nicht, worüber er sich mehr freuen soll, über die schnelle Befreiung, oder über die 300 Dollar. Vor Freude kneift er Wang in den Arm. Willig lassen sie sich die Binden wieder anlegen. - Vor dem Tor besteigen sie bereitstehende Sänften. Die Träger laufen Trapp. Hä ho, hä ho. Manchmal lehnt Tom schwer gegen die Rücklehne der Sänfte, manchmal rutscht er nach vorn fast vom Sitz. Es geht bergauf und bergab. Die Nacht ist warm. Tom riecht den Schweiß der Träger. An ihren Stimmen erkennt er, daß die Sänfte vorn und hinten von je zwei Mann getragen wird. Andere laufen ohne Last nebenher oder tragen das Gepäck. Alle zehn Li, d. h. nach etwa einer Stunde Weges, ist Trägerwechsel. Dabei wird die Sänfte nicht einmal abgesetzt. Aber Tom spürt, wie die Bambustragstangen auf andere Schultern gelegt werden. Er zählt die Wechsel. Nach dem dritten wird es kühler. Sind sie höher in die Berge gekommen, oder ist es die Kühle vor der Morgendämmerung? Tom denkt an nächtliche Zeltfahrten in der Heimat. Dabei muß er eingenickt sein. Beim Stolpern eines Trägers wacht er wieder auf.

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Hat er einen Wechsel verschlafen? Plötzlich lautes Rufen "Haula, tschifandi!" Das Wort hat Tom gestern beim Essen gehört. Die Sänfte wird abgesetzt. Tom streckt seine Beine. Ihm schmerzen die Knie. Der Vormann nimmt ihm die Binde ab. Wang sitzt in seiner Sänfte neben ihm. Sie lächeln sich an, aber sie sagen kein Wort.

Mit der Sänfte auf Bergpfaden

Es ist halb sechs. Die Sonne muß eben aufgegangen sein. Wie ein glutroter Ball steht sie rechts über den Bergen. Nur der Vormann bleibt bei den Jungen. Die Träger eilen in eine einsame Herberge am Bergweg. Sie haben ihren Reis und eine Schale Tee wohl verdient. Ein Träger bringt Reis und Tee für Tom und Wang an die Sänfte. Nach zehn Minuten geht es schon weiter. Toms Sänfte ist vorn, Wangs Träger folgen etwa fünfzig Meter hinterher. Der Bergpfad ist nicht mehr als einen Männerfuß breit. Wenn er besonders steil ist, sind die Felsplatten zu Stufen geordnet. Die Träger haben nur Strohsandalen unter den bloßen Füßen. Ihre kurzen grauen Jacken kleben auf den schweißtriefenden Rücken. Sie tragen unter dem Strohhut ein Schweißtuch um die Stirn, damit der salzige Schweiß nicht in die Augen rinnt.

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Beim zweiten Trägerwechsel nach dem Frühstück ziehen sie die Jacken aus. Tom staunt über ihre wohlgeformten braunen Rücken. An einem Bergbach setzen sie die Sänften einmal wieder auf den Boden. Schlürfend trinken sie das kühle Naß aus hohlen Händen. Der Vormann nutzt die Unterbrechung, um ein Sonnendach auf die Sänften zu zaubern. Mit geübten Händen befestigt er ein weißes Stück Tuch an schnell geschnittenen Bambusstäben. Tom holt sich indessen seine Sonnenbrille aus seinem Koffer. Später umgehen sie ein größeres Dorf auf Seitenpfaden. Hier sind nasse Reisfelder, die für die zweite Ernte mit Büffeln gepflegt werden. Fast bis zum Bauch versinken die Büffel im Schlamm. - Um die Mittagszeit machen die Träger eine mehrstündige Pause. An einem Bergpaß steht einsam eine Wohnanlage, die ähnlich wie das Haus des Bandenführers gebaut ist. Erst im Innenhof werden die Sänften abgesetzt, das Außentor wird wieder geschlossen. Nachdem die Träger ihren Reis mit etwas Gemüse und Sojasoße gegessen haben, ziehen sie sich in die Schlafräume am Außenhof zurück. Für Tom und Wang trägt der Vormann das Essen im Gastzimmer auf. Hier strecken sie auf Bambusbänken ihre Beine. Tom rechnet nach, wieviel Li sie schon gemacht haben mögen; etwa fünfzig waren es bis zum Frühstück, weitere 60 bis zur Mittagspause. Ob sie wohl bald an dem Fluß sind und ihre 300 Dollar bekommen werden? Spät nachmittags endet der Weg an einem Fluß. Aber die Sänftenreise ist noch nicht zu Ende! Der Fluß hat keine Brücke. Ein flaches Fährboot liegt am Ufer, ein Fährmann ist nirgends zu sehen. In ihren Tragstühlen werden die Jungen auf das Boot gesetzt; der Vormann stakt es mit einer langen Stange auf die andere Seite. Dann geht es wieder im Trab über schmale, mit Felsenplatten belegte Pfade.

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 "Ihr seid frei!"

Auf den Bambusmatten des Räuberhauses sind Tom und Wang nach der langen Reise in der Sänfte in tiefen Schlaf gefallen. Heftiges Pochen an der Hoftür schreckt sie plötzlich auf. Der Räuberführer steht in ihrem Zimmer. Die Sturmlaterne des Dieners wirft gespenstische Schatten auf sein Gesicht.

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Büffel und Bauer beim Pflügen

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Erst nach Dunkelwerden erreichen sie einen größeren Ort. Nur aus der Tiefe einiger offener Läden dringt trübes Licht. Hunde bellen. Der Vormann klopft bei einer Herberge an. Wieder werden sie in den Hof getragen. Tom taumelt, als er Wang und dem Vormann in das Gastzimmer folgt. Eine blakende Öllampe steht auf einem staubigen Tisch. Er ist so müde, als ob er selber 100 Li gelaufen wäre. Ihm schmeckt nur die Suppe und der Tee, den Reis rührt er nicht an.

Für jeden 300 Dollar

Als Tom wieder erwacht, ist es Morgen. Ein nasses, schwarzes Borstenschwein reibt sich an seiner Bambuspritsche und jagt ihm einen jähen Schreck ein. Wang ist schon auf. Er wäscht sich mit dem heißen Handtuch, das der Vormann gebracht hat. "Guten Morgen, Tom!" sagt Wang, "das Flußboot Richtung Kanton geht in einer halben Stunde!" Draußen ist alles regennaß. Der Vormann bringt sie unter einem großen Ölpapierschirm an den Anleger. Da hocken bereits ein Dutzend Landleute, die ihre Erzeugnisse in die nächste Stadt bringen wollen, unter ihren Regenschirmen und warten auf das Boot. Von Tom, dem einzigen Weißen, nehmen sie kaum Notiz.

Das kleine Fischerboot ist schon überladen, als es angedampft kommt. Niemand steigt aus, aber viele wollen noch mit. Unter großem Geschrei und Gedränge werden auch noch die Bambuskörbe der Wartenden verstaut. Jeder setzt sich oben auf irgendwelches Gepäck. Tom hat glücklicherweise einen festen Koffer. Gut, daß er sich auch schon in Singapore auf Heins Rat einen Brustbeutel gekauft hat, in dem nun seine 75 Dollar sicher verwahrt sind. Der Vormann ist mit an Bord gekommen, aber in dem Augenblick, wo das Boot ablegt, springt er auf den Anleger zurück. Soll Tom jetzt "Tufei!" schreien und die versprochenen 300 Dollar fordern? Wang legt nur einen Finger auf den Mund. "Keine Aufregung! Sonst sind wir es, die festgenommen werden. Ich habe die 600 Dollar in der Tasche!" - Merkwürdiges Land, denkt Tom. "Ich hatte mir vorgenommen, wenigstens den Sänftenträgern ein reichliches Trinkgeld zu geben." - Trotz der Enge an Bord, die bei jeder Haltestelle noch schlimmer wird, klettert auch hier ein Eßwarenhändler zwischen den Körben herum. Sie essen Reis und Leberpasteten, kaufen sich Leitschies und Sonnenblumenkerne. Und acht Stunden später sind sie in Kanton, der Millionenstadt im Perlflußdelta, wo der Ostfluß (Tungkiang) mit Nord= und Westfluß (Pehkiang und Sikiang) zusammenfließt.

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In Kanton

Wangs Onkel ist gar nicht überrascht, als die Jungen in seinem Hause ankommen. Er hatte am Donnerstag in der Zeitung gelesen, daß sein Neffe zusammen mit einem deutschen Jungen von Piraten der Biasbucht verschleppt worden war. Aber er hatte keine Lösegeldforderung bekommen und das von Anfang an als ein gutes Zeichen angesehen. Freitag sei dann ein Telegramm von Wangs Vater aus Schanghai angekommen. "Wang und Tom frei. Rückreise Zeit lassen." - Darüber sind die Jungen sehr froh. Sie beschließen, sich einige Tage Kanton anzusehen und dann mit der Bahn nach Schanghai zu fahren. Tom ist erstaunt, wieviel Ähnlichkeit die Wohnung des Onkels mit dem Haus an der Biasbucht hat. Dieselbe Anordnung der Höfe und Zimmer! Nur gibt es hier elektrisches Licht, elektrische Ventilatoren und fließendes Wasser. Der Abort ist nicht in der äußersten Ecke des Hinterhofes neben der Küche. Wangs Tante ist eine freundliche Frau, die gut Englisch spricht. Sie hat drei Söhne und zwei Töchter. So sitzen sie bei jeder Mahlzeit zu neun um den großen runden Tisch im Speisezimmer. Dabei geht es lustiger zu als im Tufeihaus. Zum Abendessen, zwei Stunden nach ihrer Ankunft, hat der Koch bereits 40 Gerichte auf dem Tisch. Haifischflossensuppe, Vogelnestersuppe, Lotoskernsuppe, Hummern, Mandarinfisch, geröstetes Huhn, geröstete Ente, geröstete Tauben, Schinken aus Sojabohnenmehl, Ananas, kandierte Datteln, getrocknete Leitschies und daneben all die andern Gerichte, die Tom schon kennt.

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Die Tragstühle werden in einem Boot übersetzt

Gegen Abend endet der Weg an einem Fluß. Hier ist kein Haus und keine Brücke. Das Wasserist zu tief, als die Träger es durchwaten können. Tom wird in seiner Sänfte auf ein Boot gesetzt, das mit langen Stangen auf die andere Uferseite gestak wird. Ängstlich schaut Tom nach Wang aus, der in seiner sitzend zurückbleibt.

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Pagode im blutroten Abendhimmel

Überall ragen Pagoden in den glutroten Abendhimmel. Diese Türme, oft 13 Stockwerke hoch, wurden als Wahrzeichen der Tempel zur Ehre Buddhas errichtet. In vielen Pagoden kann man auf Wendeltreppen bis zur Spitze emporsteigen. Andere Türme sind massiv gebaut und tragen die einzelnen Stockwerke nur als äußere Verzierung. An den Bergpässen findet man die Pagoden ohne Tempelhallen; sie mahnen den Wanderer zum Ausruhen, wenn im frischen Abendwind die Glöckschen an den Dachecken erklingen.

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- "Die Rückkehr eines Sohnes ist ein Fest wie die " Geburt eines Sohnes", sagt Onkel Wang. Er legt Tom, der neben ihm sitzen darf, die schönsten Leckerbissen in die Reisschale. Das gilt in China als eine besondere Ehrung. Jedes Familienmitglied hat am Tisch seinen festen Platz, rechts vom Onkel die Söhne dem Alter nach, links von ihm Frau und Töchter. Die Küchenhilfe, die den Reis nachfüllt, sitzt nicht mit am Tisch. Der Koch selbst erscheint nur einmal im Speisezimmer. Auf einer großen Schüssel trägt er ein am Spieß gebratenes ganzes Spanferkel herein. Das Fleisch ist so zart, daß jeder mit den Stäbchen Stücke herauspicken kann. Zwischendurch wird erzählt. Die Mädchen schaudern, als Wang von dem nächtlichen Überfall und von der nächtlichen Sänftenreise berichtet. Als Beamter der Provinzregierung ist Onkel Wang sehr stolz auf die Veränderungen, die Kanton in den letzten dreißig Jahren durchgemacht hat. "Wir haben jetzt breitere und prächtigere Straßen als Hongkong. Als ich so alt war wie Tom und Wang, waren alle Straßen in Kanton noch so eng, daß es außer Fußverkehr nur Sänften= und Trägerverkehr gab, auch eine Einradschiebkarre, aber keine Wagen. Als ich 1919 Beamter wurde, gab es in Kanton nur sechs Kilometer befahrbarer Straßen, heute sind es viele hundert Kilometer. Mit modernen Autobussen könnt ihr schnell und billig in alle Teile der Stadt fahren."

Dr. Sun Yatsen, der "Vater der chinesischen Revolution"

Den Anstoß zur Modernisierung gab Dr. Sun Yatsen, der in der ganzen Welt als "Vater der chinesischen Revolution" bekannt ist. Er wurde 1866 in der Nähe von Kanton geboren. Solange China ein Kaiserreich war, verbrachte er viele Jahre im Ausland. 1911 wurde er zum ersten Präsidenten der Republik China gewählt.

Tom hat sein Bild sicher auf chinesischen Briefmarken gesehen. Dr. Sun ist 1925 - leider ohne seine Pläne verwirklicht zu haben - gestorben. Ihm zu Ehren haben wir in Kanton die Sun=Yatsen=Gedächtnishalle gebaut, in der zehntausend Menschen Platz finden. Montag morgen müßt ihr dahin gehen. Jeden Montagmorgen ist eine Gedächtnisfeier, bei der Dr. Suns Vermächtnis an das chinesische Volk verlesen wird: China, sei einig! China, sei stark! China, modernisiere dich! Nach dem Essen spielt die Familie Mah=Jongg, ein Kartenspiel mit 132 Karten. Aber die "Karten" braucht man nicht in der Hand zu halten, man stellt sie vor sich auf den Tisch. Sie haben die Größe von Dominosteinen und bestehen aus Elfenbein. Am schönsten findet Tom das Mischen der Steine. Dabei werden sie mitten auf dem Tisch von 8 Händen durcheinander gemischt. Das gibt ein lustiges Geklapper. Als Tom ein heißes Bad genommen hat, ist die Familie in der Ahnenhalle versammelt. Vater Wang schlägt einen Gong, dann zündet jedes Familienmitglied ein Bündel Räucherkerzen an und steckt es in das bronzene Räuchergefäß, das vor dem Altar steht.

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Flug zu den Zuckerhutbergen?

Tom und Wang sind in dem Gastzimmer links am Innenhof untergebracht. Großartig sind die vielen auf Seide gemalten Bilder, die an den Wänden hängen. Nicht wie unsere gerahmten Bilder - jahraus, jahrein an derselben Stelle. Chinesische Rollbilder werden oft ausgewechselt, im Frühling und Sommer, Herbst und Winter, bei Freude und Leid, Fest und Feier. Ein hölzerner Rollstab in der unteren Kante der Seidenbahn strafft die Bilder, wenn sie hängen. Um die Rolle kann das Bild schnell und ohne Schaden zu nehmen aufgerollt werden, wenn es im Schrank aufbewahrt werden soll. Wangs Onkel hat besonders Landschaftsbilder aus allen Teilen Chinas gesammelt. Da hängen Bilder mit Bambuswäldern und Apfelsinenbäumen aus dem Süden und Landschaften mit Kiefern und Schnee aus dem Norden. Merkwürdig ist die Art, wie chinesische Maler Wellen und Wolken, Tiere und Menschen, Geister und Götter darstellen.- Was Tom am meisten auffällt, ist die Form, die die Berge auf vielen Bildern haben.

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Chinesische Reisende auf einem Anleger

Auf dem Anleger am Ostfluß hocken bereits ein Dutzend Landleute, die ihre Erzeugnisse in Bambuskörben auf den nächsten Markt bringen wollen. Von Tom, dem einzigen Weißen hier, nehmen sie kaum Notiz. "Das Dampfboot wird schon voller Menschen sein", sagt Wang. "Sobald es anlegt, müssen wir hinaufspringen, sonst kriegen wir keinen Platz!"

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Familie am Abendtisch

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"Die sehen ja aus wie grüne Zuckerhüte!", sagt er, "gibt es in China wirklich solche Berge?" Onkel Wang lächelt. "Solange du das Tschektaigebirge nicht gesehen hast, wirst du es nicht glauben... Aber vielleicht läßt sich das möglich machen! Unsere Provinzregierung läßt an der Grenze gegen die Nachbarprovinz Kwangsi gerade Luftbildaufnahmen für eine neue Landkarte machen... Wollt ihr es euch einige Dollars kosten lassen, wenn eine Maschine euch auf einen Flug dahin mitnimmt?" Tom und Wang sind Feuer und Flamme für den Plan, auch Wang Tschi=ping hat den Tschektaischan noch nicht gesehen. "Ein Flug über den Tschektaischan! Das wäre eine Sache!" Vor Erregung können sie kaum einschlafen.

Tom schreibt an Vater und Mutter über Kanton

Von ihrer Stadtrundfahrt am nächsten Tag kehren sie so zeitig zurück, daß Tom noch einen langen Brief schreiben kann, bevor der Onkel mit der sehnlichst erwarteten Nachricht heimkommt.. . Frau Wang erlaubt ihm, die Schreibmaschine zu benutzen, die im Schreibzimmer steht. So kann Tom einen Durchschlag an seinen Vater und einen an seine Mutter schicken. Leider hat die englische Schreibmaschine kein ä und ü und ö.... und nach unserer Befreiung hat Wangs Onkel in Kanton uns freundlich aufgenommen. Heute habe ich mit Wang Tschi=ping und einem seiner Vettern, Wang Hsi=ling, Kanton angesehen. Wir waren in der alten Chinesenstadt Saikwan, auf der Insel Schamin (dem frueheren Fremdenviertel) und in dem modernen Wohnviertel Tungschan. Im buddhistischen Walamtempel, der schon im Jahre 518 n. Chr. Gegruendet wurde, sitzen 500 ueberlebensgroße vergoldete Nachbildungen von Schuelern des großen Buddha. Unter ihnen ist auch Marco Polo, der erste Europaeer, der nach China kam.

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Dieser Reisende aus Venedig war von 1275 bis 1292 am Hofe des Mongolenherrschers Kublai Khan, der damals ueber China regierte. Man kann Marco Polo leicht herausfinden aus den 500 Buddhaschuelern. Alle andern haben Schlitzaugen und bartlose Gesichter. Er hat als einziger runde Augen und einen Bart. Ich habe ein Photo von ihm gemacht. Hoffentlich ist es gelungen, in der Halle war es ziemlich dunkel. In der alten Chinesenstadt hat die Geschicklichkeit chinesischer Handwerker großen Eindruck auf mich gemacht. Sie arbeiten in Laeden, die nach der Straße ganz offen sind. Ich haette den Schirm= und Faechermachern, den Holz= und Elfenbeinschnitzern, den Silber= und Goldschmieden stundenlang zusehen können! Unerklärlich ist es mir, warum Handwerker des gleichen Gewerbes oft straßenweise zusammenwohnen. In einer Straße Haus an Haus nur Elfenbeinschnitzer, in einer anderen nur Faechermacher oder nur Silberschmiede. Ob sie gar keine Furcht vor gegenseitiger Konkurrenz haben? Bei uns wuerden sie moeglichst weit auseinander ziehen. Die kleine kuenstlich aufgeschwemmte Insel Schamin war nach 1859 fast hundert Jahre lang das Fremdenviertel von Kanton.

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Sie hat am Perlflußufer eine herrliche Promenade mit knorrigen alten indischen Feigenbaeumen. In fast jedem Garten sind Tennisplaetze fuer die Angestellten der fremden Konsulate und Firmen. Wang hat mir das Gebaeude gezeigt, in dem bis 1945 das deutsche Generalkonsulat war. Zu Schamin gibt es nur zwei Zugaenge, zwei Bruecken ueber den Kanal, der die Insel von der uebrigen Stadt abtrennt. Auf dem Kanal liegen Hunderte von den beruehmten Kantoner "Blumenbooten". Das sind schwimmende Restaurants mit Singsongmaedchen und Zauberkuenstlern, in denen sich reiche Kaufleute nachts amuesieren. Die 200 Meter lange Perlflußbruecke aus Stahl und Beton sahen wir vom Autobus aus, als wir nach Tungschan fuhren. Hier ist nach Sun Yatsens Tod ein neues Regierungs- und Wohnviertel aufgebaut worden. Das Ministerialgebaeude, in dem Wangs Onkel arbeitet, ist im Stil alter chinesischer Tempel gebaut. Wir wollten mit Onkel Wang im Auto zurueckfahren - leider war er schon weg. In Tungschan haben wir auch einen Blick in ein Heim fuer Aussaetzige getan. Welch schrecklicher Anblick! Waehrend den Leprakranken die Glieder abfaulen, schwillt ihr Kopf dick auf.

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Straße im alten Kanton

Seit 20 Jahren gibt es in Kanton kaum noch eine Straße, die den engen Gassen des alten Kanton ähnlich sieht. Die modernen Straßen sind breit und können von Fahrzeugen aller Art befahren werden. In den alten Gassen gab es nur Fußgänger, Sänften und Lastenträger. Die Sänftenträger mußten sich mit lautem Geschrei einen Weg bahnen, die Handwerker arbeiteten vor ihren Türen und zahllose Sonnenschutzdächer hielten alle Sonnenstrahlen fern.

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Tom vor dem Bildnis des Marco Polo

Unter den 500 überlebensgroßen vergoldeten Nachbildungen buddhistischer Heiliger im Walam-Tempel zu Kanton hat Tom die Statue Marco Polos bald gefunden. Tom fühlt sich irgendwie verwandt mit diesen ersten Weltreisenden aus Venedig, der schon vor rund 700 Jahren nach China kam. Marco Polo ist mit runden Augen und einem Bart dargestellt, während all die anderen Bildnisse Schlitzaugen und bartlose Gesichter haben. Von den Opfergefäßen zu den Füßen der Heiligen steigt süßlich duftender Weihrauch auf. Dumpf dröhnen die Gongs der großen Tempelhalle.

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Mutter braucht keine Angst zu haben, daß ich nicht vorsichtig bin. Ich habe mich schon in respektvoller Entfernung gehalten. Die europäischen Missionare in dem Heim schuetzen sich durch aeußerste Sauberkeit. Waehrend ich dies schreibe, warten wir immer noch auf die Heimkunft von Onkel Wang. Wir sind sehr begierig zu hoeren, ob er uns eine freudige Nachricht bringt. Vielleicht duerfen wir morgen einen Flugtrip ueber das Tschektaigebirge (200 km von Kanton!) machen. Uebermorgen wollen wir dann mit der Kanton-Hankau=Bahn nach Schanghai fahren. Ich hoffe, daß es Euch ebenso gut geht wie mir! Viele herzliche Grüße Euer Tom PS. Wir fliegen morgen!!!

Toms erster Flug

Eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit sind Tom und Wang am Tor des Scheh=Peh=Flugplatzes. Davor stehen zwei chinesische Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett Wache. Onkel Wangs Empfehlungsschreiben wird eingehend geprüft . .. Sie dürfen passieren. Ihre Maschine steht schon auf der Rollbahn. Der chinesische Pilot macht eine Motorprobe. Hut festhalten! Sonst kommt er in den Sog. Nach einer Runde über der Stadt folgt die Maschine dem Nordfluß. Auf seinem Silberband blähen sich die Segel von tausend Dschunken. Beiderseits sind Reisfelder. Reisfelder aller Größen und Formen, in den Tälern und auf den Berghängen. Ein riesiges unregelmäßiges Mosaik, eingefaßt von den grünen Streifen der Bewässerungsdämme. Dazwischen Dörfer in Bambushainen. Da ist die Bahn, mit der sie morgen nach Norden fahren werden. Der Pilot geht ganz tief herunter. Auf Bahnhöfen können sie wartende Menschen erkennen. Dann steigt die Maschine. Tom hält sich fest, wenn sie in eine Lufttasche sackt.

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Nun folgen sie einem Nebenfluß nach Westen. Bald tauchen zwischen den Reisfelderebenen die Zuckerhutberge auf. Ihr schwarzes Felsgestein ist teilweise von Bambusdickicht überwuchert. Der Höhenmesser zeigt jetzt 500 Meter. Die Bergkegel müssen bis 300 Meter hoch sein. "Genau wie auf den Bildern!" sagt Tom, "aber noch viel großartiger, als ich gedacht hatte." Nun macht der Photomann seine Aufnahmen. Die Maschine fliegt auf genau bestimmtem Kurs hin und her. Sie können die Tschektaiberge von allen Seiten beobachten. Auch Tom macht aus einem Seitenfenster eine Aufnahme.

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Mit der Bahn nach Norden

Zwölf Stunden nach ihrer Landung sitzen sie in einem Schlafwagenabteil der Kanton-Hankau=Eisenbahn. Die ganze Familie Wang steht auf dem Bahnsteig, sie zu verabschieden. Die Eßkörbe, die ihnen mitgegeben worden sind, füllen ein ganzes Bett. Vetter Hsi=ling reicht noch einen Bambuskorb mit Früchten zum Fenster herein. Sie werden kaum alles aufessen können, auch wenn die Fahrt nach Schanghai 72 Stunden dauert. Überdies ist ein Speisewagen im Zug, und der Teeboy des Schlafwagens serviert den Tee bereits, bevor sie Abschied gewinkt haben. Gott sei Dank sind sie in dem Abteil allein. Die oberen Betten bleiben frei. Sie durchfahren die Reisfelderlandschaft, die sie gestern überflogen haben. Gut, daß in jedem Eßkorb auch ein großer, fester Bambusfächer steckt, mit dem sie sich Luft zufächeln können! Alle Fenster bleiben weit offen. Von Pahongkau ab folgt die Bahn 10 Stunden lang dem linken Ufer des Nordflusses. Die Reisfelderebenen an beiden Ufern werden immer schmäler, bis die Berge direkt an den Fluß herantreten. Jetzt gibt es lange Tunnels und viele Brücken über Nebenflüsse.

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Chinesen beim Mah-Jongg-Spiel

In der Regel wird Mah-Jongg von vier Personen gespielt. Wenn nur drei Spieler teilnehmen, werden die 144 dominoartigen Steine auch in vier "Mauern" aufgebaut, aber eine bleibt "blind". Mit Mah-Jongg können sich die Chinesen tage- und nächtelang die Zeit vertreiben. Besondere Glückssteine, der "Ostwind", der "Rote Drache" oder der "Grüne Drache" verdoppeln, vervierfachen oder verachtfachen den Einsatz.

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Gaukler auf einem Amüsierboot

Das Fremdenviertel Schamin ist vom übrigen Kanton durch einen Kanal getrennt. Nur zwei Brücken führen hinüber. Zwischen den Brücken liegen viele überdachte "Blumenboote". Das sind schwimmende Restaurants mit Singsongmädschen und Zauberkünstlern. Sie balancieren Teller auf Mund, Nase und Händen und zeigen allerlei andere Künste.

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Bei Tschiutschau überquert die Bahn auf einer langen Brücke den Nordfluß selbst, um sich fortan am rechten Ufer entlangzuwinden. Über die Brücke fährt der Zug im Schneckentempo. Ein Bogenstück der Betonkonstruktion fehlt. Es ist durch zitternde Holzgerüste ersetzt, an denen noch Hunderte von Chinesen arbeiten. "In Deutschland wäre eine solche Brücke polizeilich gesperrt", meint Tom. Wang atmet auf, als sie hinüber sind. Bei Locktschong hängen die kahlen, dunklen Felsen auf beiden Ufern in den schmalen, reißenden Fluß. "So sieht unser Rhein bei Bacharach aus", sagt Tom, "nur fehlen hier die Weinberge und Burgen." Wang studiert die Karte. "Nun kommen wir bald an den Tschinglingpaß, der die Grenze zwischen den Provinzen Kwangtung und Hunan bildet. Die Provinz Hunan wird von den Chinesen die ,Reisschale Chinas' genannt. In Hunan wächst mehr Reis als in irgendeiner unserer 31 Provinzen." Tom ist müde und liegt fächelnd auf seinem Bett. Zehn Stunden Fahrt und immer noch dieselbe Provinz! Langsam geht es ihm ein, wie groß China ist. "Eine Provinz in China, das ist wie ein Land in Europa, wie Deutschland, Frankreich, England", meint er. Er fragt Wang, was die Provinznamen bedeuten, Kwangtung und Kwangsi, Hunan und Hupeh. "In diesen Provinznamen stecken die vier wichtigsten chinesischen Wörter, tung Ost, si = West, nan = Süden und peh = Norden. Mit diesen vier Wörtern oder Silben kannst du Tausende chinesischen Ortsnamen erklären. Kwang heißt breit, und hu heißt See. Kwangtung ist die breite östliche und Kwangsi die breite westliche Provinz. Hunan liegt südlich von einem großen See und Hupeh nördlich davon. Es gibt auch die Provinzen Honan und Hopeh. Ein ho ist ein Fluß. Honan liegt südlich und Hopeh nördlich von dem Gelben Fluß, den ihr in Deutschland Hoangho nennt.

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Wir Chinesen sagen Hwangho." Bis zum Tschinglingpaß stöhnt die Lokomotive "Kann's nicht schaffen, kann's nicht schaffen." Danach geht es mit "Komm mit, komm mit!" in das Laihotal in die Provinz Hunan hinein. Wieder einmal sieht Tom eine blutrote Sonnenscheibe hinter Bergen und fernen Pagoden versinken. Der Teeboy füllt neue Teeblätter und heißes Wasser in ihre Tassen und dreht das elektrische Licht an. Die Jungen essen zu Abend und strecken sich dann auf ihren Betten. Sie sind noch immer zu zweien im Abteil. Bevor sie einschlafen, verriegeln sie die Abteiltür von innen. Wer etwas von ihnen will, mag klopfen!

Geheimnisvoller Eindringling

Sie haben das Licht brennen lassen, damit es die Moskitos fernhält, die im Dunkeln auch im fahrenden Zug ihre Opfer suchen. Eintönig rattert der Zug dahin. Dann ist plötzlich das Licht aus! Leise öffnet sich die verriegelte Tür und wird ebenso leise wieder geschlossen. Im fahlen Schein des von außen einfallenden Mondlichts erkennen sie einen Mann im Ischang, der schwer atmend mitten zwischen ihren Betten stehenbleibt. Den Jungen schlägt das Herz bis zum Hals. Sie haben beide ihre Hand am Brustbeutel und denken an die Nacht auf der "Suiwo". Der fremde Eindringling steht regungslos.

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Er atmet noch einmal ganz tief und sagt dann mit gespenstischer Stimme: "U yüo tschu u - yüo hang men - hengschan miaotschien tsang kankan." Tom läuft es kalt über den Rücken. Leise wie er kam, verschwindet der Fremdling wieder. Das Licht geht wieder an, und der Riegel ist innen wieder vor der Tür. Tom springt auf und rüttelt die Tür. Sie ist tatsächlich verschlossen! "Hab' ich alleine geträumt, oder hast du es auch mit geträumt?" fragt er Wang. Der lächelt. "Das war eine Botschaft von Hunans heiligem Berg Höngschan." Und dann wiederholt er mit derselben gespenstisehen Stimme die Worte des Fremdlings auf Deutsch: "Wer am fünften Tag des fünften Monats durch das Mondtor des Höngschanberges schaut, der wird auch das Goldstaubland sehen." - Wang glaubt, daß der Eindringling ein Mönch vom Höngschanberge gewesen sei, der auf Wallfahrten die Künste indischer Fakire gelernt hat. "Das Goldstaubland ist Osttibet, und der fünfte Tag des fünften Monats, nach dem altchinesischen Mondkalender gerechnet ist... ,Wang kriegt plötzlich selbst einen Schreck'... ist morgen!" Jetzt kommen sie noch lange nicht zum Schlafen. Wang muß Tom noch vieles erzählen. Von den fünf heiligen Bergen der Buddhisten in China.

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Die Zuckerhutberge

Als Tom diese Berge zuerst auf Bildern sah, wollte er es einfach nicht glauben, daß es solche eigenartigen Bergformen in Wirklichkeit geben könnte. Aber mit Hilfe von Wangs Onkel konnte er einen Flug über den Tschektaischen machen und feststellen, daß es tatsächlich diese Zuckerhutberge gibt. 200-300 Meter ragen die dunklen Felskegel aus der Reisfelderlandschaft heraus. Zum Teil sind sie mit Bambusdickicht bewachsen.

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Die Familie verabschiedet Tom und Wang auf dem Bahnhof

Die Zugfahrt von Kanton nach Shanghai dauert 72 Stunden. Die ganze Familie des Onkels kommt mit auf den Bahnsteig, um Wang und Tom zu verabschieden. Der Chauffeur reicht ganze Körbe von Eßwaren und Obst durch das Fenster in das Abteil. Dabei hat der Zug einen Speisewagen, und der Tee in ihrem Abteil ist schon serviert.

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EMPFEHLUNGSBRIEF EINES HOHEN WÜRDENTRÄGERS

Von Buddha, dem indischen Prinzen, der 500 Jahre vor Christus Jünger um sich sammelte und eine neue Religion lehrte. Von dem heiligen Berge Höngschan, der 1000 Meter hoch ist und nicht weit von der Bahnstation Höngschanhsien entfernt ist, wo ihr Zug morgen früh um 8 Uhr halten wird. Tom ist sofort entschlossen, die Eisenbahnfahrt zu unterbrechen und den Tempel mit dem Mondtor zu besuchen. Er ist nicht abergläubisch, aber die Aussicht, später auch nach Tibet zu kommen, ist gar zu verlockend. Wang willigt nur zögernd ein. "Unsere Eltern in Schanghai werden noch einen Tag länger warten müssen .. ."

Auf den heiligen Berg Höngschan

In Höngschanhsien steigen sie nicht allein aus. Etwa ein Dutzend Männer und Frauen wollen die Pilgerfahrt auf den Höngschan machen. An der Bahnhofssperre schreien Sänftenträger auf sie ein, die sie den 35 Kilometer langen Weg hin= und zurücktragen wollen. Wang wird mit einer Trägergruppe von zehn Mann schnell handelseinig. "Übernachtung im Mondtempel und morgen so zeitige Rückkehr, daß wir mit dem Zug um 8 Uhr weiterfahren können." Am Pilgerweg sind zahlreiche Tempel. Große Anlagen mit vielen Mönchen und Gebäuden und einsame

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Der Zug passiert eine wackelige Brückenbaustelle

Atemlos stehen Tom und Wang am Abteilfenster. Der Zug rollt im Schneckentempo über eine hohe Brücke des Nordflusses. In der Betonkonstruktion fehlt ein Bogenstück. Es ist durch zitternde Holzgerüste ersetzt, an denen Hunderte von Chinesen noch arbeiten. "In Deutschland wäre eine solche Brücke polizeilich gesperrt", sagt Tom. Wang atmet erleichtert auf, als ihr Wagen die gefährdete Stelle passiert hat. "China hat zu wenig Eisenbahnen, als daß der Zug über eine andere Strecke umgeleitet werden könnte", fügt Wang entschuldigend hinzu.

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Bergklausen mit Eremiten (Einsiedlern). Bei jedem Tempel setzen die Träger ab. Die Pilger machen ihre Kotaus (tiefe Verbeugungen) vor den Götterbildern, verbrennen Räucherkerzen und lassen sich von den Mönchen Tee servieren. Dumpf tönen Gongs in die wundersame Ruhe der Tempelhöfe. Leise plätschert kühles Bergwasser aus Bambusleitungen in mächtige, steingefaßte Wasserbecken. In der Sonne leuchten die gelbglasierten Ziegel der mächtigen, geschwungenen Dächer wie Gold durch das dunkle Grün der Tempelhaine. Die meisten Tempel sind aus Holz gebaut. Bei einem aber ruht das Dach auf mächtigen Steinsäulen. So hat Tom sich griechische Tempel vorgestellt. Der mit Felsplatten belegte Pilgerpfad führt immer nach Westen, aber nicht geradewegs. Stundenlang sehen sie den Mondtempel auf dem Gipfel des Höngschanberges vor sich, in Serpentinen windet sich der Pilgerweg bergan. Genau 2000 Kilometer weiter nach Westen liegt Lhasa, die heilige Stadt von Tibet. .. Die Sänftenträger schwitzen und stöhnen in der Hitze des Mittags. Gequält klingt ihr Hä ho. Hä ho. Tom und Wang gehen lieber zu Fuß nebenher. Herunterkommende Pilger nicken ihnen freundlich zu. Bettelmönche in zerlumpten Gewändern halten ihnen ihre Bettelschalen entgegen und verbeugen sich tief, wenn sie eine Kupfermünze bekommen. Am Tor des Mondtempels begrüßt sie ein Mönchschüler, der höchstens 10 Jahre alt ist. In seinem kahlgeschorenen Haar sind die sechs Brandmale der Weihe. Die älteren Mönche tragen hohe Filzmützen. Im Wirtschaftshof bekommen Tom und Wang Tee und Reis mit Bohnenkuchen. Fleisch wird in buddhistischen Tempeln nicht gegessen. Denn Buddha hat gelehrt, daß kein lebendes Wesen getötet werden darf - auch kein Moskito. Zur Übernachtung wird ihnen eine leere Mönchszelle zugewiesen. Auf dem Wege dahin begrüßt sie der Abt mit einer stummen Verbeugung. Vom Fenster der Zelle haben sie eine großartige Aussicht nach Westen auf die Berge von Hunan.

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Bei Sonnenuntergang schwillt das Gedröhn der Gongs zu einem dumpfen Brausen an. Die Mönche hocken in langen Reihen vor der großen goldenen Buddhafigur und sprechen murmelnd das große Gebet: "O mi to fo, O mi to fo, O mi to fo", "O du großer Gott der Barmherzigkeit". Dabei gleiten die Kugeln ihrer langen Gebetsketten durch ihre Finger. Tom und Wang haben stumm im Hintergrund der großen Gebetshalle gestanden. Plötzlich zupft ein Mönch an ihren Ärmeln und bedeutet ihnen, ihm zu folgen. Sie kommen in einen inneren, bisher verschlossenen Hof. Das Mondtor! In dem Augenblick, wo alle Gongs schweigen und das Gemurmel der Mönche aufhört, steht der rote Feuerball der Sonne mitten im runden Tor und füllt ihn ganz aus. Ein unvergleichliches Schauspiel! Stumm schauen sie zu, bis die Sonne ganz versunken ist. Schnell wird es dunkel und kühl. Das Gedröhn der Gongs und das Gemurmel der Betenden setzt wieder ein. "O mi to fo! O mi to fo!" Sie schlagen nach keinem Moskito. - Es ist noch kühle Nacht, als der Trägervormann an ihre Zellentür klopft und sie weckt. Stumm führt er sie noch einmal an das Mondtor, in dem jetzt der volle Mond steht. Dann geht es in rasendem Tempo den Berg hinab.

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Tom und Wang laufen wieder, aber sie können den Trägern mit den leeren Sänften kaum folgen. Um 8 Uhr sitzen sie wieder im Zug. Niemand hat mehr von Goldstaubland gesprochen. Aber die Jungen ahnen, was für eine ferne fremde Welt Tibet ist. Ihr Wunsch, dahin zu kommen, ist nicht schwächer geworden.

Reiches China, armes China

Die Bahnlinie, über die der Zug jetzt rollt, ist erst 1937 fertig geworden. Vierzig Jahre hat man an der Kanton=Hankau=Bahn gebaut. Wang erzählt, daß die Schienen zum Teil aus Deutschland gekommen sind. China hat kein einziges Stahlwerk, das Schienen herstellen kann. Die Kaiser von China wollten keine Modernisierung des Landes. Nach 1911 wurde der Bau von Fabriken und Bahnen durch einen 40jährigen Bürgerkrieg aufgehalten. "Dabei hat China reiche Bodenschätze. Die Kohlen= und Eisenerzlager des Landes gehören zu den reichsten der Welt. Im Höngschangebiet findet man Wolfram und Antimon. Von diesen beiden Metallen, die für die Herstellung von Glühbirnen und Drucklettern und für die Härtung von Stahl so wichtig sind, fördert China mehr als irgendein anderes Land der Welt."

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Nächtlicher Eindringling

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Pilger machen Kotau

Mit Sänften geht es hinauf zum Mondtempel auf dem heiligen Berg Höngschan. Am Pilgerweg stehen viele große und kleine Tempel. Bei jedem setzen die Sänftenträger ihre Last ab, und die Pilger machen vor den Götzenbildern ihren Kotau. Der "kleine Kotau" ist eine Verbeugung mit zusammengelegten Händen. Beim "großen Kotau" knien die Gläubigen nieder und berühren mit der Stirn den Boden. Aus den bronzenen Gefäßen vor den Götterbildern steigt Tag und Nacht der Rauch von Opferkerzen auf.

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Auf dem Bahnhof von Tschutschau, wo sie umsteigen, steht ein Güterzug. Sechzig Wagen mit Kohle, Eisenerz, Reis in Säcken, Tee und Porzellan in Kisten, Tabak und Baumwolle in Ballen, Reiswein und Kamillenöl in großen Steintöpfen. Bei Pingsiang in der Provinz Kiangsi ("westlich vom Kiangfluß") sehen sie eine der großen Kohlenminen Chinas: Fördertürme, Kokereiöfen, Eisenhütten, Wohnungen für 10 000 Bergarbeiter in chinesischer und europäischer Bauart. Nantschang, die Provinzhauptstadt von Kiangsi, war im Bürgerkrieg jahrelang das Hauptquartier von General Tschiangkeischek. Von hier aus unternahm er viele Feldzüge gegen Mao Tse=tung, den Führer der chinesischen Kommunisten, der anfangs in den Bergen von Südkiangsi seinen Machtbereich hatte. Die Provinz Kiangsi hat im Bürgerkrieg schwer gelitten. Allenthalben auf den Bergen sehen Tom und Wang noch die Felsenfestungen der Bürgerkriegsgenerale. - In der Provinz Tschekiang gibt es kaum Spuren des Bürgerkrieges. Hier ist alles friedlich und lieblich. Reisfelder, Teegärten, Plantagen von Maulbeersträuchern für die Seidenraupenzucht, Hügelhänge mit Bambus und wilden Azaleen. Viele Kanäle mit Kamelrückenbrücken, Tempel, Pagoden und Dörfer mit weißgekalkten Lehm= und Steinmauern.

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Hangtschau

Von Hangtschau, der Provinzhauptstadt, sagen die Chinesen, daß sie die schönste Stadt Chinas sei. "Wer Hangtschau gesehen hat, kann ruhig sterben", heißt ein chinesisches Sprichwort. Über den hier vier Kilometer breiten Tsientangfluß führt keine Brücke. Auf der Bootsfähre beschließen Tom und Wang, noch einmal einen Zug zu überschlagen und sich Hangtschau anzusehen. Die Fahrkarte von Kanton bis Schanghai hat nur 42 Dollar und 60 Cents gekostet. Sie haben noch viel Geld! Riesige, wohlerhaltene Steinmauern umgeben die Stadt Hangtschau an vier Seiten. Sie stammen aus der Zeit, als sie Hauptstadt des ganzen chinesischen Reiches war. Unter der östlichen Stadtmauer liegen auf dem Kaiserkanal Tausende von Sampans und Dschunken. Auf dem Kanal können sie vom Tsientangfluß bis nach Peking segeln oder getreidelt werden. 1500 Kilometer! Das ist zehnmal die Länge vom Suezkanal, zwanzigmal die Länge des Panamakanals! Das Stück des Kaiserkanals zwischen Hangtschau und dem Jangtsekiang wurde schon in den Jahren 615-18 n. Chr. gebaut.

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Am Westtor, dem "Tor des aufquellenden Goldes", mieten Tom und Wang sich ein Ruderboot für eine Rundfahrt auf dem Westsee. Hier ist auch Marco Polo von kaiserlichen Dienern herumgerudert worden, nach Tempeln und Pagoden, Inseln und Pavillons, Gärten und Brücken, Lotoslagunen und Goldfischteichen. Von den drei Pagoden in der Mitte des Sees können sie sieben Pagoden auf Uferbergen sehen. Sie haben keine Zeit, die 72 Sehenswürdigkeiten anzusehen, die Marco Polo gepriesen hat. Nur den Bergtempel "Kühler Strom" besuchen sie noch. Hier photographieren sie sich gegenseitig vor dem Felsenbild des lächelnden Buddha. Bevor sie den Hangtschau-Schanghai=Expreßzug besteigen, der sie zu ihren Vätern bringen wird, schicken sie noch ein Telegramm: ANKOMMEN SCHANGHAI NORDBAHNHOF 20.35

Fünfmillionenstadt Schanghai

Zwischen Hangtschau und Schanghai verliert sich das Bergland Südchinas in einer großen Ebene. Im Mündungsgebiet des Jangtsekiang liegt die Fünfmillionenstadt Schanghai in einer Landschaft, die so flach wie ein Tisch ist. Viele Kanäle durchziehen das fruchtbare Schwemmland, und hohe Deiche schützen es vor Überflutungen durch Flüsse und Meer. Reisfelder wechseln mit Bohnen= und Gemüse=, Hanf= und Baumwollfeldern ab. Dazwischen sind Gärten mit Maulbeersträuchern und Pfirsichbäumen und unzählige Dörfer und Städte. Nirgendwo in China wohnt die bäuerliche Bevölkerung so dicht wie in der 

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Ein Mönchsschüler bekommt die Weihe

Bei ihrer Weihe werden den Mönchsschülern sechs Kerzen auf den glattrasierten Vorderkopf gestellt und angezündet. Das Haar des Hinterkopfes hängt in einem Zopf geflochten herab. Dumpf tönen die Gongs und das Murmeln betender Mönche. Der Novize verzieht während der Zeremonie keine Miene. - Die bis auf den letzten Rest verbrennenden Kerzen hinterlassen sechs Brandmale, die bis an den Tod den Mönch an seine Weihe erinnern werden.

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Tom und Wang vor dem Mondtor

Da ist es, das Mondtor, von dem der geheimnisvolle Eindringling im Zugabteil gesprochen hat. In diesem Augenblick, wo alle Gongs schwingen und das Gemurmel der Mönche aufhört, steht der rote Feuerball der untergehenden Sonne mitten im runden Tor und füllt es ganz aus. Wang steht andächtig versunken. "Es müßte doch Sonnentor heißen!", meint Tom. Der Mönch verspricht, es ihm auch bei Mondschein zu zeigen.

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Umgebung von Schanghai. 400 Menschen kommen auf den Quadratkilometer! Dreimal im Jahr bringen die Felder eine Ernte hervor, wenn sie genügend gedüngt und bewässert werden. Bei jedem Blick aus dem Fenster sieht Tom Männer und Knaben, die Wasserschöpfräder treten. Bis zum Dunkelwerden hat Tom am Zugfenster gestanden und geschaut. Danach kann er vor Aufregung nicht sitzen. Fast ein Jahr hat er seinen Vater nicht gesehen, und gleich werden sie sich treffen, in fremdem Land. Die Lichterflut der Millionenstadt wird am nördlichen Abendhimmel schon eine Stunde vor ihrer Ankunft sichtbar. Die ersten Wahrzeichen von Schanghai sind die siebenstöckige Lungwhapagode ("die von Blumen überwachsene") und die Zikaweikathedrale, die von französischen Jesuitenmissionaren erbaut wurde. Dunkel heben sich ihre Türme vor dem Lichterschein der Stadt ab. "Von hier bis zum Stadtzentrum zieht sich die Französische Konzession hin", erklärt Wang. "Die Avenue Joffre, die schnurgerade

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Prachtstraße des französischen Stadtviertels, reicht von hier bis an den Rand der südlichen Chinesenstadt. Sieben Kilometer! Anderthalb Stunden zu laufen, falls du bei der Hitze Lust dazu hast." Am Westbahnhof am Jeßfieldpark steigen ein paar Europäer aus, die hier am Westrande der Internationalen Niederlassung ihre Wohnungen haben. Auch Tom drängt mit seinem Koffer zur Wagentür. Wang hält ihn am Arm. "Noch 15 Minuten mußt du dich gedulden .. ." Durch das dunkle Industrieviertel der nordwestlichen Chinesenstadt rollt der Zug endlich in den Nordbahnhof ein. Auf dem Bahnsteig ist entsetzliches Geschrei und Gedränge. Gepäckträger, die ihre Dienste anbieten. Hotelportiers, die freie Zimmer ausrufen. Ein Gewimmel von Chinesen, die ankommende Familienangehörige abholen wollen. Geschiebe und Gestoße. Plötzlich ein Freudenruf von Wang. Seine ganze Familie ist auf dem Bahnsteig! Vater, Mutter, Tante, drei Brüder, eine Schwester, der Chauffeur und ein Hausboy. Alle sind freudig erregt, aber niemand umarmt Wang und niemand schüttelt ihm die Hand. Tom ist verwundert... "Ist Toms Vater nicht da?" fragt Wang.

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Nein, der mußte gestern zu dringenden geschäftlichen Besprechungen nach Nanking fahren. Tom ist plötzlich ganz traurig. Aber auf dem Bahnhof der Millionenstadt ist dafür kein Platz. Er muß achtgeben, daß er die Familie Wang nicht verliert. Mit dem Gepäck finden sie nicht alle im Familienauto Platz. Die beiden jüngeren Brüder, die Schwester und der Boy fahren in einer Taxe hinterher. Tom darf im Familienwagen neben dem Chauffeur sitzen. Das Gewimmel auf den Straßen läßt Tom seine Traurigkeit vergessen. Alle Augenblicke quietschen die Bremsen, daß es ihm kalt über den Rücken läuft. Um Haaresbreite entgehen Fußgänger und Rikschas einem Unfall. Einradschiebkarren und Lastenträger zu Hunderten auch auf der Großstadtstraße. Autos in Doppelströmen rechts und links. Überholen und Einbiegen in rasendem Tempo. Dazwischen klappernde Straßenbahnen und ihr Geklingel. Quietschende Bremsen bei jeder Querstraße, wenn plötzlich das rote Licht aufleuchtet. Geschrei der Rikschakulis, die sich zwischen den wartenden Autos nach vorn schlängeln. Das Hä ho, Hä ho der Lastenträger dazwischen. Immer größer wird die Helligkeit der Lichtreklame, je näher sie dem Stadtzentrum kommen. Kaufhäuser, Restaurants, Kinos, Theater. Die Ecke Tschekiang Road/Nanking Road ist ein Teufelsspuk von Licht, Lärm und Leben. Der Pferderennplatz mitten in der Stadt liegt wie eine dunkle Oase des Schweigens mitten in diesem Getümmel. Aber das Auge kriegt auch hier keine Ruhe. Die Hochhäuser rundum sind voll unruhiger Lichtreklame. Blau und gelb, rot, lila und grün blitzt es abwechselnd auf, und Lichtschriftzeichen wechseln ohne Ende.

Im Hause Wangs

An der Avenue Road, einer etwas ruhigeren Seitenstraße der Internationalen Niederlassung, haben die Wangs ein zweistöckiges europäisches Haus mitten in einem großen Garten. Von der Straße sieht man nur eine fast doppelt mannshohe graue Steinmauer und ein ebenso hohes schmiedeeisernes Tor. Vergoldete Drachen beiderseits der Torlaterne und buddhistische

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Teegärten

In den Teegärten Chinas wird der Teestrauch ungefähr ein Meter hoch. Nur die frisch aus den Knospen tretenden Blätter werden von fleißigen Frauenhänden gepflückt und gesammelt. Zu Hause wird dann die Ernte zum Trocknen ausgebreitet. Dabei rollen sich die jungen Blätter ein, werden sortiert und sind dann für den Gebrauch in China fertig. Das fertige Getränk hat dort eine grüne Farbe. Die goldgelbe Farbe unserer Teesorten entsteht erst durch das Rösten der Tees.

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Seidenraupenzucht

Seit 2000 Jahren ist die Seide Chinas in Europa bekannt. Auf den Seidenstraßen zogen schon zur Zeit der alten Römer Karawanen, die chinesische Seide nach Europa brachten. Als Folge der chinesischen Bürgerkriege ist der Seidenbau Chinas in den letzten hundert Jahren zurückgegangen.

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Lebenszeichen zeugen von dem Reichtum des Erbauers. Als die Hupe des Familienautos dreimal in kurzen Abständen ertönt, stürzt der Kaimendi aus seinem Wärterhäuschen hervor. Erst als er im Scheine des inneren Wagenlichtes die Familie erkannt hat, öffnet er schnell das Tor. Nach der Durchfahrt wird es noch schneller wieder geschlossen. Auch auf den Straßen von Schanghai gibt es Kidnapperbanden! Oft liegen sie vor den Häusern wohlhabender Geschäftsleute auf der Lauer und holen aus wartenden oder langsam fahrenden Wagen ihre Opfer heraus. So geschah es dem Eigentümer des Hauses, in dem die Wangs jetzt billig zur Miete wohnen, weil kein Reicher mehr hineinzuziehen wagt. Vater Birkenfeldt und Herr Wang haben verabredet, daß Tom solange im Hause Wang in Schanghai bleiben soll, bis der Geschäftsauftrag in Nanking erledigt ist. Wie lange das dauert, weiß kein Mensch, denn wer mit Chinesen Geschäfte machen will, darf sie nicht zur Eile drängen. Vater Wang wird von seinem Chauffeur morgens und nachmittags ins Büro gefahren und zum Mittag= und Abendessen wieder heimgeholt. Zwischendurch steht der Wagen Tom und Wang zur Verfügung. Sie können sich fahren lassen, wohin sie wollen. Der Chauffeur ist ein freundlicher Mann. Auf wenig belebten Straßen läßt er auch einen Jungen mal ans Steuer. Wang ist schon so sicher im Fahren, daß er jederzeit seine Fahrerprüfung machen könnte. So kommt Tom um so häufiger dran. Gelegentlich fahren sie auch mit einem Autobus oder mit einer Familienrikscha in die Stadt. Zu Fuß gehen ist kein Vergnügen. Im Juli und August zeigt das Thermometer fast mehr als 300. Die Schuhe der Fußgänger bleiben nicht selten im weichgewordenen Asphalt stecken. Mindestens zweimal am Tage nehmen Tom und Wang ein Brausebad und wechseln die verschwitzten Hemden. Am angenehmsten sind die Abendstunden zwischen 9 Uhr und Mitternacht. Bis dahin sind ganze Familien mit ihren Kindern auf den Straßen und in den Parks. Eines Mittags bringt Vater Wang aus seinem Büro die Nachricht heim, daß Tom am Abend zu Hause bleiben soll. Herr Birkenfeldt will aus Nanking anrufen und Tom wenigstens telephonisch begrüßen. Das ist für Tom eine große Freude. Ihm verschlägt es fast die Stimme, als das Telephon einige Minuten nach der verabredeten Zeit klingelt. Bei der Entfernung von mehr als 300 Kilometern ist die Verständigung gut, nur sind manchmal merkwürdige chinesische Sprechlaute in der Leitung. Tom berichtet seinem Vater über die Fahrt von Kanton und was er indessen in Schanghai alles schon gesehen hat: die Hochhäuser der City, den "Bund", d. h. die berühmte Hafenuferstraße am Wangpufluß, das Teehaus mit der siebenzackigen Geisterbrücke in Nantao und das neue Rathaus von Großschanghai in Kiangwan.

"Heute nachmittag haben wir am Bund eine große Polizeirazzia auf Opiumschmuggler miterlebt. Ein am Ufer festmachender Jangtsedampfer war von Hunderten von Polizisten umringt. Polizei am Pier und Polizei in Hafenbooten. Alle Polizisten hatten kugelsichere Westen an und Maschinenpistolen in den Händen. Mehrere Schmuggler wurden gefesselt abgeführt und viele Kisten mit Opium auf Polizeilastwagen verladen. Wir glaubten, jeden Augenblick würde die Knallerei losgehen. Wir hatten hinter dem Denkmal des britischen Zolldirektors Robert Hart schon Deckung bezogen." Tom verschweigt seinem Vater auch nicht, daß er Autofahren lernt und daß ihm das eigentlich am meisten Spaß macht. Vater Kleinermann hat nichts dagegen. "Wenn du versprichst vorsichtig zu sein, darfst du auch deine Führerscheinprüfung machen. Damit kannst du mir später einen chinesischen Chauffeur ersetzen!" Freudig gibt Tom das Versprechen und wünscht seinem Vater eine baldige Rückkehr nach Schanghai. "Gute Nacht, Vater!" - "Gute Nacht, Tom!"

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Tom vor dem dicken Buddha

Als der indische Prinz Gautama Buddha 500 Jahre vor Christus die Religion den Buddhismus begründete, hat er es sich gewiß nicht träumen lassen, daß seine Anhänger in China ihn einmal in dieser Form darstellen würden.. Er lehnte die Vergänglichkeit alles Irdischen. Im dicken Buddha von Hangtschau aber wird Buddha als Inbegriff der Freude am leiblichen Wohl verkörpert. "Du mußt lachen wie der Buddha", ruft Tom seinem Freund zu, als er ihn vor dem riesigen Felsenbild photographiert.

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Das Abenteuer mit dem Opiumschmuggler

Tom macht seine Fahrversuche am liebsten in Kiangwan. Da sind von einem geplanten neuen Stadtteil vorerst nur die Straßen gebaut worden, schöne, breite, gerade Betonstraßen. Außer dem neuen Rathaus und einigen öffentlichen Gebäuden, Hospital und Museum, Bibliothek und Stadion, sind nur wenige Häuser da. Alle Straßen sind übersichtlich und nur wenig belebt. Nur selten taucht eine Polizeistreife auf. Vom "Straßenschachbrett" führt eine zehn Kilometer lange, schnurgerade Straße mitten durch grüne Felder in das Ostende der Internationalen Niederlassung am Hafenfluß. Hier besuchen Tom und Wang nach einer "Fahrschule" das Elektrizitätswerk, in dem Vater Birkenfeldt die neue Turbine aufgebaut hat. Sechs Kohlenschiffe werden gleichzeitig entladen. Mehr als ein Dutzend mächtiger Schlote verdunkeln die Gegend mit ihrem Rauch. In der Turbinenhalle kann Tom nun einmal seinem Freund die Erklärungen geben. Als Sohn eines Elektroingenieurs ist er nicht zum erstenmal in einem solchen technischen Wunderwerk. Hinterher sitzen sie eine Zeitlang an der Steinböschung des Hafenflusses und beobachten den Schiffsverkehr.

Der Wangpufluß ist hier, 15 Kilometer vor seiner Mündung in den Jangtsekiang, etwa 800 Meter breit. Ganze Flotten von Dschunken kreuzen darauf herum. Dazwischen flußauf und flußab Fracht= und Passagierdampfer, Hafen= und Fährboote, Barkassen, Sampans, Kanonenboote, Zollkreuzer und die schnellen Boote der Wasserpolizei. Ein stadtwärts fahrender Jangtsedampfer warnt die Dschunken vor seinem Bug mit einem langgezogenen Wu=u=u. Er muß seine Fahrt verlangsamen. In diesem Augenblick stürzt aus der Seitenluke des Dampfers ein Mann mit einem großen Koffer in den Fluß. An Bord werden sie es gar nicht bemerkt haben. Aber Tom und Wang haben es genau gesehen. Der Mann schwimmt, ebenso sein hölzerner Koffer, an dem er sich festhält. "Er hat Glück", sagt Wang, "daß in dieser Stunde zwischen Ebbe und Flut die Strömung nicht so stark ist." Nicht weit von den Jungen erreicht der Schwimmer das Ufer. Ganz erschöpft. Tom und Wang ziehen ihn mit seinem Koffer an Land. Ohne ein Wort zu sagen, holt der Gerettete ein Stück Papier aus der Innentasche seines Ischangs und gibt es Wang. Dann bricht er halb bewußtlos zusammen. Mit Mühe entziffert Wang die verlaufene Tuschschrift auf dem Zettel "Tschien Kiang Lu, Nummer 13". Wang ruft seinen Chauffeur heran. Der kennt wie alle Chauffeure alle Straßen in der Millionenstadt. "Die Tschien Kiang Road ist eine Seitenstraße von der Tschun Kung Road, nicht weit von hier, hinter der Schule der Baptistenmission." Sie tragen den Mann und seinen Koffer in das Auto. Der Chauffeur gibt Gas. Vier Minuten später sind sie vor dem Haus Nr. 13 auf der

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Wasserschöpfräder

Jeder Tritt ein Liter Wasser, und jedes Liter Wasser zehn Reiskörner" - das ist eine alte, weise Erkenntnis, die diesen beiden Chinesenjungen ihre harte Arbeit erträglicher macht. Von früh bis spät und oft die Nacht hindurch muß diese Wassertretmühle bedient werden, sonst gibt es auf den Reisfeldern eine Mißernte und im Lande Hungersnot und Hungertod. Auch mehrere gute Ernten bringen dem Reisbauern nicht so viel Geld ein, daß er sich dafür eine mechanisch betriebene Pumpe kaufen könnte. Zudem wäre auch der Treibstoff für eine Pumpe teurer als die menschliche Arbeitskraft.

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Tschien Kang Lu. Es ist das letzte Haus an einem Feldweg, der sich in nassen Reisfeldern totläuft. Ein einsames Haus, rundum von einem hohen, aus Bambuszweigen geflochtenen Zaun umgeben. Der vom Wangpuwasser noch triefende Mann ist wieder ganz zu sich gekommen. Er will Wang und Tom, die hinten im Auto sitzen, ein Trinkgeld geben. Sie sollen ihm nicht weiter behilflich sein. Nur der Chauffeur darf seinen Koffer ins Haus tragen. Indessen wendet Wang mit Mühe den Wagen um. Fast wäre er dabei in einen tiefen Graben geraten. - Der Chauffeur kommt immer noch nicht wieder. Plötzlich ein lauter Schrei aus dem Haus. Beide Jungen rennen auf die Tür zu. Aber Wang hält Tom zurück. "Hier stimmt etwas nicht! - Ich gehe allein! - Wenn ich in einer Minute nicht wieder draußen bin, holst du Hilfe!" Tom klopft das Herz. Er horcht... Noch ein Schrei? Wang? Tom wirft sich ans Steuer und jagt auf die Tschun Kung Road zurück. Ein Schuß knallt hinter ihm her. Soll er den Pförtner der Baptistenschule alarmieren oder gleich zur Polizeistation an der Grenze der Internationalen Niederlassung fahren? Der Kilometerzähler zeigt 80. Er jagt an dem Tor des Schulparks vorbei. 85! In der Kurve der Hauptstraße ein Gefährt mitten auf der Straße. Tom tritt auf den Bremshebel, daß er fast durch die Scheibe fliegt. Polizeistreife!! Drei chinesische Polizisten mit Panzerwesten und Maschinenpistolen auf Motorrad mit Beiwagen. "Tufei", schreit Tom, "Tschien Kang Lu". Er klettert einfach zu dem Mann in den Beiwagen. Mit 90 geht es zur Ecke des Feldweges zurück. Dann schleichen sie sich mit entsicherten MP.s an. "I ko tufei", flüsterte Tom und hebt dabei den Daumen hoch. "Nur ein Tufei!" Tom und zwei Polizisten nehmen hinter dicken Weidenbäumen Deckung.

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Der dritte geht auf die Haustür zu. Da wird sie aufgerissen, der Chinese mit dem Koffer will sich davonmachen. So schnell hat er keine Polizei erwartet. Als er drei Pistolenläufe auf sich gerichtet sieht, läßt er den Koffer fallen und hebt beide Hände. Zwei Polizisten fesseln ihn, der dritte untersucht den Koffer. Dreißig Pfd. Opium, pfundweise in Ölpapier verpackt! Das Haus scheint unbewohnt zu sein. Zimmer ohne Möbel. Im Keller liegt der Chauffeur, in der Küche Wang auf dem Boden. Beide gefesselt und geknebelt, aber beide unverletzt. Zehn Minuten später fahren das Polizeikraftrad und der wieder vom Chauffeur gesteuerte Wagen bei der Polizeistation vor. Der Tufeischmuggler wird eingeliefert.

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Der Chauffeur und die Jungen müssen ein Polizeiprotokoll unterschreiben. Davon, daß Tom mit 80 und ohne Führerschein die Schun Kung Road entlangbrauste, ist gar nicht die Rede. Im Gegenteil. Tom erhält von dem Polizeioffizier ein hohes Lob. Am nächsten Morgen steht die Geschichte unter dicken Überschriften in allen Zeitungen Schanghais. Chinesisch, englisch und französisch:

DEUTSCHER JUNGE ENTLARVT OPIUMSCHMUGGLER, RETTET CHINESISCHEN FREUND UND CHAUFFEUR.

Am Abend ruft Vater Birkenfeldt unerwartet wieder aus Nanking an. Auch er hat die Geschichte in der Zeitung gelesen. Er gratuliert Tom und Wang und dem Chauffeur, aber er rät Tom noch einmal, vorsichtig zu sein. "Mach schnell die Fahrerprüfung und komm dann zu mir nach Nanking!"

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Letzte Tage in Schanghai

Schon am nächsten Tage lassen Tom und Wang sich an das Südende der Route Ghizi fahren. Dort ist das Büro der chinesischen Stadtverwaltung, das für Führerscheine zuständig ist. Sie melden sich für einen der nächsten Tage an und sehen dann im Hof eine Weile zu, wie andere Anwärter im "Irrgarten" ihre Prüfung versuchen. Das Schwierigste ist eine Durchfahrt durch ein enges "Tor", das durch zwei gewöhnliche Literflaschen angedeutet ist. Fällt eine der Flaschen bei der Durchfahrt um, so ist der Prüfling durchgefallen. Er darf sich aber gleich für eine neue Prüfung anmelden. Die aufgestellten chinesischen Verkehrszeichen gleichen größtenteils den international üblichen. Anders sind nur ein Zeichen für Brücke sowie die für Parken und Parkverbot. Zwei Tage später bestehen beide Jungen ihre Prüfung ohne Schwierigkeiten. Die Durchfahrt durch das Flaschentor haben sie in Kiangwan bei jedem Tempo geübt. Gegen acht Dollar Vergütung können sie ihren neuen Führerschein gleich mit nach Hause nehmen. Tom steuert den Wagen zurück, quer durch die Französische Konzession und ein Stück über die Avenue Joffre. Es ist seine zweitletzte Fahrt mit dem Wangschen Familienwagen. Morgen fährt er zu seinem

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Lichtreklame in Shanghai

Die Ecke Nanking Road Tschekiang Road ist ein Teufelsspuk von Licht, Lärm und Leben. Straßenbahnen klingeln, Autobusse hupen, Bremsen quietschen. Schreiende Rikschakulis huschen mit ihren Gefährten kreuz und quer durch den Strom der größeren Fahrzeuge. Auch die chinesischen Schriftzeichen lassen sich mit Neonröhren und bewegter Lichterschrift nachbilden.

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Vater nach Nanking. - Lange hat er mit den Wangs überlegt, ob er besser einen Dampfer oder die Eisenbahn nimmt. "Denke an die "Suiwo!" warnt Frau Wang. Auch Herr Wang rät zur Bahnfahrt. "Vom Zug aus kannst du über 100 Kilometer lang das Leben und Treiben auf dem Kaiserkanal beobachten!" - "Und Sutschau sehen!" ruft Hsi=ping dazwischen, "Sutschau, das vielleicht noch schöner als Hangtschau ist." - So entscheidet sich Tom für die Bahnfahrt. Wenn er den frühen Morgenzug nimmt, kann er die Fahrt in Sutschau drei Stunden unterbrechen und doch noch bei Tage in Nanking sein. Nach einem großartigen Abschiedsessen im Hause Wang verbringen die Freunde den letzten Abend im Freilichtkino im Jeßfield=Park. Dort läuft ein abenteuerlicher Film, eine Darstellung aus der chinesischen Geschichte. Tom ist überrascht, wieviel besser er nun schon das fremdartige chinesische Leben versteht als damals in Hongkong, wo er den Tigergeneral sah. Hung Hsiu Tschüan, der Titelheld dieses Films, ist auch ein chinesischer General.

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Er war der Anführer der "Haarrebellen", die 1851 gegen die Mandschukaiser in Peking aufstanden und nicht länger den verhaßten Zopf tragen wollten. Er gründete in Nanking ein Königreich des "Großen Friedens" ("Tai Ping"), das sich zeitweise über 16 Provinzen ausbreitete und 11 Jahre lang dem Ansturm der Mandschuheere widerstand. Hung Hsiu Tschüan nannte sich selbst den zweiten Sohn Gottes und einen jüngeren Bruder Christi. Was er aber dem Lande brachte, war kein großer Friede, sondern furchtbare Verheerungen und Metzeleien. In Hangtschau wurden 600 000, in Nanking 100 000 Menschen erschlagen. Da der Film auf und vor den Mauern von Nanking aufgenommen ist, hat Tom die Stadt schon kennengelernt, bevor er dahin gekommen ist. "Den Spuren der Taipingrebellion wirst du in Sutschau und Nanking noch oftmals begegnen", sagt Wang, als sie in der kühlen Nachtluft langsam nach Hause schlendern. "Schade, daß ich nicht mit dir fahren kann." Eines aber versprechen sie sich ganz fest, bevor sie sich gute Nacht sagen. Mit den 600 Dollars wollen sie gemeinsam eine Flußreise auf dem Jangtsekiang machen. "Bis an den Rand von Tibet!!"

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Nach Nanking!

In dem guten alten Familienauto haben Wang und der Chauffeur Tom zum Nordbahnhof gebracht. Sie haben sein Gepäck und den Eßkorb über einem guten Fensterplatz verstaut und lange Abschied gewinkt. Tom fährt nun zum erstenmal allein! Er sitzt in dem Zug, den er in dem Film "Schanghai=Expreß" in Berlin schon einmal gesehen hat. Aber jetzt erscheint ihm alles ganz anders als damals. Tom ist der einzige Fremde in einem Zug voller Chinesen. Die Mitreisenden in seinem Abteil werfen ihm freundliche Blicke zu, aber unterhalten kann er sich mit ihnen kaum. In wenigen Wochen ist die chinesische Sprache nicht zu erlernen. Die Mitreisenden sprechen durch ihre Augen und Gebärden zu ihm. Sie machen ihn auf manche Sehenswürdigkeit aufmerksam. Dort sind die hohen Stahlmasten des Großsenders Tschenju, der Schanghai mit der Welt verbindet. Da ist wieder die fruchtbare Ebene mit ihren Feldern und Kanälen, Dschunkensegeln und Wasserschöpfrädern. Wo diese nicht von Menschen getreten werden, besorgen Göpelräder, von Büffeln gezogen, den Betrieb. Mit verbundenen Augen trotten die Büffel ohne Treiber rundum.

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Im Verkehrsgewimmel von Shanghai

Straßenbahnen, ein- und zweistöckige Autobusse, Autos, Schiebekarren, Rikschas, Fahrräder und sorglose Fußgänger ergeben oft ein tolles Durcheinander. Der Ton quietschender Bremsen mischt sich in das Geschrei der Rikschakulis und das Hä ho, Hä ho der Lastenträger. Der Verkehrspolizist mit dem Knüppel erreicht oft eine bessere Ordnung als das rot-gelb-grüne Licht.

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Das Auto fährt durch das Tor des Wanghauses

Auch auf den Straßen der Großstadt gibt es Menschenräuber, die sogenannten Kidnapper. -"Tut - Tut - Tut" tönt das Horn des Wangschen Familienautos. Der Torhüter hat auf den wohlbekannten Ton, den er von allen anderen unterscheidet, schon gewartet. Eilends stürzt er an das Tor und öffnet es. Die Sekunden zwischen dem Halten des Autos und seiner Durchfahrt durch das Tor sind der gefährliche Augenblick.

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Nicht alle Bauern haben ihnen ein Sonnenschutzdach gebaut. Zweimal kreuzt die Bahn den Sutschau=Creek, auf dem Tausende von Dschunken und Sampans die Erzeugnisse dieses fruchtbarsten chinesischen Landes nach Schanghai bringen. Auf spiegelglatten weiten Seenflächen glitzert die Morgensonne. Fischer mit Netzen und abgerichteten Kormoranvögeln gehen ihrem friedlichen Handwerk nach.

Sutschau

Vor dem Bahnhof von Sutschau wird Tom von Rikschakulis und Eseltreibern umdrängt. Er mietet sich zur Abwechselung einen Reitesel, der ihn in schnellem Zuckeltrab an sein Ziel, die 80 Meter hohe Poh=Sz=Pagode trägt. Dreißig Schellen klingeln am Halse des Esels. Der Treiberjunge mit der Peitsche rennt zu Fuß hinterher. Wie bei den meisten chinesischen Städten liegt der Bahnhof außerhalb der Stadtmauern. Durch das "Himmelstor" geht es in die rechteckig ummauerte Stadt hinein.

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Sutschau wird auch das "Venedig Chinas" genannt, weil viele Kanäle alle Teile der Stadt durchziehen. Neben sechs Straßentoren gibt es auch fünf Schleusentore in der 20 Kilometer langen Stadtmauer. Vor 2500 Jahren wurde die Stadt gegründet. Mehr als achtzig Generationen von Chinesen haben das holperige Kopfsteinpflaster schon getreten. Stadtgründer war der General und spätere König Sun. Er hat auch den Tempel bei der Poh=Sz=Pagode gegründet und ihn der Amme, die ihn säugte, geweiht. Er ehrte das Alter, wie es der große Sittenlehrer der Chinesen Kungtse (Konfuzius), fünfhundert Jahre vor Christus gelehrt hat, - Mit dem Treiberjungen steigt Tom bis zum neunten Stockwerk der steinernen Pagode hinauf. Da jedes Stockwerk einen äußeren Umgang mit einem hölzernen Geländer hat, kann Tom ohne schwindelig zu werden, die Aussicht nach allen Seiten genießen, auf die Ebene im Osten, den hügelumrahmten "Großen See" (Tai Hu) im Westen und das Stadtviereck im Süden.

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Polizeirazzia am "Bund" von Shanghai

Der "Bund" ist die Uferstraße von Shanghai, wo zu Füßen der Hochhäuser kleinere Dampfer, Barkassen, Dschunken und Sampans anlegen. Auch der harmloseste Weltenbummler kann hier plötzlich mitten in eine wilde Schießerei geraten. Durch Spitzel benachrichtigt, brausen motorisierte Polizisten in kugelsicheren Westen auf Krafträdern und in Hafenbooten heran, um auf einem anlegenden Dampfer eine Schmugglerbande festzunehmen.

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Alle Straßen und Kanäle sind schachbrettartig angelegt, die meisten Häuser nur einstöckig. Auf den blaugrauen Ziegeldächern gibt es keine Schornsteine. Der Rauch der Essensfeuer steigt durch offene Türen über den Straßen auf. Eine schnurgerade, sehr enge Straße läuft genau nach Süden bis an die Südmauer. Dort liegt neben einer andern Pagode, in einem dunklen Hain, der Konfuziustempel der Stadt. Unten frißt der Esel das spärliche Gras, das zwischen verfallenen Häusern auf Ruinengrundstücken wächst. Das sind hundertjährige Ruinen, Spuren der Taipingrebellion. Tom hat keine Lust, den vier Kilometer entfernten Konfuziustempel auch noch anzureiten. In den Schachbrettstraßen kann er sich auch ohne Führer zurechtfinden. Er entlohnt den Eseljungen und bummelt zu Fuß zum Bahnhof zurück. In vielen der offenen Häuser sitzen Frauen und Mädchen in haushohen Heimwebstühlen. Laut tönt das Geklapper der Weberbäume. Wenn Tom stehenbleibt, ergreifen die Weberinnen meist die Flucht. Der Eseljunge, der ihm immer noch folgt, photographiert Tom auf einer Weberbank.

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Nanking

Zu guter Letzt hätte Tom beinahe noch den Zug verpaßt. Die Rückgabe seines Gepäcks bei der Aufbewahrung dauerte Ewigkeiten. Das wäre eine schöne Geschichte gewesen, sein Vater zum verabredeten Zug auf dem Bahnsteig, und Tom noch einmal verlorengegangen. Er schwitzt nicht wenig, als er wieder einen Platz gefunden hat und sich über seinen Eßkorb hermacht. Drei Stunden am Kaiserkanal entlang. Oft trennt nur der mit Steinplatten belegte Treidelpfad den Wasser= und den Schienenweg. Weiß leuchtende und zerrissene schmutzige Dschunkensegel blähen sich im Wind. Meisterwerke uralter Baukunst sind die Granitbrücken, die den Kanal überspannen und den Schiffen halbmondförmige Durchfahrten freilassen. Allerdings haben die alten Brückenbauer noch nicht an beräderte Fahrzeuge gedacht. Über die Stufen der Brückenbögen gingen Jahrhunderte lang nur Fußgänger, Träger trugen Sänften hinüber. Jetzt versuchen auch Rikschas hinüberzufahren. Für Autos müssen breitere Brücken gebaut werden. Tom sieht immer häufiger auf seine Uhr. Zwei Stunden vor Nanking biegt der Kanal zum Jangtse hin ab.

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Die Landschaft wird wieder hügelig. Auf dem Gipfel fast jedes Hügels ist ein Familiengrab. Viele noch nicht beigesetzte Särge stehen dazwischen an den Hängen. Die Chinesen lieben es, auf eigenem Grund und Boden begraben zu werden. Zweimal sieht Tom, wie rotlackierte Särge, unter einer langen Bambusstange hängend, über schmale Feldwege getragen werden. Den einen Sarg tragen acht, den anderen sechzehn buntuniformierte Träger. Weißgekleidete Trauernde folgen im Gänsemarsch hinterher. - 17 Uhr! Noch eine Stunde! Für einen Augenblick gibt das hügelige Gelände den Blick auf den mächtigen Jangtsekiang frei. Tom weiß, daß der Fluß bei Nanking noch mehr als fünf Kilometer breit ist. Schon zwanzig Minuten vor der Ankunft wird die fünfzehn Meter hohe Stadtmauer der Millionenstadt sichtbar. Nanking ist eine der wenigen Städte Chinas, deren Mauer keine regelmäßig rechteckige Form hat. Die Mauer folgt See= und Flußufern, schließt Hügel ein oder läuft über Hügelkämme. Auf diese Weise hat Nanking die längste Stadtmauer in China. Mehr als fünfzig Kilometer ist sie lang! Der Hauptbahnhof liegt unmittelbar unter der Mauer am Löwenhügel. Als Tom und sein Vater sich auf dem Bahnsteig umarmen, vergoldet die Abendsonne die wehrhaften Zinnen. Mit einem Autobus fahren Vater und Sohn zum Hotel International. Es liegt ungefähr in der Mitte der Stadt an der Sun=Yatsen= Straße, einer breiten, doppelbahnigen Autostraße, die quer durch die ganze Stadt führt. Tom wundert sich, daß innerhalb der Mauern soviel freies Feld ist. "Hat man hier früher in Zeiten der Belagerung Reis gebaut oder sind die Häuser alle von den Taipings zerstört worden?" fragt er seinen Vater. "Darauf wird dir Herr Lebetanz, ein deutscher Journalist, nach dem Abendessen die Antwort geben. Ich habe ihn zum Essen eingeladen, und er hat mir versprochen, dir von der Geschichte Nankings zu erzählen. Rechts kommt gleich das Hotel. Wenn du Lust hast, fahren wir mit diesem Bus noch bis an den Ostrand der Stadt und zurück. Dann siehst du auch gleich das engbebaute Geschäftsviertel und den Palastgarten der alten Mingkaiser.

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Träger entladen einen Dampfer

An den Ladekais des Welthafens Schanghai, wo in normalen Zeiten mehr Waren umgeschlagen werden als in Hamburg, gibt es keinen einzigen mechanischen Ladekran. Alle Güter, die nicht von schiffseigenen Ladebäumen aus den Luken gehoben werden, kommen auf den Rücken Menschen an Land. An eine oder mehrere Tragstangen verbunden werden auch die schwersten Maschinen auf den Schultern von Menschen herausgetragen.

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Chinesische Jungen beim Straßenbuchhändler

Auch chinesische Jungen mögen gern in den Auslagen der Buchhändler herumstöbern. Der Straßenhändler bietet ihnen außerdem ein schattiges Dach. Die Fortsetzungshefte der Geschichte von den Räubern im Uangschan-Moor sind so interessant, daß man sie am liebsten gleich beim Buchhändler durchliest.

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Tom ist gerne einverstanden. Um den Paukenturm, von dem mit dröhnenden Paukenschlägen die Tagesstunden verkündet werden, macht die Straße ein Karussell. "Potsdamer Platz" nennen die Deutschen in Nanking den Verkehrsknotenpunkt, bei dem die Sun=Yatsen=Straße zum Sun=Yatsen=Tor abbiegt. Welcher Gegensatz zum engen Sutschau! Auch hier niedrige chinesische Häuser, aber welche Weite und Großartigkeit der Stadtplanung. Hinter den Zinnen der Mauer ragen die Gipfel der Purpurberge auf, an deren Fuß das Grabmal von Sun Yatsen neben den Mingkaisergräbern liegt. Tom sieht die Purpurberge gleich im richtigen Licht. Purpurn, rosa und goldgelb leuchtet der Himmel dahinter auf. Als der Autobus zurückfährt, erstrahlen im Geschäftsviertel bereits die Neonlichter.

Herr Lebetanz erzählt

Das Hotel International ist innen wie außen ein moderner Luxusbau nach amerikanischem Geschmack. Dicke Teppiche mit Drachenmustern verschlingen jedes Geräusch auf den Gängen und im Speisesaal. Blütenweiß gekleidete Boys servieren lautlos die Speisen. Tom hat sich Eisbein mit Sauerkraut gewünscht und ein helles Bier dazu. Herr Lebetanz ist schon viele Jahre in China. Er hat Sun Yatsen noch persönlich kennengelernt und war bei seiner Beisetzung im Mausoleum am Purpurberg dabei. Mit Dutzenden von chinesischen Bürgerkriegsgeneralen und Politikern hat er gegessen und getrunken, in Nanking und Peking, in Kanton und Tschungking. Er hat die chinesisch=japanischen Kriege von 1931 und 1937 bis 1945 miterlebt und den Kampf um die Macht in China zwischen Tschiangkaischek und Mao Tse=tung. Nach dem Essen setzen sie sich zu einer Tasse Kaffee gemütlich in tiefe Stahlrohrsessel.

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In diesem Hotel mit Klimaanlage summt nicht einmal ein Ventilator. Nur das Gemurmel leiser Unterhaltung ist von den Nebentischen zu hören. Zuerst muß Tom berichten, von der Fahrt mit der "Elbestrand", von Hongkong und der "Suiwo", von dem Haus an der Biasbucht und dem Opiumschmuggler in Schanghai. "Trotz allem scheinst du ebensogern in diesem Land zu sein wie ich", sagt Herr Lebetanz. "Es ist ein merkwürdiges Land, wo es jeden Tag etwas Neues, Unerwartetes zu erleben gibt. Wie anders sah dieses Nanking aus, als ich 1927 zum erstenmal hierher kam. Damals standen die Mauern wie heute. Wie sie der Mingkaiser Hung Wu hatte erbauen lassen, um die gleiche Zeit, als Klaus Störtebeker und die Hansestädte Krieg führten. Aber innerhalb der Mauern sah 1927 alles ganz anders aus als heute. Der Nachfolger von Hung Wu hatte 1409 Peking zur Hauptstadt des Reiches gemacht, und Nanking war zu einer Provinzstadt herabgesunken. Die verheerende Taipingzeit und die Stürme der chinesischen Revolution von 1911 waren darüber hinweggefegt

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Polizei umstellt das Auto des Opiumschmugglers

"Wang gefangen?" Im 80-km Tempo jagt Tom mit dem Wagen zur Polizeistation. Drei chinesische Polizisten mit Panzerwesten und Maschinenpistolen umstellen das Haus. Tom und zwei der Bewaffneten nehmen hinter dicken Weidenbäumen Deckung. Der Dritte schleicht auf die Haustür zu. Da wird sie aufgerissen, und der Schmuggler mit seinem Koffer stürzt heraus...

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Als China Republik wurde und der Mandschukaiser in Peking stürzte, brannten die Revolutionäre in Nanking den Mandschupalast und das Mandschuviertel nieder. 1927 waren die Trümmer von 1862 und 1911 noch nicht restlos fortgeräumt. Da brachte der Kampf Tschiangkaischeks gegen die Nordgenerale neue Trümmer. Aber Tschiangkaischek siegte und machte Nanking wieder zur Hauptstadt Chinas. Sun Yatsen, der 1925 in Peking gestorben war, wurde hier 1927 mit großem Pomp beigesetzt. Sein Grabmal war das erste große Bauwerk des neuen Nanking. 1928 wurde der Bau der Sun=Yatsen=Straße begonnen, die von den Chinesen Tschung=Schan=Straße genannt wird. Denn die Ostasiaten geben ihren Kaisern und Staatsmännern nach dem Tode andere Namen. Tschung Schan heißt ,mittlerer Berg'. Das ist ein hoher Ehrenname für Dr. Sun, dessen Familienname ,Enkel' bedeutet. An der Tschung=Schan=Straße wurden dann zwischen 1928 und 1937 alle die großen Gebäude errichtet, die Tom heute gesehen hat, das Hauptpostamt, das Eisenbahn= und das Verkehrsministerium, das Auswärtige Amt, das Hospital und andere, teilweise im alten chinesischen Tempelstil, teilweise modern amerikanisch wie dieses Hotel. Dann brach wieder der Krieg aus. Im Dezember 1937 wurde Nanking von den Japanern erobert und schwer mitgenommen. Tschiangkaischek entfloh mit seiner Regierung nach Tschungking. Im August 1945, nach dem Zusammenbruch Japans, zog die Tschiangkaischekregierung wieder in Nanking ein. Aber nur kurze Zeit. Vier Jahre später mußte sie den Truppen Mao Tse=tungs weichen. Mao machte Peking wieder zur Hauptstadt des Reiches, und Nanking ist in Gefahr, erneut zu einer Provinzstadt abzusinken. Es ist ein ewiges Auf und Ab in dieser Stadt, die schon 722 v. Chr., ein Menschenalter vor Rom, gegründet wurde."

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Sun Yatsens Grabmal

An einem der nächsten Tage fährt Tom mit Herrn Lebetanz zum Grabmal Sun Yatsens hinaus. Gleich außerhalb des Tschung=Schan=Tores sehen sie die gewaltigen Anlagen vor sich liegen, obgleich der Weg dahin noch fast fünf Kilometer lang ist. Hell heben sich das Mausoleum mit dem geschwungenen Dach, betonierte Terrassen und Böschungen, riesige Freitreppen, Tore, Wege und der Ehrenbogen von dem hellen Grün gepflegter Rasen und den dunklen Kiefernpflanzungen der Umgebung ab. Eine Weihestätte des ganzen chinesischen Volkes ist diese Anlage. Herr Lebetanz stellt die Beisetzungsfeierlichkeiten so eindrucksvoll dar, daß Tom glauben kann, er wäre selber dabeigewesen. Vor dem Ehrenbogen am Eingang sitzen sie eine Weile auf einer Ruhebank. Hier wurde der Sarg, der mit einem über und überbekränzten Schiff nach Nanking gebracht worden war, aus einem weißgeschmückten Leichenauto in eine Leichensänfte übernommen. Sie hatte ein silbernes Dach; auf beiden Seiten prangte die weiße Sonne der chinesischen Revolutionsfahne auf blauem Seidentuch.

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Vierundsechzig in Blau und Weiß gekleidete Träger hoben die Tragstangen auf ihre Schultern und trugen den Toten den Ehrenweg entlang und die Stufen empor. In den Anlagen rechts und links standen Zehntausende von Menschen. Musikkapellen und Militär in Weiß marschierten auf. Abordnungen ausländischer Diplomaten, fremder Heeres= und Marinekräfte folgten. Sun Yatsens Gefolgsmänner von der Kuomintangpartei trugen über weißen Trauerischangs schwarze Jacken mit weißen Trauerabzeichen und flache weiße Strohhüte. Die Sonne brannte an jenem Tage ebenso heiß wie heute. Langsamen Schrittes ist auch Tom mit seinem Begleiter die Stufen bis zum Mausoleum emporgestiegen. Wie die anwesenden Chinesen verneigen sie sich vor der Ruhestätte des großen Toten.

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Autofahrprüfung

"Das ist ja eine tolle Sache", denkt Tom, als er sich die Prüfung im Hofe des chinesischen Polizeiamtes erst einmal ansieht. Eine Woche später ist er selbst dran. Der schwierigste Teil der Prüfung ist eine Durchfahrt durch ein enges "Tor", das durch zwei gewöhnliche Literflaschen angedeutet ist. Fällt dabei eine Flasche um, so ist der Prüfling durchgefallen. Er darf sich gleich für eine neue Prüfung anmelden, muß aber auch die Prüfungsgebühren neu bezahlen.

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Taipingrebellen

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Vom Mausoleum zurückblickend, sehen sie das kiefernbestandene Hügelgelände des Nationalparks. Dort ist neben dem 50 000 Besucher fassenden Stadion auch ein Schwimmbad, in dem Tom ohne Gefahr baden kann. Er läßt Herrn Lebetanz, der zu einer Pressekonferenz muß, allein zurückfahren und mischt sich unter die chinesische Jugend, die es im Schwimmen den Japanern gleichzutun versucht. Wirklich gute Schwimmer tummeln sich in diesem herrlichen Bad. Kristallklares Wasser über weißen Kacheln. Umkleidezellen mit grünglasierten Ziegeldächern auf rotlackierten Säulen. Ein wahres Märchenbad! Mit dieser Badgelegenheit in der Nähe gefällt es Tom in Nanking noch besser. Zwar hat sein Vater wenig Zeit für ihn, aber mit einem Stadtplan als Führer und Herrn Lebetanz als Ratgeber ist Tom den ganzen Tag beschäftigt. Spätnachmittags läßt er sich gewöhnlich in einer Rikscha zum Freibad hinausfahren. Abends muß er achtgeben, daß er nicht zu spät zurückkehrt. Kurz nach Eintritt der Dunkelheit werden die Tore geschlossen, und dann nützt kein Rütteln und Rufen. Die Tore werden vor dem Morgengrauen nicht wieder aufgemacht. In vierzehn Tagen lernt Tom Nanking besser kennen als mancher fremde Geschäftsmann, der sich jahrelang hier aufgehalten hat. Er ist immer unterwegs: auf der Mauer und an den Toren, bei Tempeln und Pagoden, in Hsiakwan, der Ufervorstadt, wo die Eisenbahnfähre die Expreßzüge nach dem Norden übersetzt, bei den Mingkaisergräbern und in den Purpurbergen. Vor dem jetzt so friedlichen Taipingtor rudert er auf dem Lotosteich zu den fünf Inseln, die launigerweise die "Fünf Erdteile" genannt werden. Ein anderer berühmter Lotosteich liegt zwischen tief herabhängenden Weidenbäumen vor dem Wassertor. im Südwesten der Stadt. Mo Tsu ("Ohne Sorge") ist sein Name.

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In dem Teehaus an seinem Ufer trinkt Tom ein Schälchen Reiswein, wie es vor 1200 Jahren Chinas berühmtester Dichter Li Tai=po oftmals getan hat. Tom hat sich ein Gedicht von ihm aufgeschrieben: Der Lotos blüht, und die Sonne lacht. Ich wate hinein in den Teich. Der roten Blumen frischblühende Pracht hat rings um mich her ihre Gluten entfacht. Ich schwinge sie hin, und ich schwinge sie her und tauche sie tief in die Flut. Dann tragen sie Perlen vieltausend und mehr; und ich schwinge sie hin, und ich schwinge sie her, damit ich den Perlen das Rundsein verwehr: Nur die langen gefallen mir gut. Ohne Sorge kehrt er von solchen Ausflügen und vom Baden heim. Um so mehr fällt es ihm auf, daß sein Vater keineswegs ohne Sorgen ist. Die Geschäftsverhandlungen kommen nicht voran. Eines Mittags kommt Vater Birkenfeldt sehr verspätet zum Essen ins Hotel. Er ist ärgerlich. "Nun muß ich wegen der Turbine auch noch nach Peking!" Tom tut es leid um seinen Vater. Für sich selbst hat er schon lange den Wunsch gehabt, neben Nanking, der "südlichen Hauptstadt", auch Peking, die "nördliche Hauptstadt", kennenzulernen.

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Mit dem Vater Richtung Peking

Tom nimmt seinem Vater die Gänge zum Reisebüro ab. Täglich gehen zwei durchgehende Expreßzüge mit Schlafwagen. Ab Nanking Dienstag früh, an Peking Mittwoch nachmittag. Oder ab Nanking Dienstag nachmittag, an Peking Mittwoch gegen Mitternacht. Tom rechnet nach. Rund dreißig Stunden Fahrt bei 1150 Kilometer Entfernung. Wahrlich kein übermäßiges Tempo! Nebenbei (und ohne väterlichen Auftrag) erkundigt er sich auch, wann diese Züge in Taian und in Küfu halten. Taian, das ist die Station für einen Aufstieg auf Chinas berühmtesten heiligen Berg Taischan. In Küfu, dem Mekka der Konfuzianer, leben noch heute direkte Nachkommen des alten Weisen, dessen 2500. Geburtstag man 1949 in der ganzen Welt gedachte. An den beiden heiligen Orten möchte Tom nicht vorüberfahren. Auch wenn sein Vater keine Zeit hat. Der Nachmittagszug ab Nanking eignet sich viel besser für seinen Plan. Mit dem Frühzug käme er mitten in der Nacht in Küfu an. Vater Birkenfeldt hat viele Bedenken gegen Toms Pläne. Er möchte zu seinem geschäftlichen Ärger nicht auch noch neue Sorgen um Tom haben.

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Auf der Pagode von Sutschau

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Dschunken auf dem Kaiserkanal

Nun rollt der Zug wieder stundenlang am Kaiserkanal entlang! Mit 1600 Kilometer Länge und einem Alter von 2500 Jahren ist dieser künstliche Wasserweg, den die Chinesen Yün Ho nennen, eins der großartigste Bauwerke aller Zeiten. Es stellt sich den großen Weltwundern der Mittelmeerländer, den Pyramiden Ägyptens und den hängenden Gärten Semiramis würdig zur Seite. Majestätisch treiben tiefbeladene Segeldschunken vor dem Wind, andere werden von zahlreichen Schiffskulis getreidelt. Tiefgebeugt hängen sie in den Treidelleinen. Ihr Arbeitsgesang klingt gequälter als das Hä-ho der Sänftenträger.

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Aber Herr Lebetanz ist auf Toms Seite. Er schenkt Tom zum Abschied einen deutschgeschriebenen Reiseführer von Küfu und dem Taischan. Das Übersetzen des Schanghai-Peking=Expreßzuges mit der Eisenbahnfähre ist bei dem ewig wechselnden Wasserstand des Jangtsekiang eine langwierige Angelegenheit. Vater Birkenfeldt und Sohn lassen sich lieber mit einem Motorboot übersetzen und besteigen den Zug erst am andern Ufer in Pukau. Wieder beginnt für Tom eine Reise durch vier Provinzen: Anhui, Nordkiangsu, Schantung und Hopeh. Nördlich des Jangtse ändert sich das Landschaftsbild schnell. Das trockenere Klima läßt nur eine, höchstens zwei jährliche Ernten zu. Bambus ist nirgends mehr zu sehen. Überhaupt ist die Landschaft arm an Bäumen und Grün. Auf breiten, staubigen Feldwegen fahren Pony- und Eselkarren. Nasse Reisfelder sind selten. Sesampflanzen mit ihren fingerhutähnlichen roten Blüten, Hanf und Baumwolle, Hirse, Mais und Erdnüsse wachsen auf den Feldern. Gerade sind die kürbisgroßen Wassermelonen reif.

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Auf allen Bahnhöfen, die der Expreß durcheilt, hocken Reisende, die auf Bummelzüge warten; sie lutschen das leuchtend rote Fleisch der Melonen und spucken die großen schwarzen Kerne in die Gegend. In Mingkwang nimmt die Lokomotive Wasser. 15 Minuten Aufenthalt. Schon ist Tom auf dem Bahnsteig und hat ein paar Kupfermünzen in der Hand, um sich auch ein Stück Wassermelone zu kaufen. Aber sein Vater verwehrt es ihm. "Morgen hast du Typhus oder Cholera!" Im Speisewagen bekommt Tom ein Stück Wassermelone zum Nachtisch. Das ist mit Wasserstoffsuperoxyd von Bakterien befreit. - Der Mond ist aufgegangen. Silbern glitzert das Wasser des breiten Hanflusses. Keine Dschunke segelt bei Nacht. Friedlich schaukeln kahle Masten am Ufer. Gespenstisch ragen die Stadtmauern von Pengpu über der Bahn auf. Plötzlich fährt es Tom durch alle Glieder. An einem Galgen oben auf der Stadtmauer baumelt ein Gehängter im Wind. Eine Mahnung für die Bösen. "Mord kann nur durch Tod gesühnt werden", hat Konfuzius gelehrt.

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Kormoranfischer

Auf vielen Flüssen und Seen Chinas sieht man die Kormoranfischer, die nicht mit Körben oder Netzen, sondern mit abgerichteten Kormoranen fischen. Paarweise sitzen die dressierten Vögel angebunden auf Stangen am Bootsrand. Mit ihren scharfen Augen erspähen sie jeden Fisch im Wasser, stürzen sich auf ihn und bringen ihn an Bord. Aber verzehren können sie die Fische nicht. Enge Metallringe an ihren Hälsen verhindern ein Hinunterschlucken.

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Vater und Sohn treffen sich in Nanking

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Küfu

In Küfu hält der Zug nur zwei Minuten. Vom Bahnsteig ruft Tom seinem Vater zu: "Treffpunkt Peking!" und "auf ein heiles Wiedersehen!" Dann pufft der Expreßzug weiter. Ohne alles Gepäck kommt Tom sich sehr leicht vor. "Du bist unser Mann!" begrüßt ihn plötzlich auf Englisch ein Chinese in europäischer Kleidung und schüttelt ihm die Hand. Vier andere, gleichgekleidete, junge Chinesen tun ein gleiches. "Wir sind Auslandschinesen, Studenten aus Singapore. Wir streiten uns schon seit Jahren um die Frage, ob die Lehren des Konfuzius noch in unsere Zeit passen oder nicht. Dies ist unser Freund Sun Lo. Er versteht auch Deutsch. Er hat uns gestern abend übersetzt, was du mit deinem Vater im Speisewagen gesprochen hast. Du gehst deine eigenen Wege. Konfuzius aber hat gelehrt: ,Der Vater hat unbeschränkte Gewalt über seine Kinder. Ein Sohn lebt in erster Linie für seine Eltern und zeigt ihnen Ehrfurcht. Er darf nicht mit ihnen streiten. Selbst wenn die Eltern ihn schlecht behandeln, darf er nicht murren!" "Tom hat ja auch keine Melonen ohne Superoxyd gegessen", ruft Sun Lo dazwischen, "also hat er des Konfuzius Wort befolgt, daß die Söhne ihren Körper, den sie den Eltern verdanken, unversehrt halten sollen." - "Aber Konfuzius hat auch gesagt: ,Die Söhne sollen bei Lebzeiten ihrer Eltern keine weiten Reisen machen, außer wenn der Kaiser es befiehlt', und danach hat Tom sich nicht gerichtet!" schließt Kwok Song, der Älteste der Gruppe, die Unterhaltung. "Wir wollen uns erst mal auf den Weg machen und Tom bitten, uns zu begleiten." Nur Freddy, der Jüngste, fährt Sun Lo noch einmal an: "Wenn wir Jungen in China immer nur das tun, was die Alten wollen, wird China nie ein modernes Land werden. Ich hasse die 300 Hauptregeln und 3000 Nebenregeln der konfuzianischen Lehre." Küfu ist ein kleines ummauertes Landstädtchen in der Schantungprovinz. Es liegt zehn Kilometer vom Bahnhof entfernt.

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Als deutsche Ingenieure um 1910 die Bahn bauten, durfte die Linie nicht bis an den heiligen Ort herangeführt werden. Die jungen Herren mieten sich zwei zweirädrige Maultierkarren und setzen sich mit hängenden Beinen auf die Deichsel. Nur Freddy muß unter dem engen Verdeck auf der ungefederten Achse sitzen. Denn Konfuzius hat auch gesagt, daß der jüngere Freund dem älteren Ehrerbietung schuldig ist. Der Fuhrmann geht auf dem staubigen, holperigen Landweg zu Fuß nebenher. Tom sitzt bei Sun Lo. Der nimmt das Gespräch vom Bahnhof wieder auf. "Wenn wir Chinesen uns nicht zwei Jahrtausende lang an die Lehren des Konfuzius gehalten hätten, dann wäre unser Reich ebenso wie die andern großen Reiche des Altertums untergegangen. China hat immer viele ehrfürchtige Söhne gehabt, die ihren Eltern und dem Reiche dienten. Jeder Junge, ob arm oder reich, konnte zu den höchsten Ämtern aufsteigen, wenn er die Lehren der Alten erlernte und befolgte und die Prüfungen bestand. Jeder Vater strebte danach, möglichst viele Söhne zu haben, denn nur männliche Nachkommen können die Ahnenopfer darbringen.

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So sagt Konfuzius: ,Solange die Eltern leben, müssen die Söhne ihnen nach der Sitte dienen. Wenn die Eltern gestorben sind, müssen die Söhne sie nach der Sitte begraben, 27 Monate um sie trauern und ihnen nach der Sitte opfern, solange sie leben." - "Bist du denn auch bereit, dir deine Frau von deinen Eltern aussuchen zu lassen?" fragt Tom. Darauf gibt Sun Lo keine Antwort mehr. Der Karren knarrt über eine Lotosbrücke in das Stadttor hinein. Konfuziustempel gibt es in mehr als 1500 chinesischen Städten, aber in dem Landstädtchen Küfu ist der größte und schönste. Mit seinen 16 Toren, 15 Höfen und 15 Hallen füllt er ein ganzes Drittel der Stadt aus.

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Begräbnis des Dr. Sun Yatsen

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Der Duft von Weihrauch und Ochsenfettkerzen und das Gedröhn von Pauken, Gongs und kunstvoll gegossenen Bronzeglocken erfüllt die Luft. Vor den Gedächtnistafeln, Bildern und Statuen des Konfuzius verbeugen sich Freddy und Kwok Song ebenso ehrfurchtsvoll wie Sun Lo und die vielen ländlichen Pilger. Priester und Mönche, . Sonntage und Predigten, gibt es im Konfuziustempel nicht. Überwältigt stehen Tom und seine Freunde vor dem Tempel der Großen Vollendung. Sein mächtiges Doppeldach wird von marmornen Drachensäulen getragen. Zehnmal hat der Bildhauer dasselbe Motiv gestaltet: zwei Drachen, die nach einer Perle schnappen. Reich vergoldet ist der Altarschrein drinnen; darin sitzt hinter einem perlenbestickten Seidenvorhang der große Weise. Eine halbe Stunde später sind sie in der Residenz des lebenden Kungtsenachfolgers. Auf das Empfehlungsschreiben der Studenten wird auch Tom mit eingelassen. Eine Weile müssen sie in der Empfangshalle warten. "Ich bin neugierig, ob der Nachkomme nach 77 Generationen noch Ähnlichkeit mit seinem Urahnen hat", flüstert Freddy seinen Freunden zu.

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Dann öffnet sich die Tür, ein Pekinghündchen kommt hereinspaziert und hinter ihm im Ischang, mit einem Fächer in der Hand und freundlich lächelnd, der etwa dreißigjährige Herzog Kung. "Herzog, der die Weisheit vererbt", ist sein Ehrentitel. Selbst die chinesischen Studenten können sich nicht mit ihm unterhalten. Ihren Kantondialekt und ihr Englisch versteht der Herzog nicht. Von seinen Hauslehrern hat er nur den Pekinger Norddialekt gelernt. Er ist nie auf Reisen gewesen, trotzdem sein Vater schon vor seiner Geburt gestorben ist. Zur Erinnerung schenkt er jedem Jungen ein Kinderbildnis von sich. "Von ihm selbst entwickelt", sagt der Diener, "der Herzog ist ein eifriger Amateurphotograph." Das Grab des alten Weisen ist zwei Kilometer außerhalb des Nordtores der Stadt. Eine schattige Allee alter Zypressenbäume führt dahin. Tom erwartet etwas wie das Sun=Yatsen=Mausoleum in Nanking. Aber das Grab dieses großen Mannes, der, wie die Chinesen sagen, zehntausend Generationen gelehrt hat, ist ein einfacher, mit Gras und Gesträuch bewachsener vier Meter hoher Hügel. Davor steht ein mit Drachen geschmückter Gedenkstein mit der Inschrift "Grab des großen Vollendeten, höchst heiligen, Kultur verbreitenden Königs". "Ein König war er ja gar nicht!" meint Freddy, "er war ein Aufseher der Kornspeicher und später Minister im Schantunger Fürstentum Lu."

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Auf dem heiligen Berg Taischan

Auf der Rückfahrt im Maultierkarren und im Zug nach Taian streiten sich die fünf um Kungtses Lehre. Sun Lo ist Konfuzianer , Fu Konfuzianer und Buddhist, Lao Taoist und Freddy christlich erzogen. "Es gibt leider nur drei Millionen Christen in China", sagt Freddy, " aber vierhundert Millionen Konfuzianer." Tschiangkaischek, hat eine Erneuerung der konfuzianischen Sitten versucht, aber Mao Tse=tung ist ein Gegner dieser Lehre. Vom Taischan schreibt Tom an Wang eine Postkarte. Lieber Wang, ich habe mit fünf Studenten aus Singapore ein Wettrennen auf den Taischan gemacht. Vom Stadttempel in Taian bis zu dem Konfuziustempel auf dem Gipfel sind 5858 Stufen!! Wir haben sie nicht gezählt, aber fromme Pilger wußten die Zahl genau. Ich habe das Rennen über 40 Li gewonnen. In drei Stunden und 32 Minuten war ich oben. Der Reiseführer gibt die Aufstiegzeit mit sechs Stunden an! Wie ganz anders ist hier alles als auf dem Höngschan. Nackte, bizarre Gneisfelsen und wenig Grün. Nur einzelne, sturmzerzauste Kiefern bei den Wasserfällen, Brücken und Tempeln. Ströme von Schweiß haben wir auf den Felsentreppen vergossen. Oben hätten wir uns am liebsten wie die Pilger in Decken gewickelt. Vom 1545 m hohen Gipfel soll man an klaren Wintertagen bis zum Gelben Meer sehen können. Wir sahen nur das Silberband des Gelben Flusses. Von SO zogen Regenwolken auf, und abwärts sind wir noch schneller gerannt. Morgen mittag bin ich bei meinem Vater in Peking, Nordhotel. Bereite Dich darauf vor, daß wir die Jangtsefahrt bald machen. Treffpunkt Hankau. Ich schicke ein Telegramm. Viele Grüße an Euch alle.

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Der Dichter Li Tai-po im See

Felsen und Wasser, im Winde schwankende Zweige und vom Wasser gewiegte Lotosblätter bedeuten allen Chinesen köstlichen Anblick. Ihr größter Dichter Li Tai-po hat schon vor mehr als 1200 Jahren Gedichte darüber Geschrieben. Sie sind noch heute bei Jung und Alt, Arm und Reich bekannt. Auch Rikschakulis kennen die Verse auswendig. Das Teehaus am Lotosteich bei Nanking, In dem Li Tai-Po so oft zu Gast war, ist ein lebendiges Denkmal für den Dichter.

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Prinz Kung begrüßt Tom und die chinesischen Studenten.

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Das Geheimnis des Gelben Lama

Mitternachtsstunde. Der Bahnhof von Taian liegt ebenso wie die Stadt in tiefem Schlaf. Mit bleiernen Beinen sitzt Tom auf einer Bank des ländlichen Bahnsteigs und blinzelt den Mond an. Zweimal sind ihm die Augen schon zugefallen. Tom hat Angst, daß er einschläft und den Zug verpaßt. Außer ihm scheint zu dieser Stunde niemand mitfahren zu wollen. Doch da kommen schlürfende Schritte auf Tom zu. Ein Mann mit einer Papierlaterne. Sein gelbes Gewand leuchtet im Laternenschein golden wie der Mond. Ein Lama, ein buddhistischer Mönch aus Tibet? Er kommt so dicht an Tom heran, daß jeder den andern atmen hört. Maskenhaft wirkt das dunkelhäutige, zerfurchte Gesicht unter dem hohen gelben Hut. Tom will einen Schritt zurücktreten, aber er ist von dem Blick des Lamas wie hypnotisiert. Fest hält der Fremde seinen Arm. "Du, fremder Jüngling, sei ein Werkzeug des Erhabenen! Tibet, das Land der Gelbblüte, ist in Gefahr. Die neuen Herren Chinas wollen es verderben." Er läßt Tom los und zieht den gelben Hut von seinem glattrasierten Schädel. "Nimm diesen Hut! Trage ihn heimlich zum Yung Ho Kung, dem Tempel der Lamas in Peking! Der Lohn des Erhabenen wird dir gewiß sein, wenn du den Auftrag erfüllst. Doppeltes Unheil aber wird über dich kommen, wenn du nicht heimlich zu Werke gehst. Tsong Kha=pa wird dich verdammen, und die Häscher Mao Tse=tungs werden dich ins Gefängnis werfen. Dieses Amulett wird dich schützen." Seinem Ärmel entnimmt er eine kleine vergoldete Buddhafigur aus Ton und steckt sie in den Hut. "Hier hast du Papier, beides zu verbergen. Da braust der Zug heran. Der Lama hilft Tom auf das hohe Trittbrett eines Abteils. "Es ist in deine Hand gegeben, ob das Erbe Buddhas in Tibet verlorengeht oder nicht." Tom ist wie betäubt. Er verbirgt Hut und Papier in seiner Jacke, bevor der verschlafen dreinblickende Schlafwagenboy kommt und ihm sein Bett anweist. Im Nebenbett schnarcht einer. Tom steckt die Jacke mit ihrem Inhalt unter sein Kopfkissen. Trotz seiner Müdigkeit kann er lange nicht schlafen. Soll er den Hut kurzerhand aus dem Fenster werfen? Am besten gleich in den Hwangho, wenn der Zug über die 1300 Meter lange Brücke rollt? Er kommt zu keinem Entschluß. Erst hinter Tientsin erwacht er. Zweieinhalb Stunden später ist der Zug in Peking.

Peking

Die gewaltige Kaiserstadt des Nordens, jetzt Sitz der Regierung Mao Tse=tungs, hat mächtigere Mauern und Türme als Nanking. Der Kaiserpalast in der bis 1911 "verbotenen Stadt" ist gut erhalten. In Peking gibt es Seen und Pagoden und breite Straßen wie in Hangtschau, mehr Tempel und Theater als in Hongkong, Nanking und Sutschau zusammengenommen, enge Handwerkerstraßen wie in Kanton und einen Straßenverkehr mit Trägern und Rikschas, Einrad= Esel= und Maultierkarren, Autobussen, Straßenbahnen und Luxuslimousinen wie nur irgendwo in China. Über dem allen aber wölbt sich hier ein strahlend blauer Himmel, und die Kamelkarawanen der nördlichen Wüste Gobi ziehen durch die staubigen Straßen der Stadt dahin. Peking ist ein Abbild des ganzen, großen China und doch eine einzigartige Stadt, einzigartig in China und in der ganzen Welt. Die Bahn ist bis mitten in die Stadt hineingeführt. Toms erster Blick nach der Durchfahrt durch die Südmauer fällt auf das dreigestufte blauglänzende Dach des Himmelsaltars, der in jedem Erdkundebuch abgebildet ist.

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Der Gelbe Lama mit der Laterne

Todmüde sitzt Tom auf einer Bank auf dem Bahnsteig in Küfu. Nach dem Wettrennen über die 5858 Stufen des Taischanberges sind seine Beine wie gelähmt. Aber er darf nicht einschlafen, gleich muß der Zug kommen, der Tom nach Peking bringen soll. Da nahen sich schlürfende Schritte Ein Lama im gelben Gewand, eine Papierlaterne in der Hand. Tom sieht ein dunkelhäutiges, zerfurchtes Gesicht. Ganz nahe kommt er an Tom heran. Was will dieser Fremdling von ihm?

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Doch von all den Palästen und Pagoden, Toren und Tempeln interessiert Tom jetzt nur eins: der Lamatempel im äußersten Nordosten der Stadt. Hat nicht der Polizist an der Sperre ihn mißtrauisch angesehen. Sehen nicht alle Polizisten an den Straßenkreuzungen ihn mit besonderen Augen an? Schon auf dem Wege zum Nordhotel, im Stadtteil der fremden Gesandschaften, kauft Tom sich einen Stadtplan. Sein Vater ist nicht im Hotel. Erst zum Abendessen wird er heimkommen. So hat Tom endlich Gelegenheit, sich hinter einer verschlossenen Tür das anzusehen, was der Gelbe Lama ihm gegeben hat. Das Einwickelpapier ist eine Pekinger Zeitung in englischer Sprache. Ein Artikel ist rot angestrichen. Die Überschrift heißt: Gelbe Lamas gegen eine Vereinigung von Tibet und China - Die Flucht eines Verschwörers. Tom sieht noch einmal nach, ob er den Zimmerschlüssel auch wirklich umgedreht hat. Wird er nicht selbst ein Verschwörer, wenn er den Hut in den Tempel bringt? Der Hut! Eigentlich ist es eine Mütze, eine ledergefütterte Wollmütze, die aber durch einen hochstehenden mähnenartigen Kamm hutartig wirkt. Das Lederfutter ist schmutzig und fettig. Tom wagt nicht, die Mütze aufzusetzen. Aber knistert nicht Papier darin? Sollte da eine Nachricht eingenäht sein? - Der Rand des Amuletts ist mit einer Perle und drei perlengroßen Edelsteinen besetzt: jadegrün, topasbraun und rubinrot. Ein Stein fehlt. Offensichtlich hat er sich aus dem Ton gelöst. Hat Tom ihn schon verloren? Eilig wickelt er alles wieder ein und verbirgt es in seinem Koffer. Seinem Vater will er nichts davon sagen. Abends freut dieser sich, daß Tom wieder da ist. Aber er ist wortkarg. Seine geschäftlichen Besprechungen sind noch nicht einmal in Gang gekommen.

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Im Lamatempel

Das Nordhotel liegt an der breiten staubigen Hatamenstraße, die, fast sieben Kilometer lang, schnurgerade vom Himmelstempel in der Chinesenstadt bis zum Lamatempel an der Nordmauer der Tatarenstadt führt. Wenn man sie mit der Rikscha entlangfährt, sperren hölzerne Pailus (Ehrenbogen) die Sicht. Bei jedem Pailu und jeder Straßenkreuzung steht ein Polizist, der sich alle Passanten genau ansieht. Tom klopft das Herz. - Die "Lamaserei des ewigen Friedens", eine ehemalige kaiserliche Residenz, wurde von einem Mandschukaiser, der zum Lamaglauben übertrat, den Lamas geschenkt. Sie besteht aus vielen Hallen und Pavillons. Gelb glasiert sind die Dächer der Hauptgebäude. Ein Tor steht weit auf, Lamas strömen herein. Auf einem weiten gepflasterten Hof warten Hunderte von Mönchen auf das Zeichen zur Morgenandacht. Kindliche Novizen spielen wie Jungen auf einem Schulhof herum. Nur ein kleiner Teil der Lamas trägt gelbe Gewänder, die meisten sind rotgelb oder ziegelrot gefärbt. Tom weiß nicht, an wen er sich wenden soll. Keiner der Lamas trägt die gelbe Mütze. - Da ertönt das Zeichen zur Andacht. Die Töne von Pauken, Becken und Seemuschelschalen mischen sich zu einer durchdringenden, überirdischen Harmonie. Die Lamas ordnen sich zu langen Reihen und schreiten in die Gebetshalle hinein. Sie knien nieder. Vor einer Buddhastatue mit gelber Mütze thront der Abt. Mit einem Pfauenwedel gibt er das Zeichen zum Gebet. In die lautlose Stille bricht von neuem der Ton der Becken und Muscheln.

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Dumpf dröhnt dazu der Chorgesang der Mönche. Ihre verzückten Gesten verraten, daß sie in eine andere Welt eingegangen sind. - Wieder Stille. Lautlos schreiten die Lamas hinaus. Tom tritt vor den Abt hin, der noch verzückt auf dem Thron sitzt. Er scheint Tom überhaupt nicht zu sehen. Da zieht Tom den gelben Hut unter seiner Jacke hervor. Wie elektrisiert springt der Abt auf. Er bedeutet Tom, ihm in die Haupthalle zu folgen. Niemand ist darin. Sorgfältig verriegelt der Abt von innen die Tür. Toms Augen müssen sich an das Halbdunkel gewöhnen. Nur oben fallen einige Lichtstrahlen ein. Die Mitte des Raumes ist über zwanzig Meter hoch. Fast bis unter das Dach ragt eine große stehende Buddhafigur durch mehrere Stockwerke von Galerien auf. Es ist nicht der dicke lächelnde Buddha. Ernst schauen seine Augen in die Welt. Der Abt kann seine Erregung kaum verbergen. Fast entreißt er Toms Händen den Hut. Mit einem Griff hat er das verborgene Papier in der Hand. Er überfliegt das Geschriebene. Dann ist er wieder der würdige Abt. Aus einem Geheimfach des hölzernen Riesenbuddha entnimmt er eine kleine tönerne Buddhafigur und überreicht sie Tom mit einer tiefen Verbeugung.

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Wettrennen auf den Taischan

Mit fünf chinesischen Studenten aus Singapore macht Tom ein Wettrennen auf den Taischan, den großen, heiligen Berg. Vom Stadttempel in Taian am Fuße des Berges bis vor den Konfuziustempel auf dem Gipfel sind es 5858 Stufen! Fromme Pilger haben sie genau gezählt. Tom gewinnt das Rennen. In 3 Stunden und 32 Minuten ist er oben, obgleich der Reiseführer die Aufstiegszeit mit 6 Stunden angibt. Heiß brennt die Sonne auf die Stufen. Nackte bizarre Gneisfelsen gewähren nur selten Schatten.

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Im Pekingkarren vor den Stadttor von Küfu

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Tom erschrickt. Die Figur gleicht seinem Amulett in allen Einzelheiten. Aber am Rand fehlt kein Stein. Zwischen dem jadegrünen und der Perle ist ein leuchtend gelber Topas. Der Abt ergreift Toms Arm und tippt auf die Zehn seiner Armbanduhr. "Men", sagt er, und deutet dabei in die Richtung des Tempeltores an der Straße. Tom nickt. Er versteht. "Um 10 Uhr am Straßentor." Er hat eine halbe Stunde Zeit, sich in der Lamaserei umzusehen. Im zweiten Hof ist auf einer Steintafel die Geschichte der Lamakirche in chinesischer, tibetanischer, mongolischer und mandschurischer Schrift eingehauen. Mönche und Besucher des Tempels drehen eifrig die im Freien aufgestellten Gebetsmühlen. Jede Umdrehung gilt für tausend Gebete. Zehnmal läßt auch Tom die Gebetstrommel kreisen. Punkt zehn Uhr ist er am Tor. Ein Lama mit gelbem Hut drückt ihm eine in Zeitungspapier eingewickelte Rolle in die Hand. "Can go Lhasa", flüstert er ihm freundlich lächelnd zu. Tom wagt es nicht, das Päckchen in der Rikscha zu öffnen. Das Einwickelpapier ist eine ganz neue Zeitung. Sofort fällt Toms Blick auf zwei dicke Druckzeilen:

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REGIERUNGEN IN PEKING UND LHASA WOLLEN ÜBER EINEN ANSCHLUSS TIBETS AN CHINA VERHANDELN! DER ABT DES PEKINGER LAMA=KLOSTERS REIST NÄCHSTE WOCHE NACH LHASA, FLIEGT BIS BATANG.  

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Im Hotelzimmer schließt Tom sich wieder ein. Die Rolle ist ein vier Meter langes, ellenbreites Seidenband, je ein Stück weißer und rot=, blau=, schwarz= und gelbgefärbter Seide. Auf jeder Farbe steht in einer anderen Schrift ein Text; unter jedem ist ein großes rotes Siegel. Ganz am Ende, um den Rollstab gewickelt, ist auf weißem Briefpapier eine Mitteilung in Englisch eingeheftet. "Tom Birkenfeldt, ein deutscher Junge, ist eingeladen, den Abt des Lamatempels in Peking auf seiner Reise nach Lhasa zu begleiten. Abflug vom Nan Yüan=Flugplatz. PS. Die genaue Zeit wird durch einen geheimen Boten mitgeteilt." Tom hüpft das Herz vor Freude. Seinem Vater will er nicht eher etwas sagen, als bis die Reise ganz sicher ist. An Wang schreibt er sogleich einen Brief, daß die Jangtsefahrt aus besonderen Gründen vorerst aufgeschoben werden muß. Dann eilt er in Cooks Reisebüro im Gesandtschaftsviertel und besorgt sich Prospekte der chinesischen Fluglinien und eine Karte von Tibet. Die Entfernung Peking-Lhasa beträgt fast 5000 km. Hui! Das ist nicht viel weniger als von Berlin nach New York! In Tibet scheint es noch keinen einzigen Flugplatz zu geben. Batang liegt 500 km westlich vom chinesischen Großflugplatz Tschengtu.

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Tom in einer Rikscha

Seit Tom den geheimnisvollen Lamahut mit sich trägt, kommt er sich allenthalben wie ein Verschwörer vor. Sehen nicht die Polizisten an allen Straßenecken ihn mit mißtrauischen Augen an? Durchbohren sie mit ihren Blicken nicht das ärmliche Papier, in das der Hut eingewickelt ist? Tom spornt den Rikschakuli zu äußerster Eile an. "Zum Lamatempel am Antingtor! Kwaiti! Kwaiti!" (Schnell, schnell.)

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Einradkarren

Seit Hunderten von Jahren steht der unvergleichlich schöne Himmelstempel in der Chinesenstadt von Peking. Die Welt um ihn herum hat sich merkwürdig verändert. Statt kaiserlicher Sänften kommen neuerdings Rikschas und Luxusautos in seine Nähe. Eines der merkwürdigsten Gefährte des alten China ist der noch viel gebrauchte Einradkarren mit dem großen Rad in der Mitte. Wenn seine Ladefläche von schweren Lasten oder auch von sechs Personen besetzt ist, gehört viel Erfahrung dazu, ihn im Gleichgewicht zu halten.

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Aber von Batang nach Lhasa sind es noch 800 km über Land... Soll er sich ohne Wang in ein solches Abenteuer einlassen? Tom hat nun Zeit, sich die Wunder Pekings anzusehen. Aber zum Mittag= und Abendessen ist er immer pünktlich im Hotel. Er will es dem Boten leicht machen, ihn zu finden. Sein Vater hat selbst an Sonntagen keine Zeit für gemeinsame Ausflüge. An einem Freitag, als Tom gerade zum Sommerpalast aufbrechen will, ist der Bote da. "Abflug Sonnabend, 8 Uhr, Nan Yüan=FlugpIatz." Vater Birkenfeldt gibt Tom nicht nur seine Einwilligung, er schenkt Tom sogar einen großen Pekinger Pelzmantel und Pelzmütze und Pelzstiefel dazu!

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Flug nach Tibet!

Zum Abflug des Abtes haben sich viele hohe Würdenträger auf dem Flugplatz eingefunden, Regierungsbeamte in Uniform und Lamas in gelben und roten Gewändern. Sogar Tschu Enlai, Mao Tse tungs Außenminister, ist da. Tom in Weiß, seinen frisch geweißten Tropenhelm auf dem Kopf, seine Pelzausrüstung über dem Arm. In die Maschine steigen außer dem Abt und Tom zwei Lamas und zwei Regierungsbeamte. Ein Lama spricht fließend Englisch, ein Regierungsbeamter auch Deutsch.

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Tom an der Gebetstrommel im Hof des Lamatempels

Gebetsmühlen gibt es nicht nur in Tibet, sondern auch im Hof des Lamatempels in Peking. Jede Umdrehung der großen, mit tibetanischen Zeichen bedeckten Bronzetrommeln gilt für tausend Gebete. Tom hat dem Abte eine geheimnisvolle Botschaft überbracht und wartet jetzt auf eine Antwort. Indessen läßt er die Gebetstrommel zehnmal kreisen. Kurz darauf hat er seine Antwort. Er darf mit dem Abt nach Tibet reisen.

 

 

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